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Die grossen Meeresbusen, wie Zuidersee, Dollart und Jadebusen sind noch nicht vorhanden, eine Reihe grosser Inseln ist der Küste vorgelagert, von denen heute manche verschwunden, andere in Teile zerspalten oder auch wesentlich verkleinert worden sind.
Diese Veränderungen, welche sowohl mit dem deutschen Meere als auch ganz besonders mit seinem Süd- und Ostgestade vorgegangen sind, wollen wir, gestützt auf geologische Untersuchungen und historische UÜberlieferungen, in ihren Hauptzügen kurz zu einem Gesamtbilde zusammenzustellen versuchen.
Das deutsche Meer war ehemals ebensowenig vorhanden wie der Rrmelkanal, sagt Oskar Peschel) in seinen neuen Problemen der vergleichenden Erdkunde. Ja, es erstreckte sich das Fest- land von Europa in der tertiären Vergangenheit über die Faréer und Island nach Grönland und stand in fester Verbindung mit Nordamerika. Das nordatlantische Becken war, wenn die Tiefenkarten uns noch etwas von den ehemaligen oceanischen Ufern verraten können, in den Vorzeiten viel schmaler und reichte nur mit zwei Armen teils zwischen Grönland und Island, teils zwischen Island und den Faröerinseln hinauf. Ehe sich hier die Verbindung der Festlande auflöste, waren die britischen Inseln ein Zubehör von Europa, dessen Ufer westlich von Irland jäh in atlantische Tiefen hinabfielen. In der Folge haben sich die Ränder unter den Wasserspiegel gesenkt, so dass das Meer den Boden der Nordsee überfluten und durch einen eindringenden Arm, den Krmelkanal, die britischen Inseln dem Festlande entfremden konnte. Dies ist, geologisch gesprochen, erst vor kurzer Zeit geschehen; denn Britannien besitzt alle wilden europäischen Gewächse und alle wilden europäischen Tiere, die seinem Klima zukommen. Nicht eine einzige Art gehört dem Boden des alten Albion als ursprüngliches Erzeugnis eigentümlich an. ²) An der Ostküste Schottlands finden sich Khnlichkeiten der Pflanzen- welt mit Norwegen, an der Ostküste Englands mit der Pflanzenwelt Deutschlands, an der Südküste Englands und Irlands Khnlichkeiten mit der französischen Pflanzenwelt. Kurz, wenn die britischen Inseln mit Europa noch trocken verbunden wären, ihre Pflanzen- und Tierwelt würde weder anders verteilt noch eine andere, weder reicher noch ärmer sein.
Dazu ist der Xrmelkanal sehr seicht, zwischen Calais und Dover etwa 40 m tief. Der Meeresboden bildet nämlich in der Richtung von Dover nach Boulogne einen unebenen, höchst zackigen Bergrücken, welcher sich nach dem deutschen und dem Armelmeere zu sanft abflacht. Am westlichen Ausgange beträgt die Tiefe des Kanals 27— 40 m. Mancher Turm unserer Dorfkirchen würde noch über das Wasser ragen, wenn wir sie auf die Sohle jener Meerenge setzen könnten.
Dasselbe aber gilt auch von dem deutschen Meere, wenn wir von einem tieferen Arme, der sich an der Südwestküste Norwegens hinzieht, absehen. Südeinwärts nämlich von einer Linie, die man sich von Aberdeen in Schottland nach der Nordspitze Jütlands gezogen denkt, würde das Strass- burger Münster, auch wenn er auf der tiefsten Stelle des Meeresbodens stünde, nicht unbeträchtlich über den Wasserspiegel aufragen. Es wäre also nur eine geringe sekuläre Erhebung nötig, um die britischen Inseln wieder an Europa zu befestigen. ³)
Heute freilich bildet das deutsche Meer, das den Römern unter den Namen Oceanus septen- trionalis, Mare Britannicum, Mare Germanicum, Ptolemaios als Treuavode dæewrde, Adam von Bremen als Oceanus Britannicus und Fresonicus bekannt war, und das die Engländer heute noch German
¹) O. Peschel, Neue Probleme der vergleichenden Erdkunde, p. 25, 26, 118. ¹) Reclus-Ule, Die Erde und die Erscheinung ihrer Oberfläche, II. p. 142. ³) DDr. J. Hann, F. v. Hochstetter und A. Pokorny, Allgemeine Erdkunde, III. p. 358 u. 359.


