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2 (1885)
Entstehung
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hinab, um auch den versteckten Quellen, welche der Oberfläche des Bodens schaden können, durch ein unterirdisches Kanalsystem ihren Lauf vorzuschreiben. Man kann sagen, die Holländer haben die Najaden und Oceaniden mit samt ihren Flussurnen und Töpfen zum Lande hinausgejagt und das Wasser selbst in eigenen Urnen und Töpfen aufgefangen, um es so im Lande zu verteilen, wie es dem nationalen Ackerbau, einer vernünftigen Viehwirtschaft und dem Interesse des Handels und Verkehrs am besten konveniert. Ebenso haben sie auch das Land in ihre bildende Hand genommen. Sie überlassen es nicht dem Zufalle, ob sich irgendwo neues Land bilden soll oder nicht, sondern sie lassen hier oder dort, wo es thunlich ist, Acker anwachsen und wissen sogar mit Hilfe einer wunderbaren Pflanze Hügel und Berge aus Sand zu ihrem Schutze emporzuziehen.

Es ist in der That ein eigenartiges Land, dieses rheinische Deltaland oder Holland, wie man es zusammenfassend nennen mag, aber in seinem Bestehen ist es auf die Wachsamkeit und den Fleiss seiner Bewohner angewiesen. Aufgegeben hat das Meer diese alten sinkenden Räume noch nicht. Ununterbrocheu nagt und bohrt es, aber die Schildwache ist auf dem Posten, und das ganze Land wird Soldat, wenn das Meer einen Sturm wagt. Beim ersten Zeichen von der Gefahr eines Durchbruches heulen die Sturmglocken von Turm zu Turm, die Alarmkanonen donnern den bestürzten Bewohnern die drohende Gefahr in die Ohren, und aus Städten und Dörfern eilt alt und jang mit Schaufel und Hacke, mit Faschinen, Werg und Lumpen zum bedrohten Punkte. Angstlich wird jede Bewegung des schäumenden und wütenden Meeres beobachtet. Beginnt ein Riss in dem Deiche zu klaffen, so verstopft man ihn mit Lumpen, Werg, Stroh und Lehm, wie man etwa ein Schiff kalfatert. Spült das Wasser auch diese Charpie aus der Wunde, so wird hinter derselben im Halbkreis ein neuer Erdwall aufgeworfen, damit das durchbrechende Wasser einen neuen Widerstand findet. Nicht immer aber gelingt es, die Fluten einzudämmen; sie fegen wie Spreu auch die letzte Schranke weg und verschlingen in massloser Gier die lachenden Fluren.

Es leuchtet ein, dass durch solche Arbeiten der Boden des niederländischen Alluviums durch Zuthun der Menschen so veründert werden musste, dass es oft den Geologen schwer wird, die ursprüngliche Gestalt und Beschaffenheit des Bodens zu erkennen. Die oft über 1 m starke Humusschicht des bestellbaren Landes ist an vielen Orten lediglich ein Produkt der fleissigen Bewohner.

Ostliech aber von den Niederländern haben Friesen, Ditmarschen und die Bewohner Schleswigs denselben Kampf mit dem Meere aufgenommen, und es ist ihnen ebenso wie den Holländern gelungen, siegreich gegen den Feind vorzuschreiten und weite vom Meere überflutete Landstrecken in Polders und fruchtbare Ackerländer umzuwandeln.

Wann man jedoch in Deutschland angefangen regelrechte Deichbauten aufzuführen, das lässt sich mit Bestimmtheit nicht ermitteln. Nur soviel ist gewiss, dass es nicht niederländische Kolonisten waren, die den Deichbau die Deutschen gelehrt haben; denn diese haben, soviel wir wissen, von den Erzbischöfen von Bremen ins Land gerufen, nur in den Niederungen des Binnen- landes kultiviert.

Auch müssen die Uferbauten mit vereinten Kräften aufgeführt worden sein, weil einzelne es auch hier nicht vermochten, so ausgedehnte Uferstrecken einzudeichen und die mit grosser Mühe und vielen Kosten gewonnenen Lündereien durch Schutzbauten gegen den Wogenprall und die Sturmfluten zu sichern. Denn welche Mühe, was für gewaltigen Kraftaufwand und wie ungeheure

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