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c) Heinrich hielt seine Versprechungen nicht.—
Heinrich hatte in jenem demütigen Schreiben an den Pabst allerdings zu viel versprochen. Nachher kam er zur Besinnung und mochte sich dessen schämen. Es wäre ein Zeichen von leidenschaftloser ruhiger Vernunft gewesen, wenn Gregor dieses erkannt hätte und nicht weiter auf der Erfüllung jener Versprechen bestanden hätte. Am wenigsten kann hierin ein Grund zur Excommunication gefunden werden..
d) Gregor legte dem Könige sittliche Vergehen zur Last, die gröstenteils ersonnen und ihm von des Königs Feinden denunziert waren. Deswegen nun dem Könige, ohne diesen selbst zu hören, durch Gesandte Vorwürfe zu machen und Drohungen gegen ihn auszustoszen, zeugt von einem Mangel an richterlichem Tact, der um so folgenreicher wird, je höher die Person desjenigen steht, an den solche Vorwürfe und Drohungen gerichtet sind. Auch sie konnten in dieser Form keinen Grund abgeben, um den König zu bannen.
3) Die Aufträge der Gesandten machten auf den König einen leidenschaftlichen Eindruck. Auf wen würden sie einen solchen nicht gemacht haben? Wollte Gregor den König reizen? Das glaube ich nicht von ihm. Aber konnte er einen anderen Eindruck erwarten? Bei ruhiger Ueberlegung nicht. Nun endlich ist das Masz der Geduld des Königs erschöpft, und er läszt zu Worms qurch ein Konzil den Pabst absetzen. Hatte er ein Recht zu dieser Handlung? Nach dem Vorgange seines Vaters zu Sutri ist ihm ein solches nicht abzusprechen. War das eine Recht, so war es auch das andere.
4) Lag in der Absetzung des Pabstes durch das Wormser Conzil für diesen ein Grund, den König zu bannen?— Auch das kann nicht behauptet werden, vielmehr war der Bann des Königs ein Ausbruch der Leidenschaftlichkeit Gregors wegen der Absetzung, und deswegen erscheint er nicht gerechtfertigt.
5) Heinrich hatte wol nach den Vorgängen von Sutri ein Recht, den Pabst durch ein Conzil zu entsetzen. Aber lagen nach dem Inhalt des letzten Briefes Gregors an ihn und nach der mündlichen Botschaft der Gesandten zwingende Grände für ihn vor, es zu thun? Ich antworte: Nein. Vielmehr hätte Heinrich entweder, wie ich schon früher bemerkt habe, gleich nach der Wahl Gregors gegen dieselbe energische Einsprache erheben müszen, oder er hätte auch damals nicht so leidenschaftlich und scharf gegen Gregor vorgehen, vielmehr sich in ruhiger und würdevoller Weise mit ihm auseinander setzen sollen. Ich glaube, wenn Heinrich hierzu den guten Willen gehabt hätte, er würde auch da noch bei Gregor ein aufrichtiges Entgegenkommen gefunden und Gregor würde die Beleidigungen zurückgenommen haben. ES wäre dies jedenfalls das beste und politisch Klügste gewesen. Doch der Streit nahm nunmehr auf beiden Seiten das Gepräge der Leidenschaftlichkeit an und darum einen beklagenswerten Verlauf.
Ich glaube, was Heinrich vornehmlich bestimmte, so scharf gegen Gregor vorzugehen, war bei ihm das Bewustsein, den innern Feind in Deutschland siegreich niedergeworfen zu haben. Die Sachsen waren bei Hohenburg besiegt und die Häupter der Rebellion saszen ge- fangen. Wie demütig war der König dem Pabste gegenüber aufgetreten, als er im Unglück war! Jetzt stand er auf der Höhe seines Glückes und begieng den groszen Fehler, dasselbe für unwandelbar zu halten. Darum nahm er nun keine Rücksicht mehr auf Gregor, der ihm mit seinen immer deutlicher hervortretenden Ansprüchen anfieng unbequem zu werden. Darum


