Druckschrift 
2 (1885)
Entstehung
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Ermutigt durch so manche Siege, die der Mensch im kleinen davongetragen hatte, wagte er den Versuch,Seeboden und vom Meere bedeckten Strand zurückzuerobern. Und es ist den Bewohnern der Küsten des deutschen Meeres gelungen, siegreich gegen das Meer vorzudringen.

Vor allem sind es die Holländer gewesen, die durch Jahrhunderte lange Arbeit ihr Land gegen das Meer sicher gestellt, ja z. T. der See erst abgerungen haben. Man fühlt, wenn man diesen ebenen Boden erblickt, von dem jede Scholle wieder und wieder umgewandt werden musste; man sieht, wenn man diese Abzugskanäle und Schutzdämme, die das ganze Land in zahllose Parzellen teilen, dass hier ein ganzes Volk im Kampfe mit der Natur begriffen ist.

Freilich sind die Kanäle, welche zur Entwässerung der Landflächen zuerst erbaut wurden, nicht mit geometrischer Regelmässigkeit angelegt, weil die Ingenieure früher nicht so kühn wie heute waren, sondern bei ihren Kanalisationsarbeiten alle natürlichen kleinen Rinnen benutzten und alle Bodenerhöhungen umgingen, so dass ihre Gräben oft einen ziemlich gewundenen Lauf nahmen, während heute trocken gelegte Ländereien in ihren Abzugsgräben sich durch eine fast mathematische Regelmässigkeit auszeichnen.

Geradlinige, parallele Kanäle ziehen sich heute in regelmässigen Abständen unter einander von einem Ende des für die Kultur gewonnenen Landes zum andern. Andere Kanäle von gleicher Breite durchschneiden diese rechtwinklig, so dass die ganze Fläche in grosse Parallelogramme zerfällt, die wieder durch schmälere, aber ebenfalls geradlinige Gräben in kleine Parzellen geteilt werden. Nur auf Kähnen vermag der Landmann sein Feld zu besuchen, um Dünger herbeizuschaffen und die Ernten heimzuführen.

Rings um diesen weiten schachbrettartigen Feldercomplex läuft dann ein Gürtelkanal, der alles Wasser aus dem Polder, so nennt man einen eingedeichten und urbargemachten Strich Landes, aufnimmt und durch starke Dämme gegen Überschwemmangen von aussen wie von innen geschützt ist. Früher benutzte man den Wind, um das überflüssige Wasser aus den Polders zu heben und entweder unmittelbar oder mit Hilfe von Kanälen in irgend einen Fluss abzuleiten. Jene malerischen Windmühlen, die man auf allen Landschaften niederländischer Maler sehen kann, setzten die Schöpfwerke in Bewegung. Jetzt sind die grossen Polders, bei denen die gesicherte regelmässige Wasserabführung eine Lebensfrage ist, mit Dampfmaschinen versehen, die unablässig das Wasser in den Gürtelkanal schöpfen.

Sind aber die trocken zu legenden Seeen zu tief, um sie allein mit Hilfe von Grüben und Kanälen für die Kultur zu gewinnen, so bleibt nur übrig dieselben durch Pumpen auszuschöpfen, oder man muss sich auf eine Arbeit gefasst machen, die Jahrhunderte lang dauert, indem man zuerst kleine Iuseln aufführt, die man später mit einander vereinigt. Und der wackere niederländische Bauer scheut in dem Bewusstsein, für seine Enkel zu arbeiten, vor einem solchen Unternehmen nicht zurück. Er dämmt zunächst an den Ufern ein verhältnismässig leicht trocken zu legendes Stück Land ab, und wenn dann infolge von Anschwemmungen und Ausschüttungen eine Schlamm- bank über das Wasser aufsteigt, so bemächtigt er sich dieser, erhöht sie, versieht sie mit Abzugs- gräben und giebt ihr eine langgestreckte Form, welche später, wenn der See in einen Polder ver- wandelt ist, die Kanalisationsarbeit erleichtert. Schon Generationen vorher bestimmt er die Lage der Felder, die eben noch vom Wasser bedeckt sind, und jede Schaufel Schlamm, die er vom Grunde des Meeres heraufholt, jeder Pfahl, den er einschlägt, muss zur Fortsetzung des Werke⸗s