III. Wappen und Siegel.
Das Stadtſiegel von Alsfeld finde ich zuerſt 1260 und dann weiter bis zum Schluſſe des Jahrhunderts zur Beglaubigung von Urkunden gebraucht, deren Originale mir nicht vorliegen; nach den Bemerkungen der Herausgeber hängt es an einem Theile derſelben entweder nur in beſchädigtem Zuſtande an, oder iſt ganz abgefallen. Im Texte wird es bald als sigillum civitatis, bald als sigillum universitatis, bald als sigillum sculteti et universitatis oder in anderer allgemeiner Weiſe bezeichnet ¹). Beſtimmter heißt es in einem richterlichen Vergleiche von 1305 und dann öfter: sigillum sculteti et burgensium(in Alsfelt) ²). Wir erkennen hierin das große Inſiegel der Stadt, das auch in den folgenden Jahrhunderten noch zuweilen gebraucht wurde. Dasſelbe zeigt uns eine ſitzende männliche Figur in ganzer Geſtalt, mit einem faltenreichen Gewand bekleidet: das Haupt iſt unbedeckt, das Kinn ohne Bart, über das obere Ende der Stirn zieht ſich eine kurze punctirte Linie, die indeſſen mit einer Krone nichts gemein hat; in der rechten Hand hält die Figur ein emporgerichtetes Schwert, in der linken eine flatternde Fahne; an ihr linkes Knie lehnt ſich ein dreieckiger, an den Seiten etwas geſchweifter Schild, auf welchem ein rechtsgewendeter, zum Grimme geſchickter und, wie es ſcheint, gekrönter Löwe mit gefiedertem, am Endbüſchel nach innen gekehrtem Schweife zu ſehen iſt. Die Mähne des Löwen iſt in ähnlicher Weiſe punctirt, wie der Haarrand der Figur. Um den zirkelrunden Rand des Siegels zieht ſich zwiſchen zwei punctirten Parallelkreiſen in ſehr alten Charakteren die Umſchrift: † S.SCVLTETI. ET.BVRI GESIV. I.ALSFELT ³). Dieſe Siegelform gehört in Territorialſtädten gewiß unter die ſehr ſeltenen.
Beim erſten Anblick fühlt man ſich unwillkürlich an die kaiſerlichen Majeſtätsſiegel erinnert. Auch hat Günther in der ſitzenden Figur wirklich das Bild Karl's d. G. vermuthet. Gegen dieſe Annahme aber ſprechen ſehr erhebliche Gründe. Erſtens fehlt es, wie wir geſehen haben, an allen wirklichen Beziehungen Karl's d. G. zu unſerer Stadt, und die eingebildeten, wie ſie ſich ſpäter geſtaltet haben, ſind zwar aus Gerſtenberger's Zeit, keineswegs aber aus dem 13. oder 14. Jahrhundert nachweisbar. Ferner ſtellen die ſogenannten Majeſtätsſiegel, die zu Karl's Zeit noch gar nicht üblich waren, ſondern erſt unter Otto III aufkamen, die Kaiſer nicht mit Schild, Schwert nnd Fahne, ſondern mit Krone, Scepter und Reichsapfel dar. Drittens hat der Löwe auf dem Schilde keine Beziehung zu Karl dem Großen. Endlich iſt es mir zweifelhaft, ob ſich irgendwo ein unbärtiges Bild dieſes Kaiſers findet.
Mit dieſer negativen Argumentation verbinden wir, um zu einem beſtimmteren Ergebniſſe zu gelangen, folgende Wahrnehmung. Die Stadt Grünberg führt in ihrem großen Siegel einen nach rechts ſprengenden Reiter, der ſein unbebartetes, nicht typiſch, ſondern porträtartig gehaltenes Antlitz dem Beſchauer zuwendet; an der Linken trägt er ein in der Scheide ſteckendes Schwert und einen Schild mit einem Löwen, der dem alsfeldiſchen gleich iſt, nur daß er keine Krone trägt; mit der Rechten hält er eine fliegende Fahne. Der Reiter iſt baarhaupt. Die Umſchrift lautet: S. universitatis burgensium in Gruneberg ⁴). Schon auf Urkunden des 13. Jahrhunderts findet ſich dieſes Siegel 5). Niemand
¹) Die Siegelung findet ſich: 1260 bei Gudenus I. 676;3 1266 bei Retter, Heſſ. Nachrichten III. 16; 1270 bei Baur, Urkundenbuch des Kloſters Arnsburg S. 78; 1272 in Entd. Ungrund der Einwendungen gegen der d. Ordensballei Heſſen Gerechtſame ꝛc. Beil. Nr. 76; 1276 bei Retter, Heſſ. Nachr. III. 17; 1278 bei Baur, Heſſ. Urkunden S. 166; 1290 bei Kuchenb. XI, 169; 1295 bei Baur, Heſſ. Urk. S. 209.
2) 1305 b. Wenck II, U. B. S. 257, 1308 b. Schannat, Dioeces. Fuldens. Cod. Prob. 302.
³) Abgebildet bei Günther, Wappen der Städte des Großh. Heſſen,— im Arch. f. Heſſ. Geſch. Bd. III. Nr. XI.
4) Abgebildet bei Günther, ebendaſ..
³) Kuchenb. VII. S. 69 u. 77.


