XI. Kirchliches vor der Reformation.
Lange Zeit vor der Erbauung der noch heute ſtehenden Walpurgiskirche hat Alsfeld ſeine eigne Pfarrkirche gehabt; denn ein Pfarrer von Alsfeld wird bereits 1233 erwähnt ¹). Daß dieſe Kirche aber dem heiligen Leonhard geweiht geweſen ſei, iſt eine Vermuthung Nebel's, die auf keiner hiſtoriſchen Grundlage ruht. Unter den zum Theil gut dotirten Altären der alten Kirche war einer der Jungfrau Maria ²), ein zweiter dem heiligen Nikolaus ³), ein dritter der heiligen Katharina ¹), ein vierter endlich der heiligen Anna und St. Johannes geweiht. Merkwürdig iſt die Dotationsurkunde des letzteren ⁵). Es wird in derſelben genau vorgeſchrieben, welchen Bildungsgang die aus der Familie des Stifters künftig zu beſtellenden Altariſten durchzumachen haben.
Der Bau der gegenwärtigen Kirche, vermuthlich an der Stätte der alten, ward 1393 begonnen. Dieſes Jahr, ſowie die Dedication zu Ehren der heiligen Walpurgis, ſteht durch eine an der Außenſeite des Chores eingehauene Inſchrift feſt ⁵6). Dieſe Kirche zeigt uns einen Maſſenbau im Spitzbogenſtil mit ſehr geſparter Ornamentik; doch ſind ihre baulichen Verhältniſſe dem Auge nicht unangenehm. Der Grundſtein des ebenſo maſſenhaften Glockenthurms wurde, nachdem der frühere Thurm kurz vorher eingeſtürzt war, am 7. Mai 1394 gelegt, wie eine Inſchrift in der Durchgangshalle beurkundet*). Die beträchtlichſten der alten Altäre, wenn nicht vielleicht alle, wurden ſchon der Stiftungen wegen auch in der neuen Kirche wieder errichtet. Wir finden ſie im 15. Jahrhundert fortwährend bald mit neuen Vermächtniſſen bedacht, bald ihr Vermögen in Renten oder Grundſtücken anlegend. Nach einem im J. 1533 aufgeſtellten Inventarium von Urkunden über Zinſen und Gefälle beſaß der Frauenaltar 39
¹) Siehe S. 14 des vorj. Progr.
²) Zugleich auch den heil. Jungfrauen Maria Magdalena und Margarethe geweiht, geſtiftet 1331 von dem Prieſter Hartmann Fleſchard(Orig. im Rathsarchiv); weiter beſchenkt 1350 von Vulpracht Reiteſel(Riedeſel)(Regiſter im Raths⸗ archiv); weiter bereichert 1380 durch Happel Schaufuß und deſſen Gattin, die ihm ihr Gut zu Tudinrode ſchenkten (Orig. im Rathsarchiv). 3
³) Geſtiftet 1347 von dem Pfarrer Johann von Bernhartisburg(Arch. f. Heſſ. Geſch. Bd. IV. Heft 3. Nr. 9. S. 11).
⁴) Cyſe Zeulin, Bürgerin zu Atsfeld, ſtiftete ihn 1357„ad laudem Dei, beatae Mariae virginis, beati Michaelis Archangeli, Clementis et Katharinae virginis et martyris“(Baur, Heſſ. Urk. 620). Eine andere Alsfelderin, Alheid Pfannkuche, ſchenkte 1365 demſelben Altare ihr Gut am Ratzenberg(Urk. im Rathsarchiv).
⁵) Guden. III. 491. Die Stiftung geſchah 1371 durch Sibold Rotzmul, Pfarrer zu Homberg. Noch 1460 findet ſich ein Gottſchalk Rotzmul, Clericus, Vicarius perpetuus des Altars zu St. Anna.(Chorogr.).
6)„Anno Domini M. CCC. XC. tercio hoc gloriosum opus inchoatum est in crastino ascensionis Domini (16. Mai) in honorem Dei, Marie et Walpurgis virginis“. Nebel hat dieſe Inſchrift unvollſtändig wiedergegeben und auch außerdem in der Jahrzahl geirrt, indem er 1343 angibt. Wie K. Dieffenbach(Geſch. v. Alsfeld S. 30) dazu kommt, dieſe Kirche auch St. Katharinenkirche zu nennen, iſt mir räthſelhaft. Ph. Dieffenbach(Archiv V. Heft 1. Nr. IV. S. 49) iſt ihm hierin gefolgt.
²)„Anno Domini M. CCC. XCIIII. in nocte conversionis Sancti Pauli(25. Januar) ruit antiqua turris. Eodem anno crastino die Sancti Johannis ante portam Latinam hocg opus est inchoatum“. Das Feſt S. Johannis ante portam Latinam fällt auf den 6. Mai. Statt die chronologiſche Beſtimmung zu verſtehen, denkt die Chorographie an den Tag Johannes des Täufers(24. Juni) und bezieht das„ante portam Latinam“, worin ſie das Mainzerthor erkennen will, auf den Bauort. Als ob ein ſteinerner Kirchthurm außerhalb der Stadt gebant werden und dann doch mitten in derſelben ſtehen könnte!


