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Meere zurückgehenden Fische machen sie um ihre Hütten Jagd. Sie haben kein Vieh, noch ernühren sie sich von Milch wie ihre Nachbarn, ja sie können nicht einmal der Jagd obliegen, weil jedes Gebüsch fehlt. Aus Seegras und Binsen flechten sie Stricke zu Netzen, und mit den Händen gegrabenen Schlamm, den sie mehr beim Winde als in der Sonne trocknen, gebrauchen sie zum Kochen ihrer Speisen und zum Erwärmen ihrer vom Nordwind starren Glieder. Regenwasser, das sie in Cisternen in dem Vorder- hause ihrer Hütten aufbewahren, ist ihr einziges Getränk. Und diese Völker, wenn heute vom römischen Volke besiegt, sagen, sie seien Sklaven!“
Was lernen wir aus dem Gesagten? Die Chauken seien ein elendes Volk gewesen, das nur kümmerlich wegen der beständigen UÜberschwemmungen sein Dasein fristete. Allein wir dürfen die Stelle nicht allzu wörtlich nehmen und Plinius' Worte auf alle Chauken beziehen, sondern höchstens auf die armen Fischerfamilien, welche unmittelbar an der Meeresküste auf dem sogenannten rohen Watt wohnten. Dort war das Land dem Meere preisgegeben; dort gruben sie den Darg, der nur unter einer dünnen Decke der Marsch lagerte. Weiter im Binnenlande trieben die Bewohner sicherlich Vieh- zucht. Von den Friesen, die den Chauken benachbart wohnten, wird berichtet, dass sie den Römern Ochsenhäute als Tribut lieferten. 5⁵)
Auch steht diese Nachricht von Plinius über die Armut der Chauken ganz im Gegensatz zu den Schilderungen von Tacitus und Vellejus Paterculus, die beide des Volkes Menge und Tüchtigkeit preisen. 5³)
Nur die eine Wahrheit ergiebt sich mit Gewissheit aus Plinius' Schilderung, dass man damals den eigentlichen Deichbau noch nicht kannte und die ganze Küste, vor allem das Harlinger, Butjadinger und Hadelerland, der Wohnort der Chauken, den Fluten preisgegeben war. Die Deiche aber, welche man zu bpauen verstand, waren nicht imstande, das Land vor Zerstörung zu schützen. Deshalb kämpfte das Meer Jahrhunderte hindurch siegreich gegen die Werke der Menschen und führte Kata- strophen herbei, von denen wir die wichtigsten betrachten wollen.
Zur Zeit der Römer war der grosse Meerbusen, den wir Dollart nennen, noch nicht vorhanden. Die Ems ergoss sich damals in zwei bis drei Mündungen in das Meer, nachdem sie dicht an der Stelle vorübergeflossen war, wo nachher die Stadt Emden erbaut wurde. Der Dollart selber aber befindet sich an Stelle des Reiderlandes, terra Reidensium. Dies war vordem ein Stück Land zwischen Gröningen und Ostfriesland und ragte mit einer Halbinsel nach Nordosten herüber bis gegen Emden. Dies Land bespülte die Ems im Osten und Norden, wührend es an der Nordwestseite den vom Ausflusse der Ems gebildeten Busen berührte. Von da kamen die Fluten, und an der Ostseite nagte das zurückströmende Wasser während der Ebbe an der niedrigen Halbinsel. Eine Flut am 12. Januar 1277 bewirkte die erste grosse Zerstörung. Am 25. Dezember desselben Jahres folgte eine noch verheerendere. Neue Fluten in den Jahren 1278, 1280 und 1287 traten ein und machten den Schaden unheilbar. An 7—◻Meilen Land wurde weggeschwemmt. Darauf lag eine Stadt, drei Flecken und fünfzig grössere und kleinere Ortschaften. Die Mehrzahl dieser Orte lag im nordöstlichen Teile des Busens. Iier befand sich an der Nordspitze des Reiderlandes die volkreiche Stadt Torum, welche einen eigenen Markt, eine eigene Münze und acht Goldschmiede hatte. Etwas weiter landeinwärts stand der reiche Flecken Reiderwolde mit zwei Kirchen, deren eine so reich war, dass sie ein eigenes Domkapitel hatte. Hundert und achtzig Matronen wohnten darin, die ihre Brust mit grossen Schildern von gediegenem Golde
58) Tacit. annal., IV. 72.* ⁵5 ⁹) Tacit. Germ., c. 35.. Vellejus Paterc., II. 106.


