— 8—
Diese Anschauung war in Europa seit uralter Zeit heimisch. jedenfalls geben uns z. B. die zahlreichen goldenen Sternen- nägel, die man in Mykenä aus den Gräbern herausgeholt hat, sinnlich greifbar dieselbe zum Ausdruck. Sie wurden ehedem als Schildbeschläge verwendet und verkörperten so die Vor- stellung des festen Himmelsschildes mit den goldenen Sternen. ¹⁴) Sicher sind in dieser Weise auch die von Homer geschilderten Sternbilder auf dem Schilde Achills dargestellt gewesen, ebenso auf dem aeschyleischen Schilde des Tydeus. ¹*⁵) Die Sternbilder waren durch entsprechend eingeschlagene Sternennägel an- gedeutet. Auch in den alten Königsgräbern brachte das Kuppel- dach mit den aufgemalten Sternen dieses naive Himmelsbild zum Ausdruck. ¹⁰)
Ebenso tritt uns in der Benennung der Sterne derselbe Glaube von den festgemachten Metallkörpern entgegen; so sprechen die Griechen von den àotépe« 2vοε2εꝑεενιο bder den dtépec ers; 1 oOdpavq, die Römer von den stellae infixae oder adfixae caelo, was ja in den modernen Ausdrücken Fixsterne, étoiles fixes, fixed stars u. ä. weiterlebt.
Anaximenes hat jedenfalls die Idee noch zu seiner Zeit in volkstümlicher Gültigkeit vorgefunden, weiß ihr aber eine philo- sophische Ausgestaltung zu geben. In seiner Lehre, daß die Sterne Nägel sind, die in das kristallene Himmelsgewölbe ein- getrieben werden, sehen wir den alten Volksglauben noch. u) Auch bei unserem deutschen Volke finden wir die Auffassung von den goldenen Sternennägeln, die das Firmament zusammen- halten,¹s) und es ist bei unseren Dichtern immer noch ein be- liebter 16νοςσα, von den blankgeputzten silbernen oder goldenen Himmelsnägeln zu reden. Goldene Nägel sind sie auch im Glauben französischer Bauern. ¹*) Dieselbe Anschauung erkennen wir in der türkischen Bezeichnung des Polarsternes Temir Kazik = Eisennagel. ²⁰)
14) Reichel, Homerische Waffen S. 15.
¹⁵) Ilias XVIII 481 ff. u. Euripides Electra 467; Aeschylus septem 388.
16) Weiteres bei Eisler a. O. II 607 f.
11) FXwv Siæn zaratswnevat rà darpa ro 2paraoPetdet: Diels Vorsokr. I“ S. 19, 14. Wir treffen die Sternennägel auch in der Erklärung des homerischen Nestorbechers bei Asclepiades von Myrlea(Athen. XI 488 C.)
18) L. Bechstein, Mythe, Sage, Märe und Fabel, Leipzig 1854, S. 87; P. Herrmann, Nordischée Mythoſogie, Leipzig 1003, S. 175.— Gold und Silber ist ihr Bestand übrigens auch im antiken Volksglauben weitergeblieben, das zeigen uns die beliebten Beiworte ypooza, aurea, argentea.
19) Revue des tradit. populaires 18 dO03) S. 102.
2⁰) Revue des tradit. populaires 21(1906) S. 102,— P. Herrmann a. O. bringt mit dieser Idee das Schiff Nagelfahr zusammen und deutet es als den mit Nägeln beschlagenen Nachthimmel.


