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2 (1885)
Entstehung
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Kosten die von Seeland bis nach Schleswig hinauf in ununterbrochenem Zusammenhange das Land umsüumenden Dämme und Deiche verursacht haben müssen, das kann man einigermassen ermessen, wenn man die Bauart und Beschaffenheit nur eines einzigen studiert.

Mächtige Dämme erheben sich bis zu 8 m Höhe, auf einer Basis ruhend, die oft 30 m übersteigt, während die Kappe etwa 2 ½ 3 m beträgt. Die Böschung nach der Seeseite läuft flach ab, während die nach der Landseite etwa einen halben rechten Winkel beträgt. Das geringste Verhältnis der Breite zur Höhe ist 2: 1, das aber an den gefährlichsten Stellen auf 4: 1 steigt. Der Fuss des Deiches wird mit Rasen bedeckt, der in der ersten Zeit von den Anwohnern mit höchster Sorgfalt gepflegt und gehütet wird. Damit das Wurzelgewebe recht dicht wird, lässt man das Gras von Schafen abweiden, welche zugleich auch die Mauselöcher zutreten, diese bequemen Zugänge für das Wasser ins Innere.

Genügt aber eine Rasendecke nicht, dann werden Strohdecken darüber gelegt und an der Erde befestigt. Faschinen, mächtige am Fusse des Deiches in die Erde gerammte Pallisaden und an ganz besonders gefährlichen Stellen darüber gelegte Granitblöcke müssen zum Schutze des Dammes dienen. An der Binnenseite wird ein kleiner Abzugsgraben angelegt, in dem sich alles qurch- sickernde oder bei Stürmen über den Damm geschleuderte Wasser ansammelt.

Für den Abfluss des Binnenwuassers sind in bestimmten Entfernungen Schleusen, sogenannte Siele, angebracht, deren Thüren durch die ankommende Flut geschlossen werden, wührend der Druck der angesammelten Binnengewässer nach Eintritt der Ebbe sie wieder öffnet. Auf diese Weise hat man für das Binnenland eine schiffbare Verbindung mit der Küste erlangt, und an den Sielen haben sich in neuerer Zeit kleinere Ortschaften entwickelt, die mit den Landesprodukten selbständigen Exporthandel treiben. ¹⁰*)

Zweimal täglich kehrt die Flut wieder, wälzt sich über die Watten bis an den Fuss der Deiche heran, jedesmal etwas Schlamm zurücklassend, dessen Absatz man durch die sogenannten Schlengen, d. h. an Pfähle befestigte Faschinenbündel, zu vermehren sucht. Dadurch wird allmählich der Wattboden höher. Bald sprossen Pflanzen hervor. Zuerst erscheint der Krückfuss oder das Gras- schmalz, Salicornia herbacea, durch dessen steife, rechtwinklig stehenden Aste die Thonablagerung befördert wird.

Ist das Land dann so hoch geworden, dass bei starkem Winde die Flut nicht mehr darüber kann, so kommt eine schöne, beinahe 2 m hohe Aster, Aster trafolium, zu deutsch Sülte genannt, zum Vorschein. Zwischen ihren Asten und Blättern sammelt sich dann der Thonschlamm schneller. Nur die höheren Fluten des Neu- und Vollmondes vermögen jetzt noch darüber zu steigen. In dieser Zeit verschwindet auch diese Pflanze, und es folgt eine Grasart, der Andel oder Queller, Glyceria maritima. Damit ist nun das rohe Watt in festes Vorland, die üppigste Weide, verwandelt. Ein sogenannter Heller ist entstanden. Endlich aber erscheint der weisse Klee, Trifolium repens, ein Zeichen, dass das Land zur Eindeichung reif ist.

Hat nun der so gewonnene Anwachs die nötige Höhe erreicht und ist er ausgedehnt genug, dass er der Bedeichung wert ist, so wird er eingedeicht, entweder von den Anwohnern, deren Eigentum das gewonnene Land wird, oder von der Regierung, die es an Privatleute gegen

107) Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 31 ff.