laſſen? der Alte kann nicht lange mehr leben; wir haben es dann bequemer.“
„Ja, Du! aber wir!“ ſagte das Weib, das bis dahin geſchwiegen hatte; „Kilian muß fort, daß weißt Du recht gut; mit mir, denkſt Du, kannſt Du hernach umſpringen, wie Du willſt. Aber wir wollen Dich lehren, Fiſematent⸗ chen machen, Du gelbzahniger Haarkräusler, Du!“
Und Brigitte ſchlug den grünen Schleier zurück, und fuchtelte dem in der weißen Cravatte mit ihrer knöchernen Fauſt unter der Naſe.
„Meinetwegen,“ ſagte Jean ärgerlich; „er hat mir frei⸗ lich fünfhundert Thaler in ſeinem Teſtament vermacht.“
Brigitte lachte. „Biſt verrückt,“ ſagte ſie, fünfhundert Thaler! und der Alte hat Hunderttauſende in ſeinem Schrank! Willſt Du, oder willſt Du nicht? Du findeſt den Schlüſſel Dein Lebtage nicht, wenn Du auch den Alten allein wür⸗ gen wollteſt.“
„Nehmt doch nur Vernunft an,“ ſagte Jean, „ich will ja! Aber es bleibt bei der Verabredung! Ihr thut's und ich finde ihn nachher, denn ſonſt fällt der Verdacht gleich auf mich.“
„Ja, ja!“ brummte Kilian.
„Ich habe den Fenſterladen aufgelaſſen,“
dann werde ich das Fenſter aufmachen, als ob ich den Se nicht zukriegen könnte. Dann haltet Ihr die Leiter ereit.“
„Will ſchon,“ ſagte Kilian, „mach' nur, daß Du auf Deinen Poſten kommſt.“
Der Alte war, nachdem Ambroſius ihn verlaſſen hatte, noch ein paar Minuten, zwinkernd, nickend, ſein heiſeres Lachen meckernd, vor dem Komin ſitzen geblieben; dann erhob er ſich, hinkte nach der Thür zu ſeinem Wohnzimmer, die er abriegelte, dann nach einer dunklen Ecke des Zim⸗ mers, wo er aus einem unſcheinbaren Käſtchen einen kleinen Schlüſſel nahm. Mit dieſem humpelte er zu dem eiſernen Schranke, der neben ſeinem Bette ſtand, ſchloß denſelben auf und nahm eine Chatulle heraus, die er auf das Tiſch⸗ chen neben ſeinem Lehnſtuhl vor dem Kamin trug. Die Anſtrengung hatte ihn ganz erſchöpft; er ſaß, zuſammen⸗ gefallen, keuchend, hüſteind da. Dann, als er wieder zu Athem gekommen, drückte er an die Feder der Chatulle und nahm die Papiere, die in derſelben ſorgſam aufeinander⸗ geſchichtet waren, heraus. Es waren Staatsſchuldſcheine, Pfandbriefe, Kaſſenanweiſungen von höchſtem Werth. Seine runzlichen, ſchwärzlichen Hände zitterten, während er die Papiere eins nach dem andern an das Licht der Lampe hieft und durch ſeine Brille betrachtete. So oft er mit dieſer Betrachtung fertig war, warf er das Papier auf die glühenden Kohlen und glimmenden Scheite im Kamin, und jedesmal, wenn die Flamme hell aufflackerte, kicherte er und murmelte: „Tauſend weniger; tauſend Stiche, die ich Euch in's Herz gebe, verdammte Brut; — zweitauſend, nichts ſollt ihr haben; — dreitauſend; ja tanzt und ſcharrt mir nur über dem Kopfe; euch ſoll das Tanzen ſchon ver⸗ gehen; — vier⸗, fünf⸗, ſechstauſend, das wäre ein Freſſen für die Brut!“ — So fuhr er fort zu kichern und zu mur⸗ meln, bis der Kaſten geleert war. Er ich in ſeinen Stuhl zurück, hüſtelte und kicherte unden ſtarrte in die glühenden Kohlen, auf denen jetzt eine Kichte ſchwarze Aſche ſich hob und ſenkte, nickte wieder, nickte tiefer und tiefer und träumte: Jean käme zur Tapetenthür in dem Alkoven herein und ſchlich leiſe über den Teppich nach dem Fenſter, das er leiſe, ganz leiſe öffnete, und durch das Fen⸗ ſter ſtreiche die Nachtluft kalt herein, kälter, immer kälter, und zwiſchen die Kehlen im Kamin und ihm ſelbſt ſchöbe ſich langſam das Geſicht des Kilian und ſtarrte ihn mit gierigen Augen an
Mit einem Angſtſchrei fuhr der alte Mann aus ſeinem lethargiſchen Zuſtand in die Höhe. Er hatte das Geſicht des Kilian nicht geträumt; da kauerte der Menſch vor ihm und reckte die Hände nach ſeinem Halſe. Er griff nach der Klingelſchnur und riß daran mit der Kraft der Ver⸗ zweiflung.
„Schneid' die Schnur durch, Hallunke!“ rief der Kilian,
indem er ſich auf den Alten ſtürzte
„Ich ſagte Jean; er wird ihn zu haben wollen, wenn ich ihn zu Bett bringe;
„Warum haſt Du die Schnur nicht durchgeſchnitten, Dummkopf?“
„Ich konnte nicht.“
„Verfluchte Memme!“
„Macht daß Ihr fertig werdet!“ ſagte die Stimme der Brigitte vom Fenſter her.
„Der Schrank ſteht auf, es iſt nichts darin!“ flüſterte Jean, der an allen Gliedern zitterte.
„Du haſt ihn ſchon vorher beſtohlen, Du Schuft!“
„Macht, daß Ihr fertig werdet!“
„Wo ſollen wir denn nur ſuchen?“
„Es kommen Leute den Corridor herauf,“ keuchte Jean, der an der Tapetenthür horchte.
Kilian horchte ebenfalls. Es war kein Zweifel; man hatte das furchtbare Läuten gehört; man kam, zu ſehen, was es gebe. Der Menſch ſtieß einen gräßlichen Fluch aus, ſprang nach dem Fenſter und ſchwang ſich hinaus. Jean, der ſich mit dem Todten allein ſah, und die Leute ganz nahe hörte, und in ſeiner Angſt den Schlüſſel, den er hatte fallen laſſen, nicht wieder finden konnte, eilte dem Mörder nach. Man klopfte an; man rief; man klopfte wieder. Einer, der entſchloſſener war, als die Anderen, ſtieß die Thür auf . . . da lag die alte Excellenz in dem Lehnſtuhl vor dem Kamin — erwürgt. Die Knochenhand hielt noch den Griff des Glockenzuges umfaßt. Der eiſerne Geldſchrank ſtand auf — die leere Kaſſette auf dem Tiſch — das offene Fenſter, an dem noch die Leiter lehnte — Mord, Mörder, Mord! ſo heulte es in der Stube, die Corridore entlang, die Treppen hinauf bis in die hohen lichterfüllten Räume, in denen beim jubelnden Schalle der Trompeten und Hoboen die Hochzeitsgäſte ſich im Tanze drehten .
Die, welche darauf gewettet, daß Frau Antonie von Hohenſtein, trotz aller Gerüchte, die ihren Namen mit der Flucht Münzer's in Verbindung brachten, trotz aller Haus⸗ ſuchungen, durch die man ſie beleidigt hatte, auf dem Zau⸗ berfeſte in Rheinfelden erſcheinen werde, hatten gewonnen. Antonie war gegen acht Uhr gekommen, und hatte die Equipage wieder nach Rheineck zurückgeſchickt, — ein Be⸗ weis, daß die gnädige Frau entſchloſſen war, den Hand⸗ ſchuh, den ihr die Geſellſchaft etwa hinſchleudern könnte, aufzunehmen. Aber, wenn — woran nicht zu zweifeln war — ein Theil derſelben wirklich in feindſeliger Stim⸗ mung gegen die Dame war, die es gewagt hatte, Münzer's Gattin während der Proceßverhandlung in ihrem Hauſe zu bewirthen, und vielleicht auch beſchloſſen hatte, dieſer Stim⸗ mung Ausdruck zu vi ſo machte doch die Schönheit der Sünderin das ſtrenge Gericht, das über ſie ergehen ſollte, zu nichte. Antonie war noch keine Viertelſtunde in dem Saal, als ſie ſich von Bewunderern umgeben ſah, wie in ihren glänzendſten Tagen. Und in der That ſchien es kaum möglich, einer ſo zauberhaften Erſcheinung nicht zu huldigen. Selbſt die fanatiſchen Anbeter Camilla's mußten einräumen, daß dieſe junge Dame ſich weder an ſtolzem Wuchs noch feſſelnder Schönheit des Geſichtes mit dieſer Rebenbuhlerin meſſen könne, von der Anmuth der Bewegung und der Gewandtheit in der Converſation — Eigenſchaften, in denen Antoniens Meiſterſchaft anerkannt war — ganz zu ſchweigen. Se. Hoheit ſogar, der ſich bis jetzt faſt aus⸗ ſchließlich mit Camilla beſchäftigt hatte, ließ ſc Frau von Hohenſtein, die er heute zum erſten Male ſah, vorſtellen und äußerte gegen ſeinen Adjutanten: „Vollblut, auf Ehre, Nadelitz, reines Vollblut!“ — welches geiſtreiche Wort natürlich in zehn Minuten die Runde durch den Saal machte. Freilich ſchien es die ſchöne Frau heute Abend auch darauf abgeſehen zu haben, einen vollkommenen Triumph zu feiern. Sie ſtrahlte von Diamanten und hinreißender Liebenswürdigkeit — und dieſe Liebenswürdigkeit ſtand dem blaſſen Geſicht und dem dunklen Lodern der unergründlichen Augen ſo ſonderbar! „Wenn ich eine Sphinx oder eine Meduſe zu malen hätte — Sie müßten mir dazu ſitzen!“ flüſterte Kettenberg, indem er ſich über die Lehne ihres Stuhls lehnte.
„Ah, da ſind Sie!“ rief Antonie,
Alle Welt iſt Ihres Lobes voll.“
„ich muß Ihnen doch auch mein Compliment über Ihre Arrangements machen.
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