Druckschrift 
1 (1884)
Entstehung
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Reste alter Dünenketten sind und aus reinem Sande bestehen. Über Glessaria und Actania bestehen nur Vermutungen. Dass beide sich aber ebenfalls in dieser Gegend befunden haben müssen, scheint der NameGlessaria,Bernsteininsel anzudeuten; denn Bernstein wurde nach glaubhaften Zeugnissen auch hier vormals und wird noch heute von den Wellen ans Land gespült. 5⁵)

Die Marschen aber, die hinter den Dünen und an den Flüssen lagen, vor allem die Marschen an der Ems, schildert Plinius folgendermassen: ⁵⁰)

Die grössten Wälder findet man in der Nähe der Chauken, besonders an zwei Landseeen, deren Ufer ganz mit Eichen bedeckt sind, von vorzüglichem Wuchse. Bisweilen geschieht es, dass sie von den Wellen untergraben oder von Stürmen umgeweht werden. Dann nehmen sie oft ganze Strecken Erde, in welcher ihre Wurzeln verflochten sind, mit sich fort, wodurch sie sich im Gleichgewichte halten und mit ihren ungeheuren Zweigen betakelt stehend daherschiffen. Oft haben solche Eichen unsere Flotten erschreckt und trieben wührend der Nacht auf unsere vor Anker liegenden Schiffe an, die sich dann gezwungen sahen. gegen die Bäume eine Seeschlacht zu liefern.

Wälder also trug nach dieser Schilderung die Marsch und zwar solche von mächtigen Stäummen. Heute jedoch finden wir nirgends einen eigentlichen Wald, aber Ortsnamen wie Wolzeten, Wolthusen, Holtgaste u. dgl. deuten auf vormaligen Waldbestand hin. Unmittelbar jedoch an der See konnten diese Wälder auch nicht liegen, weil Büume im Boden, der immer von Seewasser überschwemmt wird, nicht gedeihen. Wohl aber konnten sie an den Seeen hinter den Dünen sich finden. Und erinnern wir uns daran, wie sich die Marsch gebildet hat, dass sie nämlich entweder auf einer Torfschicht oder auf sogenanntem unreifen Moore, eingepresst zwischen den Wänden der Dünen ruhte, so ist es uns leicht erklärlich, dass durch hohe Fluten, nachdem die Dünen weggespült waren, grosse Stücke Landes mit fortgerissen werden konnten. Zusammengehalten wurden diese Landstücke durch den unter der Marsch liegenden Darg, der ja aus einem dichten Gewebe von Pflanzenresten besteht. Ereignisse der neueren Zeit beweisen die Beobachtungen des Römers.

Im Jahre 1509 wurde am Dollart von der Gröninger Küste ein grosses Stück Land losgerissen und mit Häusern, Menschen und Vieh über den Dollart nach der ostfriesischen Küste getrieben. Ebenso sah man Stücke Landes, mit Eichen besetzt, forttreiben und die Büume nach ihrem Landen noch fortvegetieren. In der Linteler Marsch bei Norden schiffte im Jahre 1717 ein Grundstück mit einem Hause darauf und den darin schlafenden Bewohnern eine Stunde Weges weit, bis es wieder landete. Und wenig hätte gefehlt, dass nicht die Wolster und Kremper Marsch vom holsteinischen Elbufer bei den Sturmfluten von 1825 gänzlich zerstört worden wären.

Derselbe Plinius 5⁵⁷) aber berichtet uns ferner über das Leben der Chauken, die an dieser Küste zwischen der Ems uud der Elbe wohnten:

Im Norden haben wir die Chauken gesehen, welche in grosse und kleine eingeteilt werden. Hier steigt und füllt der Ocean zweimal binnen Tag und Nacht, einen unermesslichen Landstrich über- flutend, so dass man bei diesem ewigen Kampfe der Natur nicht weiss, ob die Gegend zum festen Lande oder zum Meere gehört. Hier haust das elende Volk auf Hügeln oder auf künstlich gebauten, ſiber der höchsten Flut erhabenen Anhöhen, auf die sie ihre Hütten setzen, Schiffenden ähnlich, wenn die Flut alles um sie her bedeckt, Schiffbrüchigen aber, wenn sie zurückweicht. Auf die mit dem

*) O. Peschel, Neue Probleme der vergleichenden Erdkunde, p. 113. 5⁶) Plinius, h. n., XVI. 2. 5*) Plinius, h. n., XVI. 1.