Druckschrift 
1 (1912)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

Himmelskörper zu ersetzen.²*) Besonders verbreitet war im Mittelalter die Auffassung der Gestirne als leuchtende Scheiben,*s) und unsere Kinder erfreuen sich heute noch an der hübschen Darstellung des himmlischenReinemachens, wo die Engel auf Leitern über den Wolken stehen und die silbernen oder gol- denen Sternscheiben blank putzen.

Neben dieser runden Gestalt der goldenen Sterne sieht man anderweitig die Form von Blättern oder Früchten in ihnen. Der Gedanke an einen an sich unsichtbaren Weltbaum, der mit den Wurzeln auf der Erde haftet, mit seinem Geäst aber den Him- mel stützt und in seinem breiten Blätterdach golden schimmernde Blätter oder Früchte hängen hat, brachte eine Fülle belebender Züge in das an sich nicht weit ausdehnbare Bild des Abschluß- gewölbes, in dem die kostbaren Sternennägel angebracht sind. Es arbeiten sich, nachdem einmal der Gedanke ausgesprochen war, all die Vorstellungen heraus, die wir in kompakter Form in dem griechischen Sagenkreis der Hesperiden finden. Das Bild ist an sich sehr einfach, goldene oder silberne Aepfel hängen dort oben, oder Birnen und Nüsse aus demselben Material, so groß, wie sie etwa an unseren Christbäumen hängen. So sind sie feurige Blätter z. B. dem Anaximenes,²*²) Aepfel in dem Hesperidenmythus; so heißt es in dem Schol. Basil. zu Hesiod. Theogonie 215: Srs rapspxousvod ee io e i ra ra dãοσa: d Zar ro e Hea ra ka. Verwertet ist diese Idee auch von unsern Dichtern, so schildert Rückert indes fremden Kindes heiliger Christ den Himmel als viel- ästigen Christbaum voller Sternengewimmel, von dem die Englein herab zu dem sterbenden Kind die Händchen ausstrecken. Ich verweise auf die weiteren Ausführungen Eislers über die Sternenfrüchte a. O. S. 520,6 570,6.

Mit der Deutung der Sterne als weithin leuchtende Blumen ist das seither zu Grunde liegende, starre eherne Himmelsbild verschoben und erweitert. Denn Blumen können nicht auf ehernem Boden stehen und wachsen, sie müssen fruchtbares Land zur Voraussetzung haben. Die Beobachtung einer mit Blumen übersäten Wiese, in der z. B. die weißen Margeriten sich weithin abheben, ruft den Gedanken an die Himmelswiese

27) D. Brauns, Lihanche Märchen u. Sagen S. 108 ff., Auch Ennius faßt die Sonne als Schild auf Varro de lingua lat. VII 73; weitere Belege bei Eisler a. O. S. 317. Dazu sind noch die leuchtenden Himmelschilde zu vergleichen in den Händen von Astralgeistern s. W. Wundt Völker- psychologie. Leipzig 1000. II 3 S. 200.

6] F. Piper, Mythologie und Symbolik der christl. Kunst I S. 173, 207 ff.

²9) Diels, Vorsokratiker I2 S. 19, 30.