Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Laß mich!

Mein Gott, ich

Schweig'! ich haſſe Dich; ich will nichts von hören!

Die junge Dame ſprang wieder auf und ging mit raſchen Schritten die Allee weiter hinauf. Kettenberg folgte ihr, vergeblich ſich bemühend, die Weinende zu beruhigen. So geriethen ſie immer tiefer in den Park und zuletzt an einen Platz, wo ſich um ein kreisrundes ſteinernes Baſſin, das längſt kein Waſſer mehr hatte, hohe verwilderte Tarus⸗ hecken zogen, in deren Schatten bärtige Gartengötter aus Sandſtein mit fauniſchem Lächeln in den verwitterten Ge ſichtern auf zerfallene und zerfallende Moosbänke ſchauten.

Laß mich allein! ſagte Aurelie und ſtampfte mit dem Fuße.

In dieſer Aufregung

Dir

nimmermehr! erwiderte Kettenberg, einen prüfenden Blick auf die eigenthümliche Umgebung werfend;Aurelie, liebes, geliebtes Mädchen! wie oft haben wir uns geſagt, daß Du früher oder ſpäter einen Andern würdeſt heirathen müſſen; wie oft haben wir darüber gelacht und geſcherzt; wie oft haſt Du mich ver ſichert, daß ich immer Dein Geliebter bleiben ſolle und etzt, da geſchehen iſt, was kommen mußte: willſt Du mich haſſen! Geliebte, ſage mir das Eine: daß Du mich nicht dafür haſſen willſt, daß ich ein armer Maler bin!

Es lag eine Welt von Schmerz in dem Ton, in wel chem der junge Wüſtling dieſe Worte ſprach. Sein immer etwas bleiches Geſicht war noch bleicher, ſeine dunklen Au⸗ gen ſprühten Flammen, ſeine wirren ſchwarzen Locken mach ten das bleiche Geſicht mit den düſter lodernden Augen noch verführeriſcher für die leichtfertige, phantaſtiſch ſinnliche Aurelie. Sie verglich im Geiſt dieſen dämoniſchen Menſchen, der ihr immer unvergleichlich ſchön erſchienen war, mit dem eleganten, gutmüthigen, ſchwachköpfigen, blaſirten Dandy, den ſie in wenigen Stunden ihren Gemahl nennen ſollte, und ſie warf ſich, weinend, ſchluchzend, küſſend, Liebesſchwüre ſtammelnd an Kettenberg's Bruſt.

Aurelie, Geliebte! flüſterte Kettenberg zärtlich, wäh⸗ rend ſeine Blicke noch einmal ſchnell die Verſchwiegenheit des Ortes prüften;ich bin Dein, auf ewig Dein, wenn Du mein ſein willſt.

Dein, auf ewig! auf ewig! ſchluchzte Aurelie.

In den hohen Taxushecken ziſchelte es ironiſch. Die bärtigen Gartengötter ſchienen vor Vergnügen auf ihren Bocksfüßen zu hüpfen, mit den krummen, ſteinernen Fin gern auf die Liebenden zu deuten und ſich mit den dicken Satyrlippen zuzuflüſtern: auf ewig, auf ewig! .

n dem lichterfüllten Schloſſe wogte und ſummte es, wie in einem Bienenſtock; aus den hohen, zum Theil geöff neten Fenſtern des großen Saales ſchmetterten die Klänge der Walzer und Polka's, in dem Parke drängten ſich die Dorfleute, um die Illumination, an der ſich die Herrſchaften längſt ſatt geſehen hatten, anzuſtaunen: die unzähligen La ternen von buntem Papier, die ſich in kühnen Guirlanden von Baum zu Baum ſchlangen, die mit Lampions beſäeten Priumphbogen, die ungeheuren Flaggenbäume, von der rie ſige Fahnen läſſig im lauen Abendwinde wehtenz und wenn der Feuerwerker nun gar eine der übrig gebliebenen Ra kelen ſteigen ließ, ſo war der freudigen Ach's und Oh's kein Ende. Auf dem Hofe ſtampften feurige Roſſe vor herr lichen Equipagen; beſondere Bewunderung erregte der Gala⸗ wagen des Prinzen; man hatte noch nie einen ſo hohen Kutſcherbock, noch nie einen Jäger mit einer ſo glänzenden Livree geſehen. Wenn der Schein der Pechkränze, die in den eiſernen Kandelabern vor der Thür brannten, recht hell aufflackerte, ſah es aus, als ob der ganze Hof in Flammen ſtände.

Der alte General, welcher trotz ſeiner Gebrechlichkeit, die allgemeines Mitleid erregte, dem Feſte von Anfang an beigewohnt, hatte, nachdem er auch noch den Prinzen be willkommnet, um die Erlaubniß gebeten, ſich für heute Abend in ſeine Gemächer zurückziehen zu dürfen. Se. Ho heit hatte es ſich nicht nehmen laſſen,den ehrwürdigen Veteranen ſelbſt an ſeinem Arm bis an die Thür des Saales zu geleiten, und war hier unter Verſicherung ſeiner und der Allerhöchſten Gnade, deren Ueberbringer zu ſein

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er ſpeciellen Befehl habe, von ihm geſchieden. Der General war ſodann, auf ſeinen Kammerdiener geſtützt, die Treppe hinab, die Corridore entlang, bis in ſein Schlafzimmer ge⸗ ſchwankt, hatte ſich die Uniform aus- und den ſammetnen Hausrock anziehen laſſen, die weiten Pelzſtiefel mit noch weiteren Pelzſchuhen vertauſcht, und ſaß nun, zuſammen⸗ gebrochen, mit den gerötheten Augenlidern zwinkernd, in ſeinem Lehnſtuhl vor dem Kamin, in welchem trotz des warmen Abends ein helles Feuer praſſelte.

Das letzte Jahr hatte den General aus einem alten, trotz ſeiner fkelettartigen Magerkeit immer noch ſtattlichen Mann zu einer Mumie gemacht; ſein Adlergeſicht hatte den unheimlichen Ausdruck eines Todtenkopfes angenommen. Seine Hände waren zu Vogelkrallen geworden; es war nur ein Schatten von dem grauen Tyrannen, der noch vor einem Jahre ſeine Diener prügelte, oder ihnen Alles, was in den Bereich ſeiner Hände kam, an die Köpfe warf. Aber aus den ſchwarzen Augen blitzte es von Zeit zu Zeit noch immer; freilich nicht mehr mit der alten Berſerkerwuth, wohl aber mit der hämiſchen Bosheit einer ſchlechten Seele, die ſich ihrer Machtloſigkeit nach außen bewußt iſt, und den Feind, den ſie mit den Händen nicht mehr zerreißen kann, mit Blicken vernichten möchte.

Der Alte ſaß und nickte und zwinkerte mit den Augen und meckerte ein ſeltſames unheimliches Lachen und nickte wieder wie im Halbſchlaf, wandte ſich dann plötzlich zu dem Kammerdiener, der im Hintergrunde des Zimmers mit dem Bett beſchäftigt war und ſagte mit widerlicher Freundlichkeit:

Jean, lieber Jean!

Der Menſch kam herzu und ſtellte ſich links neben den Lehnſtuhl (der Alte konnte ſeit geraumer Zeit den Kopf nicht mehr nach rechts drehen).

Was befehlen, Excellenz?

Wieviel ſagteſt Du doch, daß Dir der Präſident, der Dich zu mir geſchickt hat, dafür gäbe, wenn Du ihm Alles getreulich meldeſt, was hier auf dem Schloſſe vorgeht?

Ich hab's Excellenz ſchon wer weiß wie oft geſagt, erwiderte der Mann (derſelbe, der einſt in Antonien's Dienſten geweſen war) mürriſch.

Sag's mir noch einmal, lieber Jean!

Funfzig Thaler.

Sehr gut. Und wieviel giebt Dir Herr von Schnepper, daß Ju ihm Alles meldeſt, was hier vorgeht?

Auch funſzig Thaler.

Sehr gut. Und wieviel gebe ich Dir, daß Du ihnen nur Lügen erzählſt?

Hundert Thaler.

Und dafür belügſt Du uns nun Alle zuſammen eht.

gut, ſehr gut; und die Mumie meckerte und hüſtelte und nickte und zwinkerte mit den rothen Augenlidern und ſagte:

Jean, lieber Jean.

Ich bin noch hier.

Aha! Jean, wo iſt der Advokat, der die Contracte für die jungen Eheleute gemacht hat?

Er arbeitet oben.

Weißt Du, woran er arbeitet, Jean.

Was geht das mich an?

Er macht mir ein neues Teſtamentz Du wirſt auch darin bedacht, Jean; kriegſt fünfhundert Thaler, wenn Du mich bis an mein Ende gut behandelſt.

Das glaube ich nicht.

Sollſt es ſelbſt leſen; ſollſt es ſelbſt unterſchreiben.

In dem grauen Fuchsgeſicht des Kammerdieners zuckte es eigenthümlich; er warf einen unruhigen Blick n die Fenſter, durch welche die Nacht ſchwarz hereinſah, und blickte dann wieder auf die Mumie herab, die vor ihm nickte und meckerte. Dann ſah er nach der Uhr, die auf dem Sims des Kammins ſtand und auf halb zehn wies. Seine Unruhe ſchien ſich zu vermehren; er ging in dem Zimmer hin und her; es hatte bereits zweimal an die Thür geklopft, und der Alte ungeduldig Jean, Jean! gerufen, bevor er ging und öffnete. Es war der Pfarrer Ambroſius, der in gewohnter Weiſe raſch hereintrat, bis dicht an den General heranſchritt, mit dem dicken Stock auf den Teppich ſtampfte und in rauhem Tone ſagte:Da bin ich.

Aha, ſagte die Mumie, mit Mühe den Kopf etwas

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