41 Das Titelblatt iſt leer gelaſſen; auf der erſten Textſeite ſteht als Ueberſchrift:„Dieſes nachfolgende würdt in zwey theil getheilt, das Erſte ſagt von den Bürgern dießer Stadt Alßfeldt, das ander Theil ſagt von dem Gericht und was darzu gehöret.“ Die Hand iſt fließend, gehört aber einem unwiſſenden Abſchreiber an, der weder des Lateiniſchen, noch der alten Schrift kundig war und der, abgeſehen davon, daß
„bei allem Bemühen ſich an die alterthümliche Orthographie zu halten, dieſelbe doch ſehr oft verläßt, an mehr als einer Stelle vollkommenen Unſinn gibt ²). Dieſer Abſchrift des vorigen Jahrhunderts liegt ein Original zu Grunde, das zwiſchen 1556 und 1574 geſchrieben ſein muß; denn das erſtere Jahr kommt im Texte der Handſchrift als ein ſchon vergangenes vor(S. 87), und das Salbuch von 1574 ſetzt die Bürgermeiſterwahl zu Alsfeld ſchon auf das Neujahr, während in der Handſchrift noch der Tag Petri vincula als Wahltermin erwähnt wird(S. 24).
Prüfen wir nun weiter dieſe ſogenannten alsfeldiſchen Statuten auf ihren Inhalt, ſo ergibt ſich, daß wir in ihnen nichts anders als eine ſehr urtheilsloſe und unfreie Abſchrift des Buches von Emerich mit ſehr geringen Abänderungen, einigen wenigen Auslaſſungen und etlichen eignen Zuſätzen vor uns haben. Die Abänderungen beſtehen meiſtens darin, daß da, wo bei Emerich der Name Frankenberg geſetzt iſt, hier der Name Alsfeld erſcheint und daß an einigen Stellen über gewiſſe untergeordnete Stadtämter und über Gerichtsgebühren abweichende Angaben vorkommen; die Auslaſſungen betreffen faſt nur dasjenige, was, als abſolut local, gar nicht übergetragen werden konnte, wie frankenbergiſche Mühlen, Spitalverhältniſſe und Feuersbrünſte; von den Zuſätzen werden wir weiter unten reden. Emerich ſchrieb 1493, nachdem Frankenberg viele ſeiner Urkunden durch das Feuer und überdieß ſeine älteſten und erfahrenſten Schöffen durch den Tod verloren hatte, ſein Buch zur Rechtsbelehrung für die jüngere Generation. Dasſelbe iſt kein amtliches Weisthum, ſondern das Privatwerk eines wohlmeinenden Greiſes, der auch ſelbſt ſeine perſönlichen Reflexionen mit einfließen läßt. Sein Zweck war, daß die Freiheiten und guten Gewohnheiten ſeiner Vaterſtadt nicht vergeſſen und verloren würden. Dabei beſchränkt er ſich keinesweges auf das ſpeciell Frankenbergiſche, ſondern er beruft ſich ſehr häufig auf die allgemeinen Beſtimmungen des Kaiſerrechts, des Landrechts und des Decretalenrechts, wobei er auch ſelbſt Beziehungen auf das römiſche Recht nicht vergißt.
Welchen Zweck und Beruf nun aber derjenige gehabt habe, der mehr als ſechzig Jahre nach Emerich deſſen Aufzeichnungen mit geringen Abänderungen abſchrieb und auf Alsfeld übertrug, iſt ſchwer zu ſagen. Wollte er, wie Emerich, eine praktiſche Anweiſung geben? Faſt ſollte man das glauben, da er dasjenige, was er vorbringt, als noch geltendes Recht behandelt und ſogar noch eine im Jahre 1556 gemachte unerhebliche Modification berührt. Aber einer ſolchen Beſtimmung entſpricht im Uebrigen ſeine Arbeit keinesweges; denn ſie enthält eine Menge von Dingen, die, wenn ſie überhaupt jemals in Alsfeld Geltung hatten, doch wenigſtens damals längſt abgeſchafft ſein mußten. Zwiſchen Emerich's und des Abſchreibers Zeit liegen 1) Wilhelm's II Gerichtsordnung von 1497, 2) desſelben Landgrafen undatirte Reformations⸗ ordnung für geiſtliche, Civil⸗ und Polizeiſachen, 3) Philipp's d. G. Hofgerichtsordnung von 1524, 4) die
⁷) So heißt es z. B. Seite 90: autem nicumbit probatum für actori incumbit probatio; S. 92: de regula transum ad religionem ſtatt: de regularibus et transeuntibus ad religionem; S. 62: im Land Rechten im 7. Capitel ſtatt: im ſelben Capitel; S. 125: wiſſentlich für unwiſſentlich; S. 126: die helffte buß ſtatt: die höchſte Buße u. ſ. w. Damit hängt denn auch zuſammen, daß der Abſchreiber einmal das 22. Capitel des Landrechts citirt, wo bei Emerich das 77. ſteht, und Aehnliches. Die Ziffern treffen ſonſt in der großen Mehrzahl in der Handſchrift und bei Emerich ganz zuſammen, und an ein eignes Exemplar des Schwabenſpiegels zu Alsfeld iſt darum nicht zu denken.— Von derſelben Hand, welche die fragliche Abſchrift gefertigt hat, iſt auch der im J. 1742 aufgeſtellte„Status ecclesiasticus der Stadt Alsfeld“ in's Reine geſchrieben.(Im Pfarrarchiv.)
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