20
eingriffen. In dieſem Streite lagerte der Abt drei Tage vor Alsfeld, und da er der Stadt nichts anhaben konnte, ſo ſuchte er ſich durch meilenweite Verheerung der Umgegend zu rächen. Indeſſen eilten ihm die Bewohner nach und brachten ihm eine namhafte Schlappe bei, ſo daß er mit ſtark gemindertem Heere nach Hauſe kam 3³).. Trotz der faſt unaufhörlichen Fehden unter Heinrich dem Eiſernen und Hermann dem Gelehrten behielt Alsfeld doch noch auf längere Zeit hin Muße und Mittel zur Entfaltung einer ganz beſonderen bürgerlichen Thätigkeit. Darauf weiſ't nicht nur die Weiterbildung ſeiner ſtädtiſchen Verfaſſung hin, ſondern auch die anſehnliche Zahl baulicher Unternehmungen und frommer Stiftungen, die ſich hier in wenige Jahrzehnte zuſammendrängen. Die Durchleitung der Liederbach, die Frauenkirche, der Leonhards⸗ thurm, die Walpurgiskirche und ihr mächtiger Thurm ſind ſämmtlich in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts ausgeführt worden. Dazu bedachten wohlhabende Männer und Frauen die Kirchen mit Dotationen von Altären und mit Prachtwerken, wie man ſie damals in Heſſen wohl noch ſelten ſehen mochte 4). Der Pfarrrector von Alsfeld, Stebin oder Stephanus, war ein bei Heinrich dem Eiſernen hochangeſehener Mann. Neben ſeinem Amte an der Stadtkirche hatte er auch⸗ noch das eines Caplans des Landgrafen in der Capelle auf der Altenburg; außerdem war er des Landgrafen„innerſter Rath“ und der Verwalter ſeiner Gefälle in der Umgegend; auch zum Obmann eines Schiedsgerichtes in einem Streite zwiſchen Mainz und Heſſen iſt er einmal beſtellt geweſen 5). Unter Hermann dem Gelehrten ſah ſich Alsfeld zeitweiſe zur Reſidenz erhoben; in ſeinem daſelbſt neuerbauten Schloſſe hatte dieſer Land⸗ graf 1395 eine Verſammlung fürſtlicher Häupter zur Abſchließung eines Landfriedensbündniſſes um ſich 6). Der ebenfalls unter Hermann am Fulderthore neu aufgeführte Leonhardsthurm ⁷), ein mächtiger Stein⸗
³) Ueber dieſe Fehde ſ. Anonymi vita Henrici V Abbatis Fuldensis, b. Schannat Hist. Fuldens. Tom. II. p. 236. Brower, Antiqu. Fuldens. lib. IV. p. 320. Eine Angabe des Jahres findet ſich bei beiden nicht.— Die Congeries (Kuchenbecker I. 3) nennt das Jahr 1314, Winckelmann(Lobrede S. 11) das J. 1312, Teuthorn(VI. 80 ff. u. 119) das J. 1323 oder 1324. Schmidt(II. 93) und Rommel(II. 111) legen das Ereigniß in das Jahr 1319 oder kurz vor dasſelbe, was am meiſten für ſich hat.
⁴) Bei dem damals noch ſo geringen Verkehr zwiſchen Deutſchland und Frankreich liegt wohl die Vermuthung nahe, daß der pariſer Codex des Nikolaus de Lyra, welcher 1371 der Pfarrkirche von den beiden Caplänen des Landgrafen, Stebin und Sibold Rotzmul, zum Geſchenke gemacht wurde, durch Vermittlung des berühmten heſſiſchen Theologen Heinrich von Langenſtein, der damals zu Paris lehrte, nach Deutſchland gekommen ſei. Leider iſt von den ſechs geſchenkten Bänden nur noch ein einziger vorhanden.
*) Ueber ſeine verſchiedenen Aemter ſ. Würdtwein, Dioec. Mog. III. 298. Hiſt. diplom. Unterricht von des deutſchen Ordens Privilegien, Beil. 84. Baur H. U. 603.
*) Winckelmann Th. II. S. 200. Guden. III. 630. Das Schloß ſtand an der Stelle des jetzigen Landgerichts⸗ gebäudes.
*) Erbaut 1386. Die heute gebräuchliche Namensform läßt ſich nicht mit alten Urkunden belegen. Die Chorographie ſagt:„Es wird auch dieſer Gefängnißthurm vom gemeinen Mann gewöhnlich Leiner genannt, halte aber meines wenigen Bedenkens dafür, daß dieſes ex abusu linguae verſtümmelterweis alſo geſchehe und er viel rechter Turris S. Leonhardi, St. Leonhards⸗Thurn, heiße, als welchen vor alten Zeiten die Papſtler für einen Patron der Gefangenen angeſchrien und dieſer Thurn zu deſſen Ehr ſey alſo geweihet worden, wie denn auch das alte Gemählds an der Mauer obig der Fulder⸗ pforten um ein Merkliches ſolches anzeigen kann, ſo nunmehr meiſtentheils verblichen und verfallen iſt.“ Man ſieht, daß Gilſa oder deſſen Commentator Leußler hier nur eine Conjectur aufſtellt, deren Richtigkeit wir auf ſich beruhen laſſen. Die Beſtimmung des Thurmes war aber gewiß nicht vorzugsweiſe die eines Gefängniſſes. Uebrigens war nach der Legende St. Leonhard allerdings der Patron der Gefangenen, aber ein für die Obrigkeiten ſehr gefährlicher: er bat ſeine Anrufer nicht nur mit guten Worten los, ſondern ſprengte nöthigenfalls auch Ketten und Thürme(Fr. Pfeiffer, Deutſche Myſtiker I. 237). Was konnte wohl eine Obrigkeit beſtimmen, einem ſolchen Heiligen gerade ihren Gefängnißthurm zu dediciren? Etwa die Abſicht, ſich mit ihm abzufinden? In einem Bauregiſter von 1479 findet ſich ein Lengrabenthor genannt,


