Druckschrift 
1 (1912)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

Dieser ist ein Schmied, wenn einer, Ist ein Meister in den Künsten,

Hat den Himmel schon geschmiedet, Hat der Lüfte Dach gehämmert, Nirgend sieht man Hammerspuren, Nirgend eine Spur der Zange.

Und in dem Kalewipoego) hat sich der riesige Kalew-Sprößling als höchste Aufgabe gestellt, mit den Fingern zu befühlen, mit den Händen zu betasten,

Wo das hohe Dach des Himmels Mit der Trauf am Erdrand mündet, Wo die blauen Seitenwände

Fest stehn auf dem Fundamente.

Auch in der Edda ist der Himmel eine feste Masse, die das

Weltall völlig nach oben abschließt: Aus Vmirs Fleisch ward die Erde geschaffen und die Berge aus seinem Gebein; der Himmel aus des reifkalten Riesen Schädel, aus dem Blute das brausende Meer. ¹0)

Und in unserem Volk ist diese kindliche Anschauung heute noch erhalten, wir haben sie in Ausdrücken wie: Der Himmel öffnet sich, birst kracht stürzt ein. Obwohl sich der Blick in dem nächtlichen Himmel schon längst in unermeßliche, raumlose Fernen verliert, und längst das starre Himmelsgewölbe dem endlosen All gewichen ist, gewinnt in uns unwillkürlich bei schweren Gewittern die alte Anschauung neues Leben, daß irgend ein schwerer Gegenstand über das eherne Gewölbe so heftig geworfen wird, daß es niederzustürzen droht,

Die alte Ansicht, die die Kulturvölker Europas von der ersten Stufe an bis hinein in unsere Zeit begleitet hat, findet sich heute noch bei einer ganzen Reihe von Naturvölkern als allein maß- gebende Weltanschauung. So ist für die Indianer Nord-Amerikas und für die Südseeinsulaner¹¹) die Erde fest überdacht von dem Himmel, der aus einem festen Material besteht. Die Neuseeländer lassen den Regen aus einem großen Behälter über dem Himmels- gewölbe auf die Erde durch einen Spalt herunterkommen. ¹²)

Mit dieser naiven Himmelsvorstellung, die eine jenseitsvor- stellung völlig ausschließt und das Weltganze nach oben her- metisch abgrenzt, hängt wohl die primitive Erklärung der Sterne aufs engste zusammen. Die altgriechisch-römische Idee vom

⁵²) Kalewipoeg, Gesang XVI 30 ff.(S. 196) und öfters.

10) Die Edda deutsch von Göning I 8, 21 S. 62.

11 Pelse bei E. B. Tylor, Die Anfänge der Kultur; deutsch von Spengel u. Poske, Leipzig 1873. II 71.

12) Tylor a. O.