— 23— Infusorienschalen ausgebreitet. Nur selten treten ältere Schichten darunter hervor. Unter diesen sind die Braunkohlenbildungen am häufigsten. Vereinzelt erscheinen Kreide, Jura und Muschelkalk.
Je nachdem aber die Oberfläche aus Löss besteht, von Torfmooren oder von mächtigen Humusschichten bedeckt wird, ist die Bodenfruchtbarkeit eine ungleiche.
Die üppigsten Fluren treffen wir natürlich auf dem Boden, dessen Decke aus Löss, Mergel und Humus besteht..
Ein solcher fetter, vielfach zerrissener Marschstrich zieht sich wie ein grüner Saum überall an den Küsten der Mündungsgebiete des Rheins, der Ems, der Weser, der Elbe und Eider hin, ja setzt sich weiter nach Norden hinauf au Inseln, Halbinseln und Sandbänken an. ¹2²⁴)
Charakteristisch sind in diesen Landschaften die Deiche, die sich in langen Linien hindurch- ziehen. Man unterscheidet hierbei Binnen-, Haff- oder Seedeiche. Unter letzteren werden die äusseren Deiche verstanden, die gegen die See schützen und unmittelbar an der Küste hinlaufen. Halten wir auf einem solchen einmal eine kleine Umschau!
Da stehen wir zunächst bei einer stürmischen Nacht an seinem inneren Fusse und hören vielleicht 6 m über unserm Haupte das stundenweit vernehmbare Brüllen der sich gegen den Damm heranwälzenden Fluten. Gefahr aber tritt dann erst ein, wenn die Wellen über den Kamm des Deiches schlagen. In einer solchen Nacht begreifen wir das stolze Wort der Küstenbewohner: „Deus mare, Batavus litora fecit.“
Treten wir dann an einem ruhigen Tage auf die Kappe des Deiches, so stehen wir gleichsam auf der Scheide zweier Welten. Nach aussenhin haben wir zur Flutzeit entweder das weite Meer oder den breiten Fluss unmittelbar vor uns, oder es liegt bei kleiner Flut ein breiter Strich Vorland zwischen uns und dem Meere. Da ist es nun interessant, den armen Strand- bewohnern zur Ebbezeit zuzuschauen, wie sie, den linken Fuss auf kleinem Schlitten, mit dem rechten denselben über den Schlamm fortschieben, um zu den Tümpeln zu gelangen, in denen sie Fische oder Krebse zu fangen gedenken. Daazu eilen von allen Seiten Schwärme räuberischer Seemöven herbei, um sich an der auch für sie gedeckten Tafel zu sättigen, bevor die zurückkehrende Flut die Watten bedeckt.
An der Binnenseite schweift das Auge weithin über fruchtbare Fluren, die zwischen den Deichen liegen. Denn man lässt, wenn das Land nach dem Meere zu anwächst und dann durch Eindeichung ein neuer Haffdeich entsteht, die alten Deiche bestehen, die dann zu Binnendeichen werden. Ihre Wegräumung würde zu kostspielig sein, und sie schützen bei einem etwaigen Durch- bruche des Aussendeiches noch das Binnenland. Die Strecken fruchtbaren Landes, die zwischen den Deichen liegen, sind breite, völlig ebene, aber gänzlich baumlose Fluren, die im Sommer überall von zahlreichen Herden bevölkert sind. Die Wohnungen der Leute sind weit und breit zerstreut und liegen auf künstlich errichteten Hügeln von 3— 5 m Höhe, die man Wurten nennt, ihrer Zufluchts- stätte bei grossen Überschwemmungen.
Scharf von den Marschen scheidet sich das hügelichte Festland, das die Marschbewohner „die Geest oder Gast“ nennen. Diese ist hoch und unfruchtbar und tritt in buntgestalteten Vor- gebirgen und Landzungen in die flache Marsch hinein.
14) Cotta, Deutschlands Boden, I., p. 59 ff.


