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1 (1912)
Entstehung
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durch und hat nur wenig befruchtend auf die Volksseele gewirkt; das zeigt sich uns deutlich aus den kärglichen Anspielungen in Grabepigrammen und dem symbolischen Gräberschmuck. Er fristet sein Dasein hauptsächlich in den Sekten und gewissen Philosophenschulen.

Das ganze Sternseelenproblem beginnt damit, daß hervor- ragende Menschen ihre Laufbahn mit der Verwandlung in einen Stern abschließen. Wie in der wilden Mythologie sind auch in der antiken Literatur folgende Varianten über die Metamorphose beachtet worden: 1. Der ganze Mensch wird als solcher, wie er ist, zum Stern. Er wandert dabei auf langer weiter Wan- derung bis zur fernsten Grenze der Erde und kommt von da in den Himmel, oder er springt von einem hohen Baume oder Berge in den Himmel, oder klettert in denselben. Für die Er- weiterung der Kahnfahrt oder Wanderung über das Meer auf einem glänzenden Wege haben wir oben Beispiele kennen ge- lernt. Weiter hat man den Aufstieg auf Leitern(besonders Pfeil- leitern, der Held schießt den ersten Pfeil an das Himmelsgewölbe, den zweiten in die Kerbe des ersten usw.) oder auf Seilen, die mit dem Pfeile an den Himmel festgeschossen werden, bewerkstelligt. Gerade diese Ideen sind den Wilden Australiens, Afrikas und Amerikas besonders geläufig. Ziemlich isoliert steht die Schilderung, daß gewisse Men- schen einen Kreis bilden, sich die Hände geben und im Kreistanz zum Himmel auffahren und dort als Sterne weitertanzen. ¹⁴³⁵) In der Antike spielt eine besondere Rolle die Auffahrt auf einem Vogel, einer Wolke, einem feurigen Wagen oder Rossen. ¹⁵⁰0o) 2. Nicht der ganze Mensch, sondern ein Teil desselben wird verwandelt, bei Wilden sinnlich gedacht das Auge, als Sitz der Seele, bei den Kulturvölkern die Seele als unsichtbares feuerartiges Lebensprinzip. Diese schwebt ent- weder selbst infolge ihrer ätherischen Beschaffenheit gen Him- mel, oder ein höheres Wesen(Stern Gottheit Qötterbote) kommt herab und nimmt sie mit an den Himmel. Die Stern- schnuppen sind in dieser Ideenfolge entweder aufsteigende oder zur Erde herabkommende Seelen. Daneben aber findet der Glaube auch großen Anklang, daß die Seele, wie ur- sprünglich der ganze Mensch, zum Ende der Erde wandert und von dort auf der Milchstraße in den Himmel zu ihrem letzten Bestimmungsort aufsteigt, um dort als Stern weiter- zuleben. Wir treffen viele Naturvölker, die heute noch in den

¹49) Am Urquell III 87. W. Wundt, Völkerpsychologie. Leipzig 1909, II 3, 291. 430) Wundt a. O. 220 ff. A. Dieterich, Mithrasliturgie 179 ff.