Druckschrift 
[1] (1873)
Entstehung
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thatsächlichen Verhältnissen entsprechendere Auffaszung statt gefunden hat. Doch auch so ist man immerhin noch zu sehr geneigt, die Busze Heinrichs IV zu Canossa als einen Act zu weit getriebener Demut aufaufaszen, durch den er sich und die Würde des Reiches blosz gestellt habe. Man geht sogar so weit, von einer Herabwürdigung der deutschen Königskrone zu reden; und es ist doch gar nicht einzusehen, wie durch die Erfüllung einer kirchlich religiösen Pflicht, verbunden mit einem Acte politischer Weisheit, wie die Busze zu Canossa aufzufaszen ist, die ohnehin ganz und gar den religiösen Begriffen und Vorstellungen der Zeit entsprach, nur irgend wie von Heinrich IV etwas gethan worden sei, wodurch er die Hoheit der deutschen Krone compromittiert hätte. Wenn man von dieser letzteren Ueberzeugung ausgeht, so, glaube ich, ist man es sich in einer Zeit, in welcher der nationale Einheitstraum vergangener Geschlechter in so herrlicher Weise in Erfüllung gegangen ist, gewis doppelt schuldig, auch die fehlerhaften Anschauungen jenes mittelalterlichen Ereignisses zu corrigieren und den Beweis zu liefern, dass von Heinrich IV bei all seinen Fehlern und Schwächen, die er sonst gehabt haben mag, selbst die grösten Opfer nicht gescheut worden sind, um die Würde und lloheit der Krone zu retten, und dass es ihm durch die dem Geist der Zeit nach tadellose Busze zu Canossa auch gelungen ist, seine Stellung zu behaupten und die jedem Deutschen heilige Würde des von Gott eingesetzten König- und Kaisertums zu retten. Jeder Beitrag, auf selbständiger wiszenschaftlicher Porschung beruhend, der zu diesem Ziele führt, musz nach meinem Dafürhalten als eine nationale Pflicht erscheinen, zu der man, abgesehen von dem ernsten Streben nach Wahrheit, auch von patriotischer Gesinnung sich angetrieben fühlt.

Die Tage von Canossa sind es, welche ich in vorliegender Arbeit einer näheren Prüfung zu unterziehen gedenke. Sie bilden in den gewaltigen Kämpfen des Mittelalters zwischen kaiserlicher und päbstlicher Macht einen vorläufigen Abschlusz für das, was ihnen zunächst vorangeht, zugleich einen Durchgangspunkt für die weitere Entwickelung dieser Kämpfe und involvieren dabei Ideen, die erst in viel späterer Zeit zu ihrem vollständigen Abschlusz gekommen sind. Ohne Zweifel bilden sie einen Cardinalpunkt, um welchen sich die wichtigsten Begebenheiten des Jahrhunderts drehen.

Still und unscheinbar, von winterlichem Frost angehaucht, in einem einsamen und festen Bergschlosz der Apenninen spielt sich ein Stück mittelalterlicher Kaiser- und Pabstgeschichte vor unsern Augen ab, an dem verhältnismäszig nur wenige Personen teil nehmen; aber diese wenigen sind die wichtigsten und bedeutendsten der Zeit: hier ein Salier von unbeugsamem Willen, groszer Schlauheit und Gewandtheit des Geistes, dort ein Pabst, der mit Recht zu den grösten auf dem Stuhl Petri gerechnet wird, von hohen Entwürfen, von durchdringendem Verstand und groszer Klugheit, von ascetischem Character, ganz erfüllt von den reformatorischen Ideen seiner Zeit, von einer fast unüberwindlichen Starrheit und einem nicht leicht seines Gleichen findenden Trotz; hier ein groszer, stattlicher, schlank gewachsener, noch in jugendlichem Alter stehender König, dort ein kleiner schwärzlich aussehender, häszlicher, schon in reiferem Alter befindlicher Italiener; dazwischen gleichsam vermittelnd eine Fürstin, die zu den reichsten der Zeit zählte, ihrer Abstammung nach verwandt mit dem so stolzen, jetzt aber demütig nahenden Kaiser, ihrem Geist und ihrer Gesinnung nach verwandt mit dem wider seinen Willen zu einem Triumphe gezwungenen Pabste; daneben der religiöseste vielleicht aller Religiösen, Abt Hugo von Cluny, erfüllt von einer würdigen Reform der Kirche und in diesem Streben