Druckschrift 
[1] (1873)
Entstehung
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schon allein genügen würde, nicht blosz die auf dieser Grundlage beruhende richtige Dar- stellung der Geschichtserzählung und nicht blosz ein leicht zu fällendes ohne veiteres aus der Darstellung sich ergebendes Urteil, sondern weil der Gegenstand, auch wenn er kritisch sichergestellt ist, doch immer noch ein so schwieriger bleibt, dasz die gewiszenhafte Beurteilung desselben eine verschiedene bleiben wird, da er so mit dem gesammten inneren und äuszeren Leben der früheren Zeit auf das engste verwachsen, mit den damaligen politischen, socialen und religiösen Anschauungen sowol des Einzelnen als der Gesammtheit aller Gebildeten so zusammenhängt, dasz in ihm wie in einem Brennpunkt die höchsten Ideen und Interessen der damaligen Zeit concentrierten. Darum wird es nicht überflüszig sein, wenn ein solcher Gegen- stand immer wieder und von verschiedenem Standpunkt aus beurteilt wird, damit nicht blosz Eine Meinung etwa durch die Macht der Autorität der einen oder die Gedankenlosigkeit der andern die herrschende werde und dadurch eine unparteiische Kritik wesentlich beeinträchtige. Neben der Freibeit des Urteils musz auch der Vielseitigkeit desselben auf dem Gebiete der Geschichte eine Berechtigung eingeräumt werden, damit immer mehr eine tendenziöse Auf- faszung schwinde. Erst wenn die auf gründlicher Quellenkunde beruhenden verschiedenen Orteile über einen schwierigen Gegenstand zu ihrem Abschlusz gekommen sind und sich in gegenseitigem Kampfe erprobt haben, wird es annähernd möglich werden, ein allgemeines dem objectiven Thatbestand immer mehr entsprechendes Urteil'zu gewinnen und damit der absoluten Wahrheit näher zu kommen.

Der andere Gesichtspunkt, der mich bei der Behandlung des gewählten Stoffes leitete, war ein nationaler. Es ist wol nicht möglich, dasz nach den erhabenen Ereignissen der letzten Zeit, den glorreichen Kriegsthaten der Jahre 1870 und 1871 und der durch dieselben so ruhmreich vollzogenen Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreichs ein deutsches Herz von etwas anderem mehr durchdrungen sein sollte, als von inniger Dankbarkeit zu Gott, dem ewigen Lenker der menschlichen Geschicke, dafür, dasz vir endlich aller solcher Gefahren von Seiten eines unruhigen und stets feindlich gesinnten Nachbarvolkes glücklich überhoben sind, wie sie sich noch vor kurzem der Grösze, dem nationalen Aufschwung und der naturgemäszen Entwickelung Deutschlands entgegenstellten. Aehnliche feindliche Störungen deutscher Grösze und Machtvollkommenheit kamen nun aber auch schon zu den Zeiten der Salier und Hohen- staufen und zwar von ultramontaner Seite her vor; und es kostete unsre früheren mittelalter- lichen Kaiser, diese ehrwürdigen geharnischten Gestalten der Vorzeit, eine nicht geringe Mühe und Aufopferung, sich stets gegen die maszlosen hierarchischen Ansprüche zu behaupten und sich ihrer siegreich zu erwehren. Welcher Deutsche möchte daher nicht gern, nachdem der Sieg deutscher Grösze und Einheit nunmehr gesichert ist, im glücklichen Bewustsein befestigter Zustände der Gegenwart auch der Vergangenheit einmal prüfend gedenken und hier die trüben Zeiten kritisch zu rectifizieren bemüht sein, die durch vielfache Entstellung gleichzeitiger oder späterer parteiischer Schriftsteller in ein falsches Licht gestellt sind, das, einmal befestigt und tiet eingewurzelt, wie eine zähe Tradition sich der Geschichtsbehandlung und dem Geschichts- unterricht eingeprägt hat, so dasz man gar nicht selten hier noch den verkehrtesten Ansichten und Darstellungen entgegen treten musz. Eine solche Partie sind unstreitig die Tage von GCanossa, die man so lange Zeit hindurch grundfalsch aufgefaszt und dargestellt hat, bis durch Flotos und Giesebrechts nicht genug zu rühmendes Verdienst eine richtigere und den