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Sie ſtand auf und trat, ſcheinbar in gleichgültigem Geſpräch mit dem Maler begriffen, in eine Fenſterniſche: „Heute!“
„Wann?“
„Um zehn.“
„Alles ſteht gut?“
„Ja; und hier?“
„Vortrefflich! ich ſpiele meine Rolle aber auch zum Ent⸗ zücken — toller, als je, ſage ich Ihnen. Haben Sie keine Sorge, gnädige Frau, daß man uns beargwohnt. Die hier“ (und der Maler wies mit dem Daumen über die Schulter in den Saal) „haben genug mit ſich ſelbſt zu thun. Ich ſagen Ihnen; hier gehen Dinge vor!
„St! wir werden beobachtet! laſſen Sie mich allein!“ Der Maler beſchrieb mit der rechten Hand einige kühne Bewegungen, lachte laut, verbeugte ſich und trat von der Niſche zurück.
Der Obriſt von Hohenſtein ſtrich, wie von ungefähr, an der Stelle, wo Antonie ſtand, vorbei und ſagte, als er in ihrer unmittelbaren Nähe war:
„Krieg oder Frieden?“
Antonie antwortete nicht; ihre Augen ſprühten Blitze tödtlichen Haſſes; ſie fuhr mit der rechten Hand nach ihrem Herzen, und ließ dieſelbe dann langſam wieder ſinken.
„Pah,“ ſagte der Obriſt; „Sie ſollten vernünftig ſein und Frieden mit mir machen; er iſt ja nun fort, oder doch paſſabel ſicher verſteckt; was wollen Sie mehr?“ 5
Antonie antwortete nicht, regte ſich nicht. Der Obriſt
zuckte die Schultern und ging weiter. Er hätte viel darum gegeben, wenn Antonie auch nur eine Spur von Vergebung hätte blicken laſſen. Worüber brütete ſie? Der Obriſt war ein tapferer Mann, aber Antoniens Haltung war ihm ſehr unheimlich. Er hatte ſchon die verſchiedenſten Verſuche ge⸗ macht, ſich ihr wieder zu nähern; immer war er wie heute zurückgewieſen worden. Er hatte ſich vorgenommen, ſich die ſchöne Frau und das Verbrechen, das er an ihr begangen, aus dem Sinne zu ſchlagen; aber es war ihm unmöglich. Wie mit magiſcher Gewalt zog es ſeine Gedanken wieder und immer wieder auf den einen Punkt. Er wußte nicht, ob er Antonie liebe oder haſſe; das eine Mal hätte er ſie mit kaltem Muthe morden, das andere Mal ſich vor ihr niederwerfen und den Staub von ihrem Wege küſſen mögen. Es war, als er damals den entſetzlichen Handel mit An⸗ tonien abſchloß, nicht ſeine Abſicht geweſen, Münzer zu ver⸗ derben; er hatte wirklich den Preis ſeiner böſen Luſt be⸗ ahlen wollen; aber der Haß, den ihm ſein Opfer gezeigt, quälende Gedanke, daß in den Reizen, die ihm ſelbſt im Genuß mißgönnt waren, der Nebenbuhler geſchwelgt habe und wieder ſchwelgen werde, hatten ihn am folgenden Tage zum wortbrüchigen Verräther gemacht. Er hatte ſeit⸗ dem keinen ruhigen Augenblick gehabt; es war, als ob jene ſchlimme Stunde ſein Blut vergiftet habe; ſobald er die Augen ſchloß, ſah er das von Zorn, Schaam, Haß und Rachedurſt verzerrte ſchöne Geſicht. Der kalte, freche Wol⸗ lüſtling, der in ſeinem Leben nie das mindeſte Mitleid mit ſeinen Opfern gehabt hatte, fühlte ſich in dem Bann einer abergläubiſchen Furcht, die er vergeblich wegzuſpotten und wegzuſchwelgen ſuchte. 3
Antonie war noch ein paar Augenblicke in der Niſche ſtehen geblieben, und hatte dem Obriſt mit dem Blick eines Dämons, der tödten muß und tödten will, nachgeſehen. „Er oder ich,“ murmelte ſie, „oder wir Beide“
Die Stunde der Rache war gekommen; ſobald ſie Mün⸗ zer befreit und in die Arme ſeiner Gattin zurückgeführt ſ ſollte es geſchehen. Das hatte ſie ſich mit fürchter⸗
ichen Eiden tauſendmal geſchworen. Ob ſie ſelbſt dabei zu Grunde gehen würde — ſie dachte kaum daran, und wenn ſie daran dachte, war es ihr gleichgiltig. Was war ihr das Leben? ein Leben unter dem entſetzlichen Druck einer Erinne⸗ rung, die, mit Geduld ertragen, ſie in ihren eigenen Augen zur Dirne, oder wenn ſie dieſelbe fortwühlen und fortbren⸗ nen ließ, zur Furie machte. — „Er oder ich, oder wir Beide!“ Das war der eintönige Geſang, den ihr jede Stunde krächzte, das war die Melodie, nach der * 6 ändig
am Buſen unter ihren Kleidern verborgen trug. Sie wußte,
3 daß der Obriſt ſterben werde, ſelbſt in dem Falle, daß ihr
ſah ſie, daß Schnepper an der Grenze ſeiner Geduld ange⸗
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Racheplan mißglücken ſollte. Cajus hatte ihr mit finſterm Lächeln geſagt, daß er wegen einer alten Schuld, die nur mit Blut bezahlt werden könne, abzurechnen habe mit dem Obriſt; ſie hatte jetzt nur die eine Furcht, daß Cajus ihr zuvor kommen könne, ſie um die Wolluſt vollbrachter Rache betrügen könne. Jetzt zürnte ſie ſich, daß ſie abermals nicht vermocht hatte, dem Feinde Verzeihung zu heucheln. War das doch der erſte Schritt zum Ziel! ſie hatte nicht gedacht, daß dieſer erſte Schritt ſo furchtbar ſchwer ſeil aber bei dem Anblick jenes Mannes war es, als ob der Wahn⸗ ſinn ſie packe. Sie drückte die Hände gegen die klopfenden Schläfen, raffte ſich dann mit einem gewaltſamen Entſchluß empor und trat dem Lieutenant von Todwitz entgegen, der ſeine ſchöne Tänzerin voller Verzweiflung überall in dem Saale ſuchte. Sie hatte i einen Contretanz verſprochen, und nun ſchmetterte die Muſik bereits von der Gallerie herab, die Paare waren ſämmtlich ſchon angetreten; er war ſo ſtolz im Vorgeſchmack eines Glückes geweſen, das ſeinem jungen Rufe die Krone aufſetzen mußte — ſein Entzücken, Antonien endlich gefunden zu haben, war grenzenlos. Dieſer Contretanz — es ſollte der letzte Tanz vor dem Souper ſein — vereinigte alle Schönheiten des Abends. Camilla, die von ihrem Gemahl geführt wurde, ſchien in in Anbetracht, daß der Prinz ſelbſt ihr vis-àvis war, ein Unglück, welches ſie unter andern Umſtänden ſehr ſchmerzlich berührt haben würde, ziemlich leicht zu nehmen. Sie ſchwebte dem Prinzen mit dem huldvollſten Lächeln entgegen und hatte für die Unterhaltung ihres Gemahls offenbar kein Ohr. Der Geheimrath war außer ſich. Die Verachtung, mit der ihn ſeine junge Gemahlin behandelte, war ſo offen⸗ bar, daß er den Leuten dankbar ſein mußte, wenn ſie ihm nicht geradezu in's Geſicht lachten. Sein Herz ſchwoll von Bosheit und Eiferſucht über; er haßte dieſes junge Geſchöpf, deſſen Beſitz er ſich als die höchſte Wolluſt ausgemalt hatte, und das ihn nun gefliſſentlich zu einem alten Gecken machte. Aber ſie ſollte es empfinden; ſie ſollte ihn nicht ungeſtraft verhöhnen. „Wir fahren nach dem Tanz, Camilla;“ ziſchelte er. „Was?“ „Wir fahren nach dem Tanz, ſofort.“ „Albernes Zeug; der Prinz hat ſchon geſagt, daß er neben mir ſitzen wolle.“ „Les cavaliers senls!“ Der Prinz avancirte, ſich graziös in den Hüften wie⸗ gend, geziert nachläſſigen Schrittes, Camilla fortwährend mit verliebtem Lächeln anblickend. Schnepper nagte vor Wuth an den dünnen blaſſen Lippen. „Bei meiner Seelen Seligkeit, murmelte er, „wir fahren nach dem Tanz und ſollte ich Dich bei den Haaren in den Wagen ziehen.“ Camilla wurde blaß; mit dem ihr eigenen Scharfblick
kommen, daß er für heute ſeinen Willen durchſetzen werde, und daß ihre Ehe von dieſem Augenblick ein Kampf auf Tod und Leben ſei. „Du ſollſt es bereuen!“ murmelte ſie. „Wollen ſehen, wör es am längſten aushält;“ erwiderte
Herr vo epper mit dem Zähnefletſchen eines bos⸗ haften
Zu n Zeit tanzte Willamowsky, der die ſchöne Georgine Hinkel führte, einen böſen Tanz. Georgine
hatte, bevor ſie ſich mit Herrn von Brinkmann verlobte, mit Kettenberg in einem Verhältniß geſtanden, das der frechen Sinnlichkeit dieſer jungen Dame und der grenzen⸗ loſen Lüderlichkeit des Künſtlers entſprach. Sie wußte recht wohl, daß Kettenberg ihr keine rigoroſe Treue bewahrte (eben ſo wenig, wie ſie ihm); ja, dies ſonderbare Paar hatte die Gewohnheit, ſich gegenſeitig die Erfahrungen, welche ſie auf ihren dunklen Wegen machten, mit eyniſcher Offenheit mitzutheilen. So kannte Georgine Aureliens Liebe zu Kettenberg ſehr gut, um ſo beſſer, als Aurelie ſelbſt die Tugend der Verſchwiegenheit (auch in ihren eigenen Angelegenheiten) in einem äußerſt geringen Grad beſaß. Georgine gönnte Aurelien (die von jeher ihre Nebenbuhlerin geweſen war) die immerhin noch glänzende Partie mit dem Baron keineswegs; ſie wußte, daß nur Aurelie zwiſchen ihr und der Erfüllung ihres Wunſches: Baroneß von Willa⸗ mowsky zu werden, geſtanden hatte, und haßte demzufolge
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