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Aurelien mit einem Haß, der darum nicht weniger gründlich war, weil er ſich unter der Maske hingebender Freundſchaft ſorgfältig verſteckte. Aber haſſen und dem gehaßten Gegen⸗ ſtande ſo viel als möglich ſchaden, waren für Georgine von Hinkel identiſche Dinge, und ſo war ſie denn von Anfang an unabläſſig bemüht geweſen, in das gutmüthige Herz des friedliebenden Roué's Tropfen um Tropfen das Gift der Eiferſucht zu träufeln. Und heute hatte ſie nun ſo reiche Gelegenheit gehabt! Kettenberg war in ſeinem Beſtreben, den Harmloſen in ſeinem Sinne zu ſpielen, mehr als ge— wöhnlich unvorſichtig in ſeinem Betragen gegen Aurelie ge⸗ weſen, und Aurelie hatte, ganz verloren in ihrer Liebe und der Erinnerung von heute morgen, jede Rückſicht bei Seite eſetzt.
Sie doch, wie ſie ihm fortwährend mit den Augen folgt,“ ſagte Georgine, „Sie müſſen ſich mit ihm ſchießen, Willamowsky; bei Gott, das müſſen Sie!“
„O, mein Himmel! und ich liebe ſie ſo!“ ſeufzte der arme Baron aus der Tiefe ſeines Herzens.
„Umſomehr müſſen Sie es!“ flüſterte Georgine.
„Und das an meinem Hochzeitstage!“
Das Fräulein lächelte ironiſch. „Kettenberg iſt bereits drei Tage hier; das war ein wenig unvorſichtig von Ihnen, lieber Willamowsky, wenn Sie Ihr Glück aus der erſten Hand haben wollten.“
Der arme Gefolterte ſtöhnte. „Verzeihen Sie,“ ſagte er, „aber ich kann nicht mehr; mir ſchwimmt Alles vor den Augen.“
Er ſchwankte aus der Reihe der Tanzenden nach einem Divan. Eine Aufregung entſtand an dieſem Punkte des Saales. „Er iſt ohnmächtig; — die große Hitze; — wo iſt denn die junge Frau? —
Aurelie kam herbeigeeilt; der Baron brach in Thränen aus, als ſie ſich über ihn beugte.
„Biſt Du toll, Stillfried?“ flüſterte die Erſchrockene; „um Himmelswillen, alles Andre, nur keine Scene!“
Da bot ſich den Gäſten, die, zum Theil voller Er⸗ ſtaunen, zum Theil mit kaum verhehlter Schadenfreude, dieſen eigenthümlichen Vorgang beobachteten, ein anderes Schauſpiel, das allerdings nur eine Erklärung zuließ.
Aus einem der Seitenzimmer, in welchem eine große Anzahl beſonders jüngerer Offiziere ſchon ſeit dem Beginn
des Balles faſt ununterbrochen der Flaſche zugeſprochen
hatten, kam Kuno, bis zur Sinnloſigkeit betrunken, mit auf— geknöpfter Uniform, taumelnd, lallend, gefolgt von ſeinem Bruder Odo, der, obgleich augenſcheinlich ebenfalls berauſcht, doch noch verſuchte, den Bruder zurückzuhalten.
„Laß mich in drei Teufels Namen,“ ſchrie Kuno; „ich will mein ſchönes Couſinchen küſſen, will ich; und wenn der lederne Kerl von Schnepper, oder der Pri — Prinz“ —
Einige Offiziere, die in der Nähe ſtanden, ſprangen auf den Lärmenden zu, ihn wieder aus dem Saal zu führen; aber Kuno riß ſich los und taumelte bis mitten zwiſchen die Partie, in welcher Camilla bleich und düſtern Auges neben ihrem Gemahl ſtand und die Augen nicht mehr zu dem erſtaunten Prinzen aufzuſchlagen wagte
Der Prinz ſah den Trunkenen zuſa trat ſchnell aus der Reihe zurück. Alles ka nung; man eilte davon, oder drängte ſich he plötzlich hörte man von dem Haupteingange des Saa Mord, Mörder! — Wer? was? — Ich weiß es nicht — die alte Excellenz — unmöglich — entſetzlich — ſo rief und raunte und flüſterte und ſchrie Alles durcheinander, ſich in dichtem Schwarm nach der Thür wälzend. Frauen wurden ohn⸗
en und r Ord⸗
mächtig — die Verwirrung hatte den höchſten Grad er⸗
reicht — dazu ſchmetterten die Trompeten und quinguilirten die Hoboen, bis mit einem Schlage die Muſik verſtummte und die plötzliche Stille das Entſetzen noch vergrößerte. Unterdeſſen hatten Antonien Angſt und Ungeduld aus dem heißen Saal auf den kühleren Corridor getrieben. Die Stunde, in welcher Cajus und Rüchel in ihrem Wagen die in dem Thurm Verſteckten abholen ſollten, war gekom⸗ men, und die Minuten wurden ihr zu Ewigkeiten. Da dringt das Mordgeſchrei die Treppe herauf. Eine böſe Ahnung ſagt ihr, daß dieſer Zwiſchenfall unheilbringend für Münzer's Flucht werden könne. Ihre Ahnung hat ſie nicht betrogen. Kaum iſt ſie, dem Geheul der Weiber und
Baumes loslöſt.
956 dem Rufen der Männer die Treppe hinab, die Corridore entlang folgend, bis vor die Thür des Ermordeten gekom⸗ men, als ſie die Worte vernimmt: Ich habe ſie laufen ſehen — nach dem Dorf zu — man muß ihnen nachſetzen —
Ihr Entſchluß iſt gefaßt, wenn man die Eingebung des Augenblicks, die mit der Gewalt einer Naturkraft wirkt, einen Entſchluß nennen kann. Wie ſie da iſt, eilt ſie den Corridor zu Ende in den Gartenſaal, aus dem Gartenſaal an den ſich ängſtlich durcheinanderdrängenden Dorfleuten vorüber in den Park. Sie kennt von früheren häufigen Beſuchen die Oertlichkeit genau; ſie weiß, daß am Ende des Parks eine Pforte durch die Mauer auf einen Fußpfad führt, auf dem man in wenigen Minuten die Stelle, wo in dieſem Augenblicke der Wagen halten muß, erreichen kann. Die Angſt beflügelt ihren Fuß, aber betäubt ihre ſonſt ſo ſcharfen Sinne; ſie hört nicht, daß ihr in einiger Entfernung Jemand folgt, der ſich, wo es angeht, an die Hecken drückt und hinter den Bäumen wegſchleicht, aber immer Schritt mit ihr hält, getrieben, wie er iſt, von Eifer⸗ ſucht und einer dämoniſchen Gewalt, die ihn wie mit Zau⸗ berbanden an die Ferſen des ſchönen Weibes feſſelt. Sie erreicht die Pforte; ſie eilt auf dem ſchmalen Rain unter den Kaſtanien an dem tiefen Graben hin, in welchem das Waſſer hier und da leiſe gurgelt. Sie eilt ſchneller und immer ſchneller, denn ſie ſieht bereits den Wagen halten. Sie wagt nicht zu rufen, aus Furcht, man könne ihren Ruf mißdeuten und irgend eine Unbeſonnenheit begehen. Plötz⸗ lich, wie ſie das Ende der Kaſtanien faſt erreicht hat, tritt ihr eine Geſtalt entgegen, die ſich von dem Schatten des Es iſt Münzer ſelbſt, der ihr weißes Kleid von ferne hat ſchimmern ſehen, und den Moment benutzend, wo die Andern mit dem Wagen beſchäftigt ſind, der auf dem ſteinigen Wege in der Dunkelheit Schaden gelitten hat, ihr entgegen geeilt iſt. Sie wirft ſich zitternd vor Auf⸗ regung an ſeine Bruſt; ſie will ſagen: fliehe! aber die Kehle iſt ihr wie zugeſchnürt; ſie kann nichts, als ihn von ſich drängen. Er nimmt in Worten, die ſie kaum ver⸗ nimmt, Abſchied von ihr; er ſchwört ihr, daß er ihrem Wunſche Folge leiſten wolle, daß aber keine Macht des Himmels und der Erde, keine heiligſte Pflicht ihn verhindern könne, ſie zu lieben. Sie drängt ihn mit immer größerer Angſt von ſich und hat ſich endlich ſo weit erholt: Flieh', Bernhard, flieh! ſtammeln zu können.
In dieſem Moment ſpringt der Mann, der ihr vom Parke her gefolgt iſt, aus den Bäumen hervvr, und rennt ſeinen Degen Münzer unter dem Arm in die Bruſt. Laut⸗ los ſtürzt Münzer zuſammen. Antonie erkennt den Obriſten, mit der Schnelligkeit des Gedankens hat ſie den ſcharfen Stahl, den ſie am Buſen verborgen trägt, ergriffen und ſchwingt ihn gegen die Bruſt ihres Todfeindes, der ver⸗ wundet, aber nicht tödtlich getroffen zurücktaumelt. Er ſtößt einen grimmigen Fluch aus und wendet ſich, mit dem Griff ſeines Degens, — die Klinge iſt bei dem wüthenden Stoß abgebrochen — zum Schlage ausholend, gegen ſie. Aber bevor der Arm des Raſenden fällt, packen ihn ein paar Hände, gegen deren Kraft die ſeine hülflos iſt, an der Kehle, reißen ihn mit einem furchtbaren Ruck zu Boden und ſchlei⸗ fen ihn nach dem Graben.
Antonie hat ſich über den Körper Münzer's geworfen; ſie ſieht und hört nichts von dem Entſetzlichen, das in ihrer unmittelbaren Nähe geſchieht; ſie ſieht nichts, als das Ant⸗ litz des Geliebten, das ihr mit Todesbläſſe bedeckt ſcheint; ſie hört nichts als ſein Röcheln, das immer leiſer und leiſer wird.
Wolfgang, der gleich hinter Cajus auf dem Orte des Schreckens angekommen iſt, verſucht Münzer in die Höhe zu heben; ein Blutſtrom entſtürzt ſeinem Munde; ſein Kopf ſinkt matt auf die Seite; doch richtet er ſich noch einmal auf und murmelt: „Zu ihr, bringt mich zu ihr.“
Cajus tritt wieder heran und heißt Wolfgang, den Oberkörper höher halten. Seine Stimme iſt vielleicht um einen Schatten rauher und dumpfer wie gewöhnlich; ſonſt iſt keine Veränderung an ihm; man ſieht nicht, ob das, was er ſich mit ſeinem Tuch von den Händen wiſcht, Blut oder Waſſer iſt. Sie heben den Verwundeten ig den Wa⸗ gen; Antonie und Wolfgang ſetzen ſich zu ihm; Cajus ſchwingt ſich zu Rüchel auf den Bock, ergreift die Zügel


