Druckschrift 
1 (1912)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

Merkmale von der eigentlichen Gestalt zusammen, zurück bleibt nur Bewegung und leuchtende Farbe. Diese Tatsache können wir jederzeit von einem Turme aus oder einem hohen Berge, der uns einen weiten Ausblick ins Tal gewährt, feststellen. Nachts sieht das Auge droben ganz ähnliche leuchtende Punkte am Firmament aufziehen und herumwandern, der Blick und die Beobachtung derselben ruft unwillkürlich die Erinnerung an das weidende Vieh wach, schafft die Parallele mit den irdischen Tieren und gibt den Himmelskörpern nicht nur Namen, sondern auch wirkliches identisches Leben und Treiben der am Tage von ihm beobachteten Tiere. Daß es bei den klassischen Völkern wirklich einmal eine solche Zeit gegeben hat, wo sämtliche Sterne als Tiere aufgefaßt wurden, darauf deuten die aus vorhomerischer Zeit herkommenden Benennungen von besonders hervorragenden Sterngruppen mit Tiernamen. So heißt der große Bär bei beiden Völkern die 7 Ochsen. Wie Varro uns belehrt, nannten die Bauern noch in klassischer Zeit so ihre Stiere, mit denen sie pflügten.ss) Es waren also gerade die sieben glänzendsten Sterne für den griechischen und römischen Bauern wegen ihrer lang- samen Drehung während der Nacht wesensgleich mit den schweren irdischen Stieren. Wie dieselben tagsüber das Land aufpflügen oder im Kreise als Dreschochsen auf der Tenne umherstampfen,s0) so ziehen die sieben Himmelsochsen auf dem Himmelsboden oder der Himmelstenne umher. Man braucht dabei noch gar nicht an die später sehr ausgeprägte Gleich- stellung von Rind und Licht resp. Lichtgottheit zu denken, der naive Mensch sieht das Leben am nächtlichen Himmel, sieht die 7 großen Sterne, und unwillkürlich kommt ihm die Gleich- setzung mit seinem größten Stolz, seinen Ochsen. Nun kann entweder jeder Stern als gleiches Himmelstier aufgefaßt werden, so daß eine große Herde ganz gleichartiger Himmelstiere dort oben friedlich weidet, oder es wandern ganz verschiedenartige Geschöpfe auf jenem überirdischen Lande. Letzteres wird durch die Beobachtung der hellsten, der mittleren und schwachleuch- tenden Himmelskörper geschaffen. Wir finden die Belebung der Himmelsfläche mit ganz verschiedenartigen Tieren in der Antike. Das ebenfalls aus vorhomerischer Zeit stammende Stern- bild der Hyaden, d. h. Schweinchen, sowie der uralte Hund zeigen uns das zur Genüge. Die kleine schwachleuchtende Stern- gruppe im Kopf des Stiers hat den Namen Hyaden= Schweinchen, weil sie an die um ihre Mutter(= Aldebaran Stern erster Größe) gelagerten Ferkelchen(die 6 um Aldebaran herumliegenden

ss) de lingua lat. VII 73 scq. 86) s. Nitzsch zu Homer Odyss. V 272.