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und Rath zu Alsfeld an Philipp den Großmüthigen, ihre Stadt ſei im J. 298 erbaut ³). Etwas ſpäter beſang ein geborener Alsfelder, Dr. Juſtus Eckhardt, den Urſprung der Stadt in Hexametern. Einen Ulyſſes, doch nicht den Homeriſchen, macht er hierbei zum Erbauer, deſſen Namen der Mund des Volkes zu den Formen Ulſing und Alſing verſtümmelt habe, und von dieſem Alſing ſei denn der Name Alsfeld hergekommen. Ein alsfeldiſcher Conrector, Heinrich Leußler, der dann weiter dieſe Verſe mit einem eben ſo gelehrten als verkehrten Commentar verſah, rechnete nun gar heraus, daß Alsfeld im J. 1311 vor Chriſtus erbaut ſein müſſe.
Dilich läßt ſich nicht darauf ein, das Gründungsjahr zu bezeichnen. Die Stadt werde, ſo ſagt er, als die älteſte im Heſſenlande geachtet, doch wiſſe man nicht, wann ſie anfänglich gebaut worden,„ſintemal ſie vor Jahren ſammt ihren Briefen und Urkunden ganz und gar verbrunnen.“ Nach ihm berufen ſich auch Abraham Saur und Winckelmann auf einen ſolchen allgemeinen Vernichtungsbrand, der alle Beſtimmung des Alters unmöglich mache. Die Annahme des Brandes iſt faſt eine feſtſtehende geworden. Nun iſt es aber merkwürdig, daß von einem ſo denkwürdigen Ereigniſſe ſich nirgends eine hiſtoriſche Spur findet. Selbſt Gerſtenberger, der doch ſein aufmerkſames Auge auf Alsfeld gerichtet hat und der von Frankenberg, Grünberg, Marburg und andern Städten ſo manchen Brand zu berichten weiß, ſchweigt in dieſer Beziehung über Alsfeld gänzlich. Die zahlreichen Urkunden, die im Rathsarchive aufbewahrt werden, beginnen mit dem J. 1318 und reichen von da ununterbrochen bis auf die jüngſte Zeit herab. Andere Documente, die ebenfalls auf die Stadt Bezug haben, füllen beinahe das ganze vorhergehende Jahrhundert und ſcheinen nicht weniger für ein ungetrübtes Leben derſelben zu ſprechen. Der verwüſtende Brand müßte alſo in noch früherer Zeit ſich ereignet haben, d. h. in einer Zeit, wo die Städte in Heſſen überhaupt erſt in Aufnahme zu kommen anfingen und wo mithin das Feuer in denſelben an Bauten und Urkunden kaum etwas zu verſchlingen fand. Faſt ſollte man glauben, daß jener Brand, für den ſich nirgends weder eine gleichzeitige Nachricht, noch eine paſſende Epoche finden läßt, nichts anders als eine bloße Hypotheſe ſei, hervorgegangen aus der Frage, wie es doch komme, daß über eine Stadt, von deren Alter eine ſo hohe Meinung herrſchte, aus den früheren Jahrhunderten ſo ganz und gar nichts Urkundliches vorliege. Der Zeitpunkt wenigſtens, den Nebel dem angeblichen Ereigniſſe anweiſ't ¹), iſt offenbar nicht richtig getroffen. Weil dieſer Gelehrte bei ſeiner kurzen Anweſenheit in Alsfeld keine älteren Urkunden als von 1343 zu Geſicht bekam, ſo ſchloß er daraus, daß der Brand in das Jahr 1340 oder 1341 zu ſetzen ſei. Wir haben bereits oben angeführt, daß Alsfeld wirklich ältere Urkunden beſitzt, und dasjenige, was unmittelbar nach 1340 ſich begab, ſpricht nicht für ein Erſtehen aus Schutt und Aſche, ſondern für ein auf unerſchütterter Grundlage des Wohlſtandes emporblühendes Gemeinweſen.
2. Hiſtoriſche Spuren.
Nachdem wir ſo durch Zurückweiſung des Unhaltbaren und Abenteuerlichen freiere Bahn für das Weitere gewonnen haben, fragen wir zuerſt, welches Ergebniß auf urkundlichem Wege,— denn zuverläſſige Chroniſten erwähnen die Stadt erſt ſehr ſpät,— über das Alter von Alsfeld ſich finden laſſe. Ueber Mangel an Urkunden oder wenigſtens aus Urkunden gefloſſenen Aufzeichnungen iſt hier,
8) Chorographia. Ausführliche und gründliche Beſchreibung der Stadt und des Bezirkes Alsfeld ꝛc. von Joh. Moritz von Gilſa, in bequeme Capita und Classes gebracht von Heinrich Leußler, Conrector zu Alsfeld. 1664. S. 1.— Eine dürftige Compilation aus Dilich, Münſter, Saur, Winckelmann u. ſ. w., die nur über einige Einzelheiten aus der Zeit ſelbſt Brauchbares gibt. Sie iſt nur im Manuſcript vorhanden; die mir vorliegende Abſchrift iſt ſehr fehlerhaft.
) A. a. O. S. 3.
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