Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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nach oben wendend:iſt der liebe Pfarrer Ambroſius. Verlaß uns, Jean, und wenn ich klingle, geh' hinauf zum Herrn Notar, und bitte ihn, zu mich zu kommen; er wird bis dahin wohl fertig ſein.

Jean verließ mit einem ſchielenden Blick auf den Pfarrer das Zimmer. Ambroſius rückte ſich einen Stuhl an die Seite des Alten vor den Kamin und ſagte:

Was wollen Sie denn ſchon wieder einmal von mir? Und warum ſchicken Sie denn immer zu ſo ungelegener Zeit? Wenn ich nicht gerade unten im Dorf zu einem Sterbenden gemußt hätte, ſo hätte Sie der Teufel beſuchen mögen, nicht ich. Was wollen Sie denn?

Ambroſius rieb ſich die Hände vor dem Feuer und fuhr ärgerlich fort:Ich habe nicht lange Zeit. Meine arme Nichte iſt, ſeitdem der Münzer befreit iſt, in einem Fieber von Aufregung und heute Abend iſt es ſchlimmer, als je. Ich möchte nicht länger als nöthig iſt, von Hauſe ſein. Na, wird's?

Lieber Ambroſius, ſagte der Alte,ich will katholiſch werden.

Ambroſius ſprang von ſeinem Stuhle auf.

Hole Sie der Teufel, rief er;geht die alte Litanei von vorne an. Hören Sie, Herr, ich habe Ihre Narrens⸗ poſſen nun ſatt. Ich ſage Ihnen noch einmal und zum letzten Mal, daß ich von dieſem Unſinn nichts mehr wiſſen will. So oft Sie Ihr böſes Gewiſſen plagt, wollen Sie katholiſch werden. Als Sie im Gefängniſſe ſaßen, haben Sie es auch gewollt; der Erzbiſchof hat ſich faſt die Finger Ihretwegen abgeſchrieben, und als man Sie hernach heraus⸗ ließ, lachten Sie ſich in's Fäuſtchen. Meine Schuld iſt es nicht, daß man Sie nicht gehangen hat. Ich habe um Ihnen doch einmal reinen Wein einzuſchenken den ano⸗ nymen Brief an den Oberſtaatsanwalt geſchrieben, denn der Balthaſar, der arme Schelm, hatte mir ſchon früher geſagt, wo der Jürgens begraben lag. Ich habe den Brief geſchrieben, weil ich überzeugt bin, daß Sie den Jürgens todt geſchlagen haben; ja, ja, machen Sie mir ſo giftige Augen, wie Sie wollen. Sie haben ihn todt geſchlagen; die alte Vettel, die Schmalhans, mag geholfen haben; aber der eigentliche Todtſchläger ſind Sie. Nun wiſſen Sie meine Meinung.

Die Mumie zitterte vor Angſt und Wuth.

Und wenn ich ihn todt geſchlagen habe, was will man mich thun? Sie haben mir freigeſprochen. Niemand kann wegen derſelben Sache zweimal vor Gericht gefordert werden.

Nun, ſo ſeien Sie doch zufrieden! Wenn Sie von dem Menſchen nichts zu fürchten haben vor dem Teufel fürchten Sie ſich, ſo viel ich weiß, nicht.

Doch, ſagte die Mumie;doch Pfarrerchen, ich fürchte ih nicht jetzt, aber in der Nacht. Ich habe in der Nacht ſo böſe Träume; und ſehe, wenn ich wachend im Bett ſitze, ſo ſchreckliche Geſichter; und darum will ich katholiſch wer⸗ den, Pfarrer; ich will's mich auch was koſten laſſen; ich habe ein neues Teſtament gemacht; habe Sie auch bedacht, Pfarrerchen, kriegen tauſend Thaler; und Schloß Rhein⸗ felden ſoll ein katholiſches W⸗ für die ganze Provinz werden; die Einkünfte vom Gut kriegt die Anſtalt; iſt dreimalhunderttauſend Thaler werth, Pfarrerchen, drei⸗ malhunderttauſend Thaler!

Dummes Zeug! ſagte Ambroſius.

Iſt bei Gott wahr, erchen oben ſitzt der Notar und ſchmiert das Ding zurecht; habe mir das Teſtament, das mir der Schnepper in die Hände diktirt hat, vom Ge⸗ richt wiedergeben laſſen. Die Canaille wollte Alles für ſich haben; mußte Alles der frechen Hexe, der Camilla ver⸗ ſchreiben. Hat dafür falſch Zeugniß abgelegt, Pfarrerchen; hat geſagt; der Jürgens wäre gefallen; hi, hi, hi! müßte ein närriſcher Fall geweſen ſein! Nun ſtifte ich ein katho⸗ liſches Waiſenhaus und das baare Geld ſollen ſie unter ſich theilen; ſind auch noch faſt zweimalhunderttauſend Thaler; iſt das nicht billig, Pfarrerchen, he?

Ambroſius hatte, den großen Kopf auf die Seite ge⸗ neigt, aufmerkſam zugehört. Wenn dies ſich ſo verhielt, war es nicht von der Hand zu weiſen. Er hatte immer dafür geſprochen und gewirkt, daß für die Waiſen mehr

geſchehen müſſe; es war gerade dieſe Frage ihm ſehr an

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ſein rauhes edles Herz gewachſen. Wenn ſich die Ver⸗ wandten noch außerdem ſo viel zu theilen hatten es war genug und mehr als genug für ſie.

Verhält ſich dies Alles ſo? fragte er.

Bei Gott! bei Gott! meckerte die Mumie.

Laſſen Sie den Notar kommen; ich muß mich davon überzeugen.

Der Alte zog an dem Glockenzuge, der neben ſeinem Stuhl von der Decke herabhing. Nach einigen Minuten führte Jean den Notar herein.

Haben Sie Alles fertig?

Der Notar verbeugte ſich und nahm an dem kleinen Tiſche vor dem Kamin Platz.

Leſen Sie! ſagte der Alte,und der Jean kann hierbleiben, als Zeuge.

Der Notar las das Teſtament, das er nach den An⸗ gaben des Alten angefertigt, vor. Es verhielt ſich Alles, wie dieſer geſagt hatte.

Iſt dies nun rechtskräftig? fragte der Alte.

Es fehlt nur noch Ihre Unterſchrift, Excellenz, und die Unterſchriften der beiden Zeugen.

Halt, ſagte Ambroſius;ich will nichts haben. Ver⸗ theilen Sie die tauſend Thaler unter Ihre übrigen Leute; ich ſehe nicht ein, weßhalb dieſer Herr in der weißen Cra⸗ vatte ſo ſehr bevorzugt werden ſoll.

Der Kammerdiener Jean lächelte und ſagte:Ja, ge⸗ wiß, Ehrwürden.

Der Notar machte, da Ambroſius auf ſeinem Willen beſtand, den nöthigen Nachtrag. Die Unterſchriften ſtanden unter dem Document. Der otar erhob ſich und ſagte, daß er in die Stadt, wohin ihn wichtige Geſchäfte riefen, zurück müſſe. Er werde das Teſtament in Verwahrſam nehmen und morgen früh auf dem Gerichte deponiren. Ambroſius, noch ganz erſtaunt über die ſonderbare Wendung, welche die Verhandlungen mit dem General genommen hatten, wollte dem Advokaten folgen; aber der General rief ihn zurück:

Pfarrerchen, auf ein Wort! Nicht wahr, Pfarrerchen, Ihr macht mir nun katholiſch und kommt alle Tage zu mir herüber. Ihr ſeit der einzige Menſch, zu dem ich Vertrauen habe. Ihr haltet mich für einen verfluchten alten Sünder ich weiß es wohl aber Ihr ſeit doch ein guter Menſch, und werdet Euch meiner annehmen. Die da oben der Alte wies mit dem Finger nach der Zimmerdeckewür⸗ den mich vergiften, wenn ſie könnten. Und darum habe ich ſie enterbt, iſt das nicht recht und billig, Pfarrerchen?

Wir reden noch darüber, erwiderte Ambroſius;Sie ſind ein merkwürdiger Kauz, an dem man Theil nehmen muß, trotzdem Sie, wie Sie ſelbſt ſagen, ein verdammter alter Sünder ſind. Ich ſpreche Morgen wieder vor; adieu für heute.

Adieu, Pfarrerchen, adieu, adieu!

Der Kammerdiener Jean hatte den Pfarrer durch des Generals Wohnzimmer und den mit Gewächſen aller Art reich decorirten, hell erleuchteten Gartenſaal begleitet, deſſen Thüren weit offen ſtanden und von neugierigen Dorfbewoh⸗ nern umlagert waren. Der Pfarrer ſchlug den ihm nun wohlbekann eg durch den Park ein; Jean miſchte ſich unter die ſ tige Menge und ſtreifte, S er ſich die Leutchen anzuſehen ſchien, an ein paar Menſchen einem Kerl, der ſich den Hut tief in's Geſicht gezogen hatte, und einem Weibe, das einen grünen Schleier von ihrem zerknitterten Hute herabhängen ließ, vorüber. Er raunte den Beiden ein paar Worte zu. Die löſten ſich von den Schauluſtigen ab und verſchwanden hinter den dichten Büſchen der Terraſſe links von dem Portale, die ſich unter den Fenſtern der Zimmer des Generals hinzog und für d Publicum abgeſperrt war. Der Kammerdiener folgte ihnen.

Wie ſtehts, ſagte der Kerl mit dem Schlapphut,iſt er nun endlich allein?

Ja; es kommt heute Niemand mehr zu ihm; aber er iſt noch nicht zu Bett.

Verdammt! es iſt die höchſte Zeit; die Leute fangen ſchon an wegzugehen; es wird auffallen, wenn man uns hier herumſtreifen ſieht.

Höre, Kilian, ſagte Jean,ſollen wir es lieber doch