kehrenden Fluten heimgesucht und verlor Land, behielt jedoch noch lange Zeit gegen 9000 Ein- wohner. Hohe Dämme waren zum Schutze gegen die Fluten angelegt. Da wurde am 11. Oktober 1634 abends die ganze Insel überflutet und gänzlich zerrissen. Hierbei wurden 1338 Häuser und die Kirchen zerstört, 6408 Menschen und gegen 50000 Stück Vieh kamen um. Von der grossen Insel blieben nur drei kleine Stücke übrig, die Inseln Pellworm, Nordstrand und das Inselchen Lütje-Moor. ⁹*)
In den folgenden Jahren wurden die Dämme wiederholt zerrissen, die Inseln überflutet und Teile der Inseln vom Meere zerstört.
Sylt verliert noch Land an seiner Westseite, während sich an der Nordseite der Hafen mit Sand verstopft. Die westlich von Tondern liegende Insel Nortoft ist fast günzlich vom Meere weg- gespült worden, wie auch die Halbinsel Widingharde auf der Westseite fast die Hälfte ihres Flächenraums eingebüsst hat.
Wie dem auch sei, wir erkennen aus den wenigen Angaben, dass unserer gesamten Küste des deutschen Meeres von den Wellen arg mitgespielt worden ist. Guthe berechnet in seiner Beschreibung der Welfenlande ⁹⁵) den Verlust an Marschland auf 91,8 deutsche ◻Meilen, 50490 qkm. Es ist aber dieser Verlust an Land durch Meeresfluten nur erklärlich durch das Sinken des Landes; denn nur ein sinkendes Land vermag die See mit Erfolg anzugreifen. Bei Schleswig konnte auch archäologisch erwiesen werden, dass dem Einbruche des Meeres ein Sinken der Küste vorangegangen war. Beim Ausgraben eines Kanals nümlich in der Nähe von Husum stiess man auf einen unterseeischen Birkenwald und in diesem auf einen Grabhügel mit Feuer- steingeräten, etwa 1 m unter dem Meeresspiegel. ⁹⁶)
Wann die Küstenbewohner nun angefangen haben sich durch Deichbauten gegen die Überflutungen zu schützen, lüsst sich kaum mit Sicherheit ermitteln. Niedrige Sommerdeiche wurden gewiss schon sehr frühzeitig errichtet, aber den höheren Herbst- und Winterfluten vermochten diese keinen hinreichenden Widerstand zu leisten. Jedesfalls mussten geordnete gesellschaftliche Zustünde vorhanden sein, weil die Deiche nicht Unternehmungen einzelner Anwohner sein können, zumal sie oft über weite Uferstrecken ununterbrochen ausgedehnt werden mussten. In Ostfriesland wird als erster Erbauer der Seeburgen König Adgil aus dem zweiten Jahrhundert genannt. ³⁷)
Karl der Grosse gewährte den Friesen nach ihrer Unterwerfung Befreiung von der Heeresfolge:„Denn,“ so heisst es in ihrem Gesetz, ²⁸)„das ist recht, dass der freie Friese auf keiner Heerfahrt weiter ziehen dürfe als mit der Ebbe aus und mit der Flut zurück wegen der Not, dass er das Ufer alle Tage bewahren soll!“ Friesische Deichorduungen aber kennen wir erst seit dem 14. Jahrhundert.
Grossartig uun sind die Werke der Menschen, die sie zum Schutze gegen die Fluten oder zur Wiedergewinnung an Land, das das Meer einst geranbt, nach und nach erbauen lernten.
24) Büsching, Erdbeschreibung I., p. 279.
*6) Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 29.
*⁶) O. Peschel, Neue Probleme der vergleichenden Erdkunde, p. 114. *¹) Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 25 ff.
**) Lex Frisonum.
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