Druckschrift 
[1] (1873)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

Der Brief Audistis fratres steht im Registrum merkwürdiger Weise an einer ganz ver- kehrten Stelle, nemlich III, 6. Bei Bruno geht er dem Anathem voran¹); bei Paul von Bernried folgt er dem Beate Petre nach ²) und bei Hugo von Flavigny ³) steht er isoliert und in einem ganz verkehrten Zusammenhang.

Hiernach wurde das Anathem nebst den zwei genannten Briefen(auszer noch anderen) versandt, oder wenigstens mit dem ersteren Audistis fratres, und es folgten die anderen dann nach. Beide genannte Briefe waren Begleitschreiben und der Brief Audivimus etc. sollte die Gründe angeben, weshalb der König gebannt sei. Im Registrum folgt am Schlusze des Briefes Audistis fratres: qualiter autem aut quibus pro causis beatus Petrus anathematis vinculo regem alligaverit, in cartula, quae huic inclusa est, plene potestis cognoscere. Unter der cartula, welche dem Briefe eingeschloszen ist, hat man das Anathem selbst zu verstehen. Derselbe Schlusz findet sich bei Paul von Bernried. Bei Bruno fehlt die eben erwähnte Stelle und es folgt dafür unmittelbar das Anathem selbst, und bei Hugo von Flavigny heiszt es: qualiter aut pro quibus causis beatus Petrus anathematis vinculo alligaverit praefatum regem Heinricum in sequentibus literis cognoscere potestis:»Gregorius episcopus, servus servorum dei«. Audivimus quosdam-. Die erstere Schrift geht unmittelbar vorher; von letzterer, als der wichtigsten, ist bereits gesprochen.

Der Inhalt der Schrift Audistis fratres beginnt mit leidenschaftlichen Klagen über die Beeinträchtigung der Kirche. Umsonst suche man in früheren Zeiten nach einer Analogie dafür. Die Anhänger St. Peters müsten, wenn sie an die Schlüszelgewalt des Pabstes glaubten und sich darnach sehnten durch ihn zu den Freuden des ewigen Lebens einzugehen, überlegen, wie sie am Schmerze St. Peters teil nähmen. Wer jetzt nicht mit leide, sei auch nicht würdig dereinst die Krone des ewigen Lebens zu empfangen. Darum, heiszt es zum Schlusz, bitten wir um eurer Liebe willen, dasz ihr inbrünstig die göttliche Barmherzigkeit anrufen möget, dasz sie entweder die Herzen der Gottlosen zur Busze wenden möge, oder, indem sie gottlose Anschläge vernichtet, zeige, wie thöricht die sind, welche es unternehmen, den von Christus gegründeten Felsen zu unterwühlen und die göttlichen Privilegien zu verletzen.

In dieser Schrift wird also hauptsächlich gefordert, 1) der Glaube an Heinrichs Schuld, ohne dasz dieselbe bewiesen wird, und 2) der unbedingte Glaube an die päbstliche Schlüszel- gewalt. Zum Schlusze folgt die Aufforderung zum Gebet, Gott möge die Frevler zur Busze führen und die Ratschläge der Gottlosen unterdrücken.

Somit hatte sich denn ein vollständiger Bruch zwischen König Heinrich und Gregor VII vollzogen; aus der Unklarheit der Situation hatte sich ein Streit herausgebildet, der seinem Character nach die Machtfrage von der Rechtsfrage nicht so, wie es sich geziemt hätte, schied und dabei das Gepräge der Leidenschaftlichkeit nur zu deutlich an seiner Stirne trug. Un- mittelbar mit dieser Thatsache gieng eine Spaltung durch die abendländische Christenheit von den Dünen der Ost- und Nordsee bis jenseits der Alpen, soweit das deutsche Scepter reichte. Ueberall regte der so energisch auftretende, so entschieden ausgeprägte Kampf zwischen den beiden höchsten irdischen Gewalten der Christenheit die Gemüter auf, nötigte sie zu einer Parteinahme und zog sie unwillkürlich in die Sphäre dieses Kampfes hinein. Während nun,

1) Pertz Mon. VII p. 353. 2) Watterich p. 517. 3) Pertz Mon. X p. 442.