24
Seite geſchrieben und geſprochen ward, ſo war doch lange kein Reſultat moͤglich, weil man den wahren Geſichtspunkt, aus dem die Frage beurtheilt werden muß, erſt ſpät feſtſetzte. Die Verfaſſer des Geſetzes vom 20. September 17092 hatten of⸗ fenbar Unrecht, indem ſie die Eheſcheidung aus der buͤrger⸗ lichen Freiheit herleiteten,„welche durch eine unauf⸗ loͤsliche Verpflichtung verlohren gienge,“ indem alle buͤrgerliche Freiheit nur dann vorhanden iſt, wenn ihre Aus⸗ uͤbung den Geſetzen der oͤffentlichen Ordnung untergeordnet iſt; eben ſo unrichtig iſt der Grundſatz der abſoluten Vor⸗ treflichkeit der Inſtitution der Eheſcheidung, indem ſie nur ein Huͤlfsmittel iſt: ſobald ſie aber ein Huͤlfsmittel, oder wohl gar ein nothwendiges Huͤlfsmittel werden kann, iſt es eben ſo unrichtig, ſie an und fuͤr ſich fuͤr ein Uebel zu er⸗ klaͤren. Die Gegner der Eheſcheidung, welche behaupten, daß die Idee der Unaufloßbarkeit der Ehe fuͤr die Ehegatten ein Grund ſeyn wuͤrde, ihre Fehler gegenſeitig mit Geduld zu ertragen, indem niemand ſich gegen das eiſerne Joch der Nothwendigkeit auflehne, haben nicht weniger Recht, als die Verfechter derſelben, welche behaupten, daß eben der Gedanke der Unaufloͤßbarkeit der Ehe die Quelle ſo vieler Ausſchwei⸗ fungen ſey, daß häusliche Leiden nur durch die Gewißheit ihrer Verlaͤngerung auf die ganze Lebenszeit unertraͤglich wuͤr⸗ den, und daß ein endloſer Kummer zur Verzweiflung fuͤhre. Beiden bietet die Erfahrung tauſend Belege zu ihren Be⸗ hauptungen dar.
Auch das Intereſſe der Kinder kann kein Entſcheidungs⸗ grund werden. Eine Scheidung macht ſie oft weniger elend als eine ungluͤckliche Ehe; oft iſt es umgekehrt der Fall. Ohne Zweifel iſt die Scheidung fuͤr die Kinder ein trauriges


