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1 (1884)
Entstehung
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Durch Ablagerung dieses äusserst fruchtbaren Schlammes, der z. T. stark mit kieselschaligen Seeinfusorien gemengt ist, entstand an unseren Küstenländern eine neue Bodenbildung, die Marsch. Ihre Bildung folgt ganz bestimmten Gesetzen.

Weit ins Meer hinaus gehen die Watten, Reste zerstörten, oder Anfünge neu gebildeten Landes. An ihrem Üüussersten Rande bilden sich bei starkem Wellenschlage Sandbänke bis zur Höhe der vollen Flut. Gegen die Landseite hin setzt das Wasser den Thon ab, womit es beladen ist. Weil dieser aber sehr fein ist, fällt er nur in ruhigem Wasser nieder, wo eine Insel oder eine Sandbank Schutz gegen den Wellenschlag gewührt.

Ein Teil dieser Schlickbildung lagerte sich an den meisten Stellen über die Torfschicht der Torf- oder Grünlandsmoore, presste diese zusammen und bildete dann gleichsam eine Decke, die oft kaum stark genug war, um einen Menschen zu tragen, an manchen Stellen aber so dick aufgebaut wurde, dass sie Felder auf ihrem Rücken trägt.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Marschen des Dollart und der Zuidersee auf solchen Mooren ruhten, und deshalb auch leicht einleuchtend, wie die Fluten die darüber lagernden Marschen zerbrechen und viele Quadratmeilen Landes zerstören konnten. Andererseits erklärt sich auch aus der Bildung selbst die Senkung gewisser Marschen bei Aufschüttung von Dämmen.

Die Sandwände der Moorbecken nämlich sind nicht ganz undurchdringlich, so dass eingeschlossenes Wasser durch die Last des daraufpressenden Schlicklandes seitwärts hinausgepresst wird. Dadurch sind besonders die älteren Marschen tiefer als der Meeresspiegel zu liegen gekommen, und es hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, dass man das Regenwasser, welches infolge der Senkung keinen freien Abfluss mehr hatte, künstlich hinauspumpen musste, wollte man überhaupt das Land für die Kultur benutzen. ¹¹) 1

Zu welcher Zeit nun der Darg und dann die Marsch sich gebildet, das lässt sich historisch nicht genau bestimmen. Guthe, von Maack und von Hoff nehmen an, dass beide Bildungen erst nach Erschaffung der Menschen eingetreten seien, also der jüngsten geologischen Periode angehören. Als Beweis dient ihnen das Vorkommen eines Grabhügels und anderer Spuren menschlicher Thätigkeit unterhalb des Darges bei Husum. ¹²)

Ebenso vermag nicht näher angegeben zu werden, wann die Zeit der Senkung zu Ende war und eine neue Hebung eintrat, wodurch die Marsch trocken gelegt wurde. Nur darin stimmen alle Forscher überein, dass die Marsch zu jener Zeit gebildet wurde, als der Isthmus zwischen Dover und Calais noch bestand.

Mächtige Fluten drangen in den damaligen Busen von Calais-Dover ein, deren Höhe jedesfulls noch bedeutender waren, als die heutigen im Busen von Bristol und in der Bucht von St. Malo, obwohl diese über 12 m, jene über 6 m betragen. Diese liefen gleichsam Sturm gegen den aus Kreide- felsen bestehenden Isthmus, der allmählich den unaufhörlichen Angriffen weichen musste.

Nun ergossen sich die Fluten heftiger über die Nordsee, die jetzt aufhörte, ein fast geschlossenes Binnenmeer zu sein. Es begann mit diesem Ereignis eine Periode der Zerstörung. Zunächst wurden

¹¹) v. Maack, Das urgeschichtliche schleswig-holsteinische Land, Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, N. F., B. VIII. p. 13 ff. Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 15 ff. Reclus-Ule, Die Erde und die Er- scheinungen ihrer Oberfläche, I. p. 61. Cotta, Deutschlands Boden, I. p. 78. ¹²) Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 20. v. Maack, Das urgeschichtliche schleswig- hol- steinische Land, p. 15 ff. v. Hoff, Natürliche Veränderungen der Erdoberfläche, I. p. 310 ff.