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1 (1912)
Entstehung
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Griechen leben die Toten, Könige und Bettler, geistig hervor- ragende Menschen und Tölpel in der Unterwelt, außerdem schloß ihre Vorstellung des ehernen Himmels und die ursprüngliche Sternenauffassung den Glauben aus. Wir finden aber die Keime des Katasterismenglauben schon bei Hesiod, er erklärt die Plejaden als ehemalige, irdische Nymphen; vielleicht geht dies schon auf die Kykliker zurück, denn nach dem Scholion zu Ilias XVIII 486 haben diese das Sternbild bereits als frühere jJungfrauen be- zeichnet. Pherecydes schöpfte aus einer ähnlichen Quelle und ließ die Hyaden die Ammen des Zeus gewesen sein, die ob ihrer Fürsorge von dem Cotte später als Sterne an den Himmel ge- setzt wurden. Im 5. Jahrhundert wuchert dann ein üppiger Katasterismenglaube auf. Dichter und Astronomen setzen eine Ehre darin, die alten inhalts- und verständnislos gewordenen Sternnamen mit irgend einem Mythus in Verbindung zu bringen und die Sterne oder das Sternbild als gewesene Menschen, Helden oder Nymphen zu deuten. Daneben lockerten aber die Philo- sophen den alten Unterweltsglauben durch die Ableitung der Seele aus einer überirdischen göttlichen Ursubstanz, zu der sie nach des Tode des Körpers wieder aufschwebt. Von ihnen sind dann neue Lehren in das Volk getragen worden, wonach alle Menschen nach dem Tode an dem Himmel als Sterne weiterleben. Sie haben damit bereits im 5. Jahrhundert großen Eindruck gemacht, denn Aristophanes zerrt im Frieden(820 ff.) diese Idee vor das Volkstribunal der Athener und macht sie lächerlich. Sein beißen- der Witz, daß die Sternschnuppen solche Sterne sind,die vom späten Gelag bei irgend einem reichen Stern nach Hause gehen und mit der Laterne in der Hand nach Hause wanken, muß aber auf bestimmte volkstümlich naive Ansichten hinzielen. Das sehen wir daraus, daß bis auf Lucians sarkastische Darstellung der Sternenstadt Lychnopolis und ihrer Bewohner, die lauter große und kleine Lichter sind, der Witz des Aristophanes mancherlei literarisches Echo gefunden hat. ¹4) Man stelle daneben nun den primitiven Naturmenschen mit seinem Glauben, daß die Sternschnuppen Trunkenbolde sind, die nachts zur Erde kehren mit dem warnenden Ruf:Trink nicht, Trink nicht und tags versuchen, wieder in den Himmel hinaufzustolpern, aber immer nachts wieder herunterfallen,¹4s) so sieht man, daß der hoch- entwickelten griechischen Unterweltsvorstellung an sich der Ge- danke nur lächerlich erscheinen konnte. Mit orientalischen und religiösen Elementen durchsetzt fließt der Glaube in schmalen Kanälen im Lauf der Jahrhunderte durch die antike Welt hin-

¹47) J. Boll, Zum griechischen Roman= Philologus LXVI, 1 ff. 148) American. Folk-lore XIX 210.