dienen. Man muss die Geduld, die Planmässigkeit und die Grossartigkeit der Ausdauer bewundern, mit der die Niederländer an die Zurückeroberung ihres Landes gehen! ⁹⁹)
Auf diese Weise ist der Biesbosch, jener See, der sich im 14. Jahrhundert bei einer grossen Flut bildete, die schönsten Fluren von Dortrecht vernichtete und 72 plühende Ortschaften verschlang, heute teilweise der Kultur wiedergewonnen.
Grossartiger aber und vielleicht die wichtigste unter den neueren Unternehmungen zur Trockenlegung von Seeen, namentlich wegen der Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt, und wegen des Nutzens, den man daraus zog, ist die Wiedergewinnung des gesamten Bodens des unter dem Namen„Harlemer Meer“ bekannten Sees für die Kultur. Dieses hatte eine Länge von 21 km, eine Breite von 10 km, bei einer mittleren Tiefe von 4 m, und enthielt eine Wassermasse, die auf 724 Millionen kbm geschätzt worden ist. Dazu kam noch das Sicker- und Regenwasser, das während der Trockenlegungsarbeiten dem See zufloss. Auch dieses konnte man auf etwa 200 Millionen kbm schätzen. Im Jahre 1840 wurde das Werk begonnen, 1852 war es vollendet. Drei gewaltige Dampfmaschinen, die zusammen mit jedem Kolbenhube 200 kbm Wasser hoben, hatten das ganze Haarleemer Meer dem Ocean zurückgegeben. Jetzt ist die Dampfmaschine nur noch thätig, das alte Seebecken von dem Regen- und Sickerwasser frei zu machen und zugleich bei Dürre das zur Bewässerung des Bodens erforderliche Wasser zu liefern. Der so lange der Luft und der Sonne entzogene Seeboden liess sich nur allmählich in Ackerkrume verwandeln, die aber nan sehr leicht das Regenwasser verschluckt nnd verdunstet. Der Thon und Torfboden des Grundes, der sich infolge der Eintrocknung um etwa 30 cm gesenkt hat, ist gegenwürtig ein herr- liches Ackerland und hat den Nationalreichtum Hollands erheblich vermehrt. Die Trockenlegung hat 33 Millionen Franks, 26 ⅞ Millionen Mark, gekostet, die Polders aber stellen bereits einen Wert von mindestens 150 Millionen Franks, 120 Millionen Mark, dar. 12000 Menschen etwa haben ihre Beschäftigung und ihren Lebensunterhalt gefunden. ¹⁰⁰)
Dann wurde in den Jahren 1819— 25 der Nordhollandskanal gegraben, um die Untiefen der Zuidersee zu vermeiden. Ferner ward von 1844—50 der Anna-Paulowna-Polder vollendet.
Ermutigt durch so glückliche Erfolge unternahm man 1864 ein anderes Werk. Mit 15 Millionen Gulden Aktienkapital, etwa 25 ½ Millionen Mark, ging man daran, die Landenge bei Velsen zu durchstechen. Ein Schiffahrtskanal von 25 km Länge wurde von Amsterdam direkt zur Nordsee gegraben, um das Y und das Wiyker Meer auszutrocknen. Durch einen Damm bei Amsterdam-Schellingwoude wurde das Y vom Zuidersee abgeschlossen, und bereits am 25. September 1872 lief das erste Dampfboot auf dem Kanale in die offene See. Das Wasser floss zur Nordsee ab.
Schon denkt man daran, die Zuidersee, die einen Flächenraum von 57[ Meilen, 2420 qkm, enthält, zur Hälfte trocken zu legen, um Nordholland und Overiyssel zu verbinden. ¹⁰⁰4)
Im Zusammenhange damit soll das Wieringer Meer ausgetrocknet werden. Ein Damm vom östlichen Rande der Insel Wieringen nach Süden soll den Anna-Paulowna-Polder bei Medemblik
*⁴) Reclus-Ule, Die Erde und die Erscheinungen ihrer Oberfläche, II., p. 407 u. 408.
¹0⁰) Reclus-Ule, Die Erde und die Erscheinungen ihrer Oberfläche, II., p. 123 u. 124.
1004) Ich bedaure, dass wegen zu grosser Kosten meine Specialkärtchen nicht mit beigegeben werden konnten, verweise aber hier und für die Folge auf Stielers Handatlas, Karte 19, und Andrees Handatlas, Karte 34 und 65.


