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und peitſcht auf die Pferde. Der Wagen ſchwankt den ſteinigen Abhang hinab; dann geht es über die Felder in einem Bogen um das Dorf herum, zuletzt auf der Uferſtraße in geſtrecktem Galopp nach Rheineck, an Rheineck vorüber weiter bis nach Kirchheim auf den Pfarrhof, deſſen Thor ſchon geöffnet iſt und alsbald von Ambroſius ſelbſt, dem ſeine Nichte im letzten Augenblick in das Geheimniß gezogen hat, geſchloſſen wird.
Clärchen ſtürzt an den Wagen; aber Wolfgang kommt ihr zuvor; er ſagt ihr, was nicht zu verheimlichen iſt. Clärchen ſtößt einen dumpfen Weheſchrei aus und taumelt zurück. Dann rafft ſie ſich wieder auf und faßt die Hand ihres Gatten, der eben von den Männern aus dem Wagen gehoben, in das Haus, in die Stube getragen und auf des Pfarrers Studirſopha gelegt wird. Sie fällt an ſeiner Seite auf die Knie und blickt thränenloſen Auges in das fahle Geſicht. Er hebt die todesmüden Lider noch einmal und verſucht zu lächeln und im Lächeln erſtarrt ſein Ge⸗ ſicht; Clärchen ſieht es ein wimmerndes Stöhnen dringt herz— erſchütternd aus ihrer gequälten Bruſt; ſie ſinkt in eine halben Ohnmacht über den geliebten Todten. Antonie ſteht aufrecht zu Häupten des Sophas; ihr ſchmerz verzerrtes Antlitz iſt furchtbar anzuſchauen. Als Wolfgang ſich theil⸗ nehmend zu ihr wendet, ſieht ſie ihn mit öden, ſtieren Blicken an und murmelt: „Ich habe es gut machen wollen.“
Cajus, der hinausgegangen iſt, tritt wieder herein und klopft Wolfgang und Rüchel auf die Schulter:
„Ich habe das Signal gehört; der Dampfer iſt in zehn Minuten hier; wir brauchen fünf Minuten, um an das Ufer zu kommen; beeilt Euch. Ihr könnt hier doch nichts mehr helfen.“ „
Schluß.
Im zweiten Sommer nach dieſen Ereigniſſen, an dem Abend eines heißen Julitages, muſterten drei Männer die Fortſchritte, die ein gewaltiger Bau, der den Vorſprung eines Hügels an einem der ſchönſten Punkte der Schweiz krönen ſollte, während der letzten Woche gemacht hatte. Der älteſte dieſer Männer — ein rüſtiger Funfziger, mit einem feinen, itelligenten Geſichte — hatte den Arm ver— traulich in den Arm ſeines jüngeren Gefährten gelegt und hörte unter manchem Kopfnicken und vielen Hm's und Ja⸗ja's den Erörterungen zu, die ihm Jener über den Stand des Baues gab, während der Dritte — ein ſchlan⸗ ker, ſchwarzäugiger Krauskopf, der Papiere und Zeichnungen unter dem Arm (und die Mütze auf das rechte Ohr gerückt) trug und wohl der Oberaufſeher ſein mochte, nebenher ging, und das Lob, das ihm der ältere Herr ſpendete, als Etwas, das ſich von ſelbſt verſtand, hinnahm.
„Sehr gut, ſehr gut;“ ſagte der ältere Herr; „Ihr ſeid Teufelskerle, das muß ich ſagen; wir kommen wahr⸗ haftig vor dem Winter noch unter Dach — das übertrifft meine kühnſten Erwartungen; ſehr gut, ſehr gut.“
„Wenn es den Herren genehm iſt, ſo möchte ich jetzt in die Bauhütte,“ ſagte der mit den Zeichnungen; „ich habe die Zahlliſten für die Maurer noch nicht abgeſchloſſen.“
„Sehr gut;“ ſagte der ältere Herr; während ſein Ge⸗ fährte freundlich mit dem Kopfe nickte.
Der mit den Zeichnungen faßte militairiſch grüßend an ſeine Mütze, drehte ſich auf dem Hacken um und ſprang leicht und die anſehnlich hohen Terraſſen, die an dieſer Stelle den Hügel hinauf gemauert waren, hinab.
„Ein prächtiger Menßh⸗ der Rüchel,“ ſagte der ältere Herr; „gefällt mir ſehr; rührig, itelligent, brav — ein Capitalkerl — Ihr bei Euch zu Lande könnt ſolche Leute natürlich nicht brauchen, natürlich!“
„Das klingt ja gerade wie ein perſönlicher Vorwurf für mich,“ ſagte der Andere lächelnd.
„Für Sie, lieber Wolfgang? nein, gewiß nicht! Sie kann man doch auch nicht brauchen — zum Glück für mich. Was ſollte ich ohne Sie anfangen?“
„Und haben ſich doch ſo lange, ohne mich beholfen.“
„Beh müſſen! weil ich Niemand hatte, der auf meine Ideen einging, eingehen konnte. Und wahrhaftig: es war Zeit, daß ich Sie fand; die Sachen wuchſen mir zu—
5 9 letzt über den Kopf; ſo lange man jung iſt, glaubt man Alles ganz allein thun zu können; je älter man wird, deſto mehr kommt man zur Einſicht, daß unſre Kraft doch ſehr beſchränkt iſt und daß wir nur in Gemeinſchaft mit Ande⸗ ren eine Garantie für den Erfolg unſrer Beſtrebungen haben. So iſt mir auch die Verbindung mit Ihrem Onkel unſchätzbar. Er iſt ein volkswirthſchaftlichestGenie; ſein Syſtem des Credit⸗, Spar- und Conſum-Vereinspeſens, wie er es mir heute Mittag entwickelt hat, iſt bewunderungs⸗ würdig. Auf den ſtarken Schultern dieſes Mannes ruht wahrlich ein Theil der Zukunft nicht blos Deutſchlands, ſondern Europas, ja der ganzen Welt. Ich rechne es mir zu einem der größten Glücksfälle meines Lebens, daß es mir vergönnt war, einen ſolchen Mann zu, dem Einen ver— holfen zu haben, woran es ihm von je gefehlt hat: zu einem ordentlichen Kapital. Und wie haben ſich unſre gehoben, ſeitdem er die Commiſſion für Deutſch⸗ and übernommen hat. Wir werden eine glänzenden Jahres⸗ abſchluß haben.“
Herr von Degenfeld rieb ſich vergnügt die Hände und blickte an dem hohen Gerüſt hinauf, auf welchem die Leute noch munter arbeiteten.
„Wie das wächſt!“ ſagte er. „Und wie ich mich ſchon“
auf das nächſte Jahr-freue! Von allen Enden werden ſie herbeiſtrömen. Das Kurhaus zum Jungfraublick ſoll in kürzeſter Friſt ein weltberühmter Name ſein. Wo auf der Erde giebt es einen Ort, der, wie dieſer, Alles vereinigt, einen zerrütteten Organismus wieder zur Geſundheit zu ſtimmen: mildeſtes Klima, reinſte Luft und eine Natur, die Dden größten Hypochonder zum Glauben an die Herrlichkeit der Welt bekehren muß. Wem hier nicht geholfen wird, dem iſt nicht zu helfen; meinen Sie nicht auch, Wolf⸗ gang?“ Der junge Mann hatte die letzten Worte ſeines väter⸗ lichen Freundes nicht vernommen; eine kleine Geſellſchaft von zwei Herren und zwei Damen, die den eben fertig ge⸗ wordenen bequemen Weg zum Hügel hinaufkamen, hatte ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch gefeſſelt.
„Da kommen ſie!“ ſagte er, unwillkürlich ein paar Schritte nach der Richtung hin machend, und ſich dann, als ſchämte er ſich ſeiner Ungeduld, ſchnell wieder zu Herrn von Degenfeld wendend.
„Aha!“ lächelte dieſer;“ immer noch der Liebhaber, trotztdem das Kind zu Hauſe in der Wiege ſchreit! Sehr gut! Aber wollen denn unſere Gäſte wirklich morgen ſchon fort? Reden Sie ihnen doch zu, Wolfgang!“
„Ich habe ſchon meine ganze Ueberredungskunſt auf⸗
geboten; aber Sie wiſſen ja, daß der Onkel unbeugſam iſt in dem, was er für ſeine Pflicht hält.“ Unterdeſſen waren die vier herangekommen; voran Peter Schmitz, der Ottilien führte; hinter ihnen Dr. Holm, der Tante Bella untergefaßt hatte. Ottilie machte ſich von dem Onkel los und kam ihrem Gatten entgegengehüpft: „Hedda ſchläft wunderſchön,“ flüſterte ſie ihm zu, während ſie ſchnell ihren Arm um Finen Nacken ſchlang; „ſolche rothen Bäckchen! ſie ſieht aus wie ein kleiner Engel.“
Peter itz hatte ſich zu Herrn von Degenfeld ge⸗
ſellt. wiſchte ſich den Schweiß von der kahlen Stirn, bli end zu dem Bau empor, deſſen kolloſſale Verhältniſ von dieſer Stelle herrlich präſentirten und
ſagte zu Tante Bella gewandt: „Sehr — orum gut — orum!“ Tante Bella antwortete nicht; ihre thränenfeuchten Blicke hingen an Ottilien und Wolfgang, die jetzt Arm in Arm in eifrigem flüſternden Geſpräch nach dem Walde zu gingen.
„Ich werde ſie nicht wiederſehen!“ ſagte Tante Bella.
Dr. Holm ſchüttelte den Kopf.
„Bleiben Sie hier, Tante Bella,“ ſagte er; „Sie hal⸗ ten's bei uns nicht aus; die Sehnſucht nach dem kleinen Weſen, das Sie nun zwei Monate lang, ich weiß nicht wie viel Stunden täglich auf dem Armen gewiegt und heute ſchließlich über die Taufe gehalten haben, wird Ihnen keine Ruhe laſſen. Bleiben Sie hier.“
„Nimmermehr!“ erwiderte Tante Bella mit großer Be⸗ ſtimmtheit; „Ottilie braucht mich jetzt nicht mehr, und, ſo gern ſie mich auch hier behielte, in einer jungen Ehe iſt ein Dritter immer das fünfte Rad am Wagen. Und wenn


