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die Dünen zerrissen, dann die dahinter liegenden Marschen, welche von demselben Meere einst gebildet worden waren, mit fortgerissen.
Die Zeit des Durchbruches können wir nur annähernd bestimmen. Allmählich nur wurde jedesfalls der Isthmus durchwaschen. Mit dem Durchbruche aber zugleich muss eine ungeheure Flut- welle in das damals stille deutsche Meer eingedrungen sein, sich dann bis zu den Küsten Schleswig- Holsteins hin ergossen und mehrmals wiederkehrend die grossen Verluste an Land herbeigeführt haben. Ihre Spur hat sie hinterlassen in der sogenannten Steinahlschicht, einer Mauer, die aus losen, eckigen, abgerundeten Steinen besteht und sich etwa 12 m über das Meeresniveau erhebt. Sie ist jedesfalls dadurch entstanden, dass das Meer bis zu dieser Höhe das Land überflutete, die Sand- und Lehmmassen fortführte und die Steinschicht als bleibendes Denkmal aufbaute. Reste verbrannter Leichen in Gefässen von Thon, die man auf Sylt in Gräbern unter dieser Steinahlschicht gefunden hat, deuten auf ihre Entstehung im sogenannten Erz- oder Broncealter hin. ¹⁵)
Möglicherweise waren die Bewohner Germanen. Und vielleicht ist diese grosse Flut dieselbe gewesen, die die Cimbern aus ihrer alten Heimat, Schleswig-Holstein, auszuwandern zwang. Wir hatten ja bereits erwähnt, dass auf Sylt noch heute die Sage von einer grossen Flut sich erhalten hat. Der Römer Florus¹⁴) gedenkt jener Flut ebenfalls als einer Sage. von Maack nimmt an, dass sie in den Jahren 360— 1000 v. Christi stattgefunden habe. ¹⁵)
Die Grösse des Verlustes an Land, das durch die immer wiederkehrenden Fluten weggerissen wurde, vermögen wir einigermassen zu ermessen, wenn wir die Schilderungen römischer Schriftsteller, die uns die erste Kunde über diese Gegenden bringen und sie aus der Dämmerung der Sage an das Licht der Geschichte gezogen haben, mit dem heutigen Zustande vergleichen.
Dreierlei fällt uns hierbei sofort in die Augen: Die Dünenketten waren damals grossenteils in Inseln zersplittert, aber diese waren grösser und zahlreicher, als sie heute sind. Die dahinter liegenden Marschen konnten nur in ärmlicher Weise bewohnt werden.
Beginnen wir nun unsere Wanderung an der Küste bei dem Vorgebirge„Graue Nase“, so finden wir von da bis zum Mündungsgebiet des Rheines die alte Dünenkette, 75 km weit, noch unzerrissen. Nur wenige Hafenplätze befinden sich an dieser flachen Küste, worunter Ostende der bedeutendste ist. Und auch dieser wurde erst im Mittelalter geschaffen als Vorhafen von Brügge, das im 13. bis 15. Jahrhundert eine sehr blühende Hansestadt war.
Weiter nach Norden folgt dann 75 km weit das Mündungsgebiet der Schelde, der Maas und des Rheins, die ein vielverzweigtes Delta bilden. Hier sind die Dünen überall verschwunden, und seit den Zeiten der Römer ist viel Land verloren gegangen. Mit äusserster Mühe und Anstrengung nur vermag, was an Land noch vorhanden ist, gegen das Meer geschützt zu werden.
Gross vor allem sind die Veränderungen, die im Rheindelta teils durch die Natur, teils durch Menschenhand hervorgebracht worden sind. Es lohnt sich der Mühe, diese Veränderungen in der Kürze zu betrachten..
¹³) Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 20.— v. Maack, Das urgeschichtliche schleswig-hol- steinische Land, Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, N. F., B. VIII. p. 15 ff.
¹) Florus, III. 3, Cimbri, Teutoni atque Tigurini ab extremis Galliae profugi, cum terras eorum inundasset Oceanus, novas sedes toto orbe quaerebant.
¹) v. Maack, Das urgeschichtliche schleswig- holsteinische Land, Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, N. F.,
B. VIII. p. 19.— Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 21.— v. Hoff, Natürliche Veründerungen der Erdoberfläche, I. p. 313.


