Druckschrift 
1 (1884)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1

Dann aber spricht auch die Veränderung der Flussmündungen im Gebiete der Nordsee dafür. Es ist nämlich ein allgemeingiltiges Gesetz, dass alle Flüsse mit ihren Mündungen sich nach der Gegend hinziehen, woher ihnen die Flut kommt.*)

Darnach mussten die Nordseeflüsse mehr in nördlicher Richtung münden, so lange der Wechsel der Gezeiten allein um Schottland herum von Norden in das deutsche Meer kam. Und dies lässt sich in der That auch an einigen nachweisen. Das alte Bett der Elbe nämlich kann von Wedel unterhalb Altona bis nach Ripen verfolgt werden. Vom Rhein aber ist sogar historisch erwiesen, dass sein Hauptstrom früher nördlich in den Flevosee mündete, während er gegenwärtig seine Hauptwassermassen in westlicher Richtung der durch den Kanal ankommenden Flut entgegen ins Meer sendet.

Ferner stimmt die Beschaffenheit der beiderseitigen Ufer Englands und Frankreichs auf das genaueste überein. Dem Granite von Kornwallis entspricht ein ähnlicher der Bretagne, und die Kreideufer bei Dover und Calais zeigen ein gleiches Schichtungsverhältnis und eine gleiche Entwickelung des Gesteins. Eine solche Bildung setzt aber notwendig einen vormaligen Zusammenhang beider Ufer voraus.

Dann hat man beobachtet, dass die fossilen Schalen von cardium edule, der häufigsten Muschel unserer Küstenfauna, grösser sind als die jetzt lebenden. Der Grund hierfür ist in der grösseren Ruhe des Wassers zu suchen, wie ja auch noch heutiges Tages aus demselben Grunde die Muscheln im kleinen Belte grösser sind als im deutschen Meere. Das Tier nämlich muss, um der Gewalt der Wogen zu widerstehen, seine Schalen kleiner und dicker bauen. War nun einst das Wasser des deutschen Meeres weniger bewegt oder dem Einflusse der Flut und der Stürme mehr entzogen als jetzt, so muss der Kanal damals geschlossen gewesen sein.

Schliesslich aber deutet auch noch die heutige Benennung der Strasse von Dover in England auf das einstige Verbundensein Englands und Frankreichs hin. Die Engländer nämlich nennen die Strasse von Calaisthe cliff, die Spalte, von dem Verbumto cleave spalten. Ein Analogon finden wir an der heutigen Meerenge von Messina, dem alten fretum Siculum, von der die daranliegende Stadt Reggio, Reggium, vom griechischen aνrpruu reissen, bezeugt, dass Sicilien einst mit Italien landfest war; denn Reggium heisst nichts anderes als die Stadt am Riss.

Flach nun liefen die Ufer des damals nach Norden geöffneten Beckens nach der Mitte hin ab. An ihnen aber bildete sich wegen dieser Flachheit unter dem Spiel ruhig wechselnder Gezeiten von jenem Isthmus von Dover und Calais eine Dünenkette aus, die ununterbrochen die Ufer begleitete.

Die Fluten nämlich wühlten unter dem Einflusse von vorherrschenden Seewinden vom Grunde Sandmassen los, trieben diese dann bei jedem Hochwasser über den Strand und setzten sie dort ab.

Heute noch kann man einem solchen Spiele zusehen. Bei jeder Ebbe ist die durch die vorher- gegangene Flut abgesetzte Sandschicht zu erkennen, besonders da, wo die jedesmalige Flutgrenze war. Wind und Sonne trocknen dann den feinen zurückgelassenen Sand rasch aus, Seewinde treiben ihn so lange landeinwärts, bis eine Vertiefung oder eine Erhöhung, wie ein Stein, ein Büschel Heidekraut oder ein Pfahl der Bewegung ein Ziel setzte und den Anfang einer Sandanhäufung bildete, die wie an Schleswigs Westküste bis zu einer Höhe von über 60 m anschwellen kann.

Die Neubildung einer solchen Düne kann man beobachten, ja auch unterstützen. Man legt irgend einen Gegenstand auf den Boden oder pflanzt eine Reihe von Pfählen senkrecht auf die Richtung

¹) v. d. Wy k, in Leonhards und Brauns Jahrbuch für Mineralogie.