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Die Marsch ist niedrig, flach, eben und fruchtbar, die Geest hoch, uneben und miuder fruchtbar. Die Marsch ist kahl und baumlos, die Geest stellenweise bewaldet. Die Marsch zeigt nirgends Sand und Heide, sondern ist ein ununterbrochen fetter, höchst fruchtbarer Erdstrich, in dem sich Acker an Acker, Wiese an Wiese reiht. Die Geest ist heidig, sandig und nur stellen- weise bebaut. Die Marsch ist von Deichen und schnurgeraden Kanälen durchzogen, ohne Quellen und Flüsse, die Geest hat Quellen, Bäche und Flüsse.
Die physische Abteilung in Marsch- und Geestland hat wesentlichen Einfluss auf die An- bauungsweise der Bewohner gehabt. Sämtliche Ansiedlungen von Schleswig bis nach Holland nämlich finden wir am Raude der Geest, wie z. B. die Orte: Lunden, Heide, Meldorf, Stade, Neuhaus, Otterndorf, Varel, Jever, Esen, Norden u. s. w. Diese Erscheinung lässt sich nur daraus erklären, dass die Leute nicht gern in der den Überschwemmungen ausgesetzten Marsch wohnten. Weil sie aber Acker auf der Geest und in der Marsch besassen und beiden so nahe als möglich sein wollten, so siedelten sie sich hart auf dem Rande der Geest an. ¹²⁵)
Dies ist etwa das Gesamtbild der Süd- und Ostgestade des deutschen Meeres. Wir haben seine Gestaltung der Küstenumrisse aufzuspüren versucht, als das deutsche Meer noch nicht vorhanden, dann als es ein Binnenmeer, schliesslich als es durch den Durchbruch des Isthmus von Calais-Dover zu einem grossen, offenen Busen des atlantischen Oceans ward. Wir haben ferner die Einbrüche des Meeres in historischer Zeit, die dadurch bedingte Veränderung der Küsten und die Wieder- gewinnung an Land nebst den Veränderungen des der Küste naheliegenden Binnenlandes in grossen Umrissen kennen gelernt; denn nur das sollte unsere Aufgabe sein, nicht eine Darstellung bis in das kleinste Detail hinein..
Aber auch diese kurze Zusammenstellung der wichtigeren, bereits bekannten Thatsachen schien der Mühe wert zu sein, weil wir aus ihnen so recht zu erkennen vermögen, wie man mit vereinter Kraft sich auch zum Herren der Elemente machen kann. Zugleich aber ist es ein lehrreiches Beispiel, wie fest der Mensch an den von den Vätern ererbten Sitzen hängt, sie nicht verlässt, sondern aus Liebe zu seinem engeren Vaterlande die Gefahren nicht scheut, vielmehr dieselben zu überwinden sucht.
Ob nun freilich der heutige Zustand ein dauernder sein wird, das hängt jedesfalls von Umständen ab, die ausserhalb des Bereiches menschlicher Berechnung und Einwirkung liegen. Der Boden der eben besprochenen Küsten nämlich liegt an vielen Stellen tiefer als die gewöhnliche Fluthöhe. In Calais befinden sich die Strassen mehr als 1 m über. der Hochflut, während das Kulturland bis zur Flutgrenze hinabreicht. In Dünkirchen beträgt die Höhe der Strassen nur noch 60 cm, und die Ackerfelder liegen 1 m unter dem Meeresspiegel. In Ostende sind die Strassen noch tiefer gelegen, und die Oberfläche der Polders senkt sich beständig. An den Scheldemündungen liegt dieselbe 3 ½ m unter der Hochflut, wie denn überhaupt an den Mündungen der Schelde, der Maas und des Rheines die Senkungsbewegung die grösste Schnelligkeit zu haben scheint. Weiter nördlich davon steigt der Boden allmählich, obwohl die Strassen von Rotterdam und Amsterdam noch unter der Fluthöhe liegen. In der Umgegend von Emden hat sich der Boden um 2 m gesenkt, und nach von Maack dauert die Senkung an der schleswigschen Westküste in der Gegenwart fort.
¹²) Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 33 u. 34.— Kohl, Marschen und Inseln der Herzogtümer Schleswig und Holstein.


