— 40—
menschen nicht besonders verwundern. Logisch richtig ist hier der Typus der einäugigen Sternmenschen geschaffen worden, denn ées blinkt ja immer nur ein einzelnes Auge vom Firmament herab. Und in dieser Form können diese Wesen gar nicht völlig den Menschen wesensgleich, sondern nur halbe Menschen sein. Damit ist der Typus des einseitigen, gewisser- maßen durchgeschnittenen Sternenmenschen geschaffen, wie er uns in einer reichen Masse von Naturmythen ent- gegentritt. Wie konsequent solch eine Vorstellung auf primi- tiver Stufe durchdacht werden kann, sehen wir aus einer Mythe des Kodiak Island, wo ebenfalls ein Erdenweib im Himmel die Frau eines Sternes wird. Dieser ist einseitig und hat auf der Stirne ein schönes, funkelndes Auge. Das Kind, das sie zur Welt bringt, gleicht genau dem Vater; vor allem schön ist das eine Auge, in dem mehr Glanz und Leben liegt als in den üblichen zwei Augen der sterblichen Erdenkinder. Ihr Gatte schläft bei Sonnenaufgang einige Stunden, dann jagt er allerhand Seegetier, wenn es stürmisch ist, bleibt er in der Nacht zu Hause, bei heiterem Himmel aber liegt er auf dem Himmelsboden lang ausgestreckt und beobachtet die Menschen. ¹²*) In einem anderen Mythus wird erzählt, wie ein Mädchen, das den Mond heiratete, trotz strengen Verbotes ausgeht. Sie findet über- all kurze Schwänze, aber nirgends Menschen. Sie machte sich ein Vergnügen daraus an die Schwänze zu stoßen und zu ihrem Staunen bemerkte sie bei näherem Zusehen Männer, die auf dem Gesicht ausgestreckt dalagen. Sie stieß sie an, und jeder drehte sein eines leuchtendes Auge um und rief, warum störst du mich? Ich arbeite und bin fleißig!— ¹ss)
Wir sehen, wie an sich völlig inhaltlose Begriffe wie Sonnen- auge, Sternauge hier noch das ursprüngliche lebendige Bild in sich haben; sie sind bei uns leblos geworden, gehen aber doch noch in unserem Sprachschatze weiter. Andererseits schließen wir, daß auch den alten Völkern ursprünglich etwas Aehnliches vorgeschwebt haben muß, als bei ihnen die Idee sich durch- brach, daß von da oben Sternenaugen heruntersähen. Im Mittel- alter glaubte man die Augen der Engel zu sehen, die aus den Himmelsfenstern herunterschauten, um das Tun der Menschen zu beobachten. Noch ein Problem haben wir zu streifen, das allerdings kaum ausgedacht worden ist: die Sternenmenschen haben leuchtendes Schuhwerk, das durch die Himmelsdecke hin- durchschimmert. Obwohl der Gedanke eigentlich sehr nahe
an F. A. Golder, Tales from Kodiak Island= American Folk-Lore 16 S. 21 ff. 138) Golder a. O. S. 28 ff.


