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1 (1884)
Entstehung
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Ocean nennen, einen offenen Busen des atlantischen Oceans von etwa 12000 Meilen Grösse. Es gab aber eine Zeit, wo das Verhältnis ein anderes war.

Unzweifelhaft ist, sagt Guthe,⁴) dass noch in vergleichsweise junger Zeit, als bereits Europa mit Menschen bevölkert war, England und Frankreich zusammenhingen, der Kanal, wie noch heute die Bucht von Bristol, ein sich nach Westen öffnender Meerbusen war. Das deutsche Meer, welches durch einen schmalen Isthmus zwischen Dover und Calais geschlossen war, bildete einen bei weitem ruhigeren Meerbusen als heute und stand nur durch das breite Thor zwischen Schottland und Norwegen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung. Von hier allein vermochte vom Norden her die oceanische Flut einzudringen.

Für diese Annahme spricht zunächst die Beschaffenheit des Kanals selbst. Seine geringe Breite zwischen Dover und Boulogne, seine geringe Tiefe und deren stetige Zunahme nach Norden und Süd- westen hin fällt dem Auge des Beobachters auf. Dann hatte auch die Beobachtung der geologischen Gleichartigkeit und der steilen Form der beiden einander gegenüberliegenden Felsufer Englands und Frankreichs schon lange bei den Geologen die Vermutung geweckt, dass beide Länder einst zusammenhingen.

Diese Ansicht wurde noch dadurch unterstützt, dass beide Länder dieselben wilden Tiere, z. B. Wölfe besitzen, die nicht auf dem Eise nach England gelangt sein können, weil der Kanal im Winter nie zufriert. Und ebenso ist es eine unbestreitbare Thatsache, dass England die gesamten wildwachsenden Pflanzen von dem benachbarten Kontinente erhalten hat.

Dazu lässt sich als Beweis noch anführen, dass bis auf den heutigen Tag Sagen von dem Durchbruche des Kanals auf Sylt, am Nissumfjord in Jütland vorhanden sind, und die kymrischen Sagen wissen in der Form von Triaden von dem Durchbruche des Llyon Llion zu erzühlen.)

Allein die eigentlichen Beweise für die in Rede stehende Thatsache hat erst die geologische Beobachtung der neueren Zeit geliefert. Die Bildung mancher geologischen Erscheinungen lassen sich nur durch das Geschlossensein des jetzigen Pas de Calais erklären.

So findet nur in einem ruhigen, gleichmässig flutenden Meereswasser eine Marschbildung statt; denn nur unter diesen Verhältnissen setzt sich der feine, vom Meerwasser mitgeführte Thon ab, ohne wieder fortgespült zu werden.²) Die Marsch aber, ein Erzeugnis des Meeres, nimmt hinsichtlich ihrer Breite an dem südlichen Ufer des deutschen Meeres von Osten nach Westen zu.

An der Westküste Schleswig-Holsteins bis zur Elbe beträgt dieselbe etwa 46 Meilen, von da bis zum Dollart 75 Meilen, während sie in den Niederlanden einen Flächenraum von etwa 330[ Meilen einnimmt..

Es erhellt nun hieraus, dass bei Bildung der holländischen Marschen dieser Teil des deutschen Meeres der ruhigste gewesen sein muss, während er gerade jetzt durch die Kanalströmung der unruhigste ist. Er konnte aber dann nur der ruhigste Teil sein, wenn der Kanal noch nicht vorhanden war. Unter den jetzigen Verhältnissen ist die Neubildung einer Marsch in Holland unmöglich; selbst die Erhaltung des Gebildeten ist nur durch die grössten Anstrengungen der Kunst zu eraielen.

¹) Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 8 ff. Guthe, Lehrbuch der Geographie, p. 711 ff. ³) v. Maack, Das urgeschichtliche schleswig-holsteinische Land, Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, N. F., B. VIII. p. 115 ff.

) v. Maack, Das urgeschichtlich schleswig- holsteinische Land, Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, N. F.,

B. VIII. p. 115 ff. Guthe, Die Lande Braunschweig und Hannover, p. 8 fl. v. Hoff, Natürliche Veränderungen der Erdoberfläche, I. p. 307 ff.