Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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ich hier wäre und nichts zu thun hätte, und denken müßte, daß Sie und Peter ſich zu Tiſch ſetzten in der großeu ein⸗ ſamen Stube, und Ihr hättet Niemand, der Euch vorlegte und zumal Petern, der immer nicht ordentlich ißt, wenn man ihm nicht Alles zurechtſchneidet, und die Suppe wäre verſalzen, was Sie durchaus nicht vertragen können, Holm chen, und nun gar des Abends, wenn Ihr von Eurer Ar⸗ beit kommt nein, nimmer nimmermehr! und die gute Seele brach in Thränen aus.

Muth gefaßt alſo Tante Bella! ſagte Holm;Nie⸗ mand kann zween Herren dienen. Und dann haben Sie ganz Recht: Ihr Platz iſt bei uns; Schmitz würde Sie ganz abgeſehen von mir doch grauſam vermiſſen; er mich heute: ob Sie ſich nun entſchieden hätten, und als ich ſagte: Sie würden wohl jedenfalls mitkommen, lächelte er, ſtrich ſich mit der Hand durch's Haar und ſagte: ſie iſt ein braves Mädel.

Hat er das wirklich geſagt? fragte Tante Bella, indem ihre Augen auf's Neue zu tropfen begannen.

Hallo! wohin geht denn die Reiſe! rief Herr von Degenfeld.

Ich denke, nach der Matte; zu einem längeren Spa⸗ ziergang iſt es doch zu ſpät geworden! rief Wolfgang zurück.

Sie ſchritten nun auf dem Wege hin, den Wolfgang für die Kurgäſte in Spirallinien um den ganzen mit den verſchiedenartigſten Laub⸗ und Nadelhölzern dicht beſtan⸗ denen Hügel bis zur höchſten Spitze hinauf hatte führen laſſen. Die Anlagen waren noch nicht noch waren die ſteinigen Wände des Hügels, wo man ſie, um den Weg zu gewinnen, hatte abarbeiten müſſen, nicht, wie es im Plane lag, mit Raſen und Schlingpflanzen überkleidet; noch waren viele Stellen, wo man Ruheplätze und Trinkhallen anzulegen gedachte, erſt mit proviſoriſchen Bänken verſehen; aber der kühne treffliche Plan, der dem Ganzen zu Grunde lag, war doch wohl zu erkennen und fand die einſichtige Anerkennung Onkel Peter's und Holm's. Man konnte ſich an den herrlichen Bildern, welche die Durchblicke, die man durch Wegnehmen der Bäume hier und da gewonnen hatte, nicht ſatt ſehen, und ſo war die Sonne bereits hinter den Hügeln untergegangen, als man aus dem Walde auf die Matte heraustrat. Wolfgang brachte aus dem Holzhäuschen Decken herbei, auf denen ſich die Geſellſchaft lagerte, mit Ausnahme des Herrn von Degenfeld, der vorläufig noch, die Hände reibend, auf und mederging, um ſich des Ent zückens, das Alle in dem Anſchauen dieſer Herrlichkeit empfanden, um ſo bequemer freuen zu können. Herr von Degenfeld beſaß mehr Häuſer, Güter und Fabriken, als er ſelbſt in jedem Augenblicke gegenwärtig hatte, aber dieſe kleine ein paar Morgen große Matte war ſein höchſter Stolz. Und er hatte auch Urſache dazu. Einen ſchöneren Punkt mochte man ſchwerlich finden. Zu Füßen das freund liche von Dörfern und Häuſern überſäete Thal, aus dem die ſchroffen, vom letzten Abendſchein umflimmerten kahlen Felswände ſo machtvoll herauswachſen; im Rücken die lieb⸗ lichen waldbewachſenen Hügel, auf welche die hohen Berge, die weiter zurück ſtehen, ſtill und groß uen, und nun, wo ſich rechts die Felscouliſſen ause ieben, ſo weit zurück, daß man das Donnern der m Lawinen nicht mehr hört, und doch ſo nah, daß mat Spalte in den Gletſchermaſſen erkennen kann, die Rieſen der Alpen welt, die mit ihren eiſigen Häuptern wunderbar in den tief⸗ blauen Abendhimmel, wie in die Ewigkeit, wachſen.

Die milde ernſte Schönheit der Stunde und des Ortes ſtimmte ganz zu den Gefühlen, von denen die Herzen der guten Menſchen, die heute Abend hier noch einmal beiſam men waren, um ſich morgen in der Frühe auf lange Zeit wieder zu trennen, bewegt waren. Was die Zeit in der Jahre Vollendung Gutes und Schlimmes gebracht hatte, ging an ihrer Erinnerung vorüber; aber das Schlimme

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und geſellte ſich zum Guten,

hatte ſeine Bitterkeit verloren un geſellt. Herr von Degenfeld

wie die Nacht ſich zum Tage erzählte von ſeinem Bruder, mit welchem Ernſt er ſchon als Knabe nach dem Höchſten gerungen und wie er die un⸗ endliche Güte ſeines Herzens und den Adel ſeiner Natur nie verleugnet habe. Auch Münzers gedachte man, ſeiner großen Eigenſchaften und ſeines tragiſchen Schickſal's; Antonien's, der jetzt, da ihr Körper ſeit faſt ſchon einem Jahre in fremder Erde ruhte, ſelbſt Tante Bella Gerech⸗ tigkeit wiederfahren ließ; Clärchens, welcher Antonie, als ſie die allzuſchwere Bürde des Lebens von ſich warf, ihr ganzes Vermögen vermacht hatte und deren einziger Reich⸗ thum doch nur in der kleinen Ella beſtand, die immer lieb⸗ licher erblühte und oft mit ihrem geiſtvoll-phantaſtiſchen Weſen dem Erbtheil des Vaters der ſtillen ernſten Mutter ein wehmüthiges Lächeln abgewann; man gedachte des wilden Cajus und ſeiner letzten furchtbaren That, die noch immer den Mördern des alten Generals zugeſchrieben wurde und auch zugeſchrieben bleiben ſollte, obgleich der fanatiſche Mann längſt nach Amerika zurückgekehrt und für Alle, die ihn hier gekannt hatten, in den Einöden des fern⸗ ſten Weſtens verſchollen war; man gedachte des armen Balthaſar und ſeiner Philanthropie, mit der er eine Welt, die aus den Fugen war, wieder hatte einrenken wollen, und welcher richtige, ja große Gedanke doch ſeinen Träu⸗ mereien zu Grunde gelegen hatte; man gedachte jener gan⸗ zen wunderbaren Zeit, die ſo machtvoll den tiefſten Grund des Volkes aufgewühlt, und ſo viel Schlamm und ſo viel koſtbare Perlen zu Tage gefördert hatte.

Es war eine große Zeit, ſagte Peter Schmitz, und nur Böswillige oder Thoren⸗ können es leugnen. Was ein Volk, was die Menſcheit in ihrem Innerſten bewegt, kann nicht klein und verächtlich ſein, oder man müßte denn die Menſchheit in Pauſch und Bogen verachten. Weſſen Blick freilich nicht über den engen Horizont ſeiner perſönlichen Intereſſen und Wünſche hinausreicht, wer die Ideen, an deren Verwirklichung die Jahrhunderte ſchaffen, in ein paar Monaten oder Jahren vollendet ſehen will, der wird in Allem, was jene Jahre brachten, nur ein Chaos von Aber⸗ witz und Bosheit ſehen, und dann natürlich auch in der Conſequenz ſeines Peſſimismus über uns und unſer jetziges ſtilles Wirken die Naſe rümpfen. Uns ſoll das nicht irre machen. Wir wiſſen, daß unſer Ideal einer freien brüder⸗ lichen Menſchheit unſterblich iſt, obgleich wir, die Individuen, wie leichter Rauch verwehen; wir wiſſen, daß die Zeit, die dieſe Felſenrieſen hier zerbröckelt, auch die Schranken zer⸗ ſtören wird, die Unverſtand und Aberglaube zwiſchen den einzelnen Kreiſen der menſchlichen Geſellſchaft errichtet haben; wir wiſſen, daß die Nacht der Reaction unter anderm auch dazu dient, der jungen Freiheit friſche Kräfte und nene Säfte zuzuführen, auf daß ſie, erwachend, ihre goldnen Locken ſchütteln und fröhlich an ihr Tagewerk gehen kann. In dieſer Ueberzeugung habe ich gelebt, ſeitdem dem Jüngling zum erſten Juß die Stirn von dem großen Ge⸗ danken der Solidarität der Intereſſen aller Menſchen brannte; in dieſer Ueberzeugung lebe ich noch, ein grauhaariger Mann, in dieſer Ueberzeugung will ich, wenn meine Stunde kommt, ſterben.

Es lag ein eigener Klang in der Stimme, mit der Peter Schmitz dieſe Worte ſprach, ein Klang, der geheim⸗ nißvoll die Herzen Aller durchſchauerte. So ſaßen ſie ſtill, verſtändnißinnig nebeneinander. In dem Graſe zirpten die Cicaden, Leuchtkäferchen zogen um die ſtillen Büſche ihre glänzenden Bahnen, dunkler und dunkler ſtieg die Nacht aus den Thälern an den Bergen hinauf; aber hoch oben glühte noch immer der purpurne Widerſchein der Sonne auf den einſamen Firnen der Jungfrau für die ſtillen Menſchen dort unten ein Sinnbild des unſterblichen Lichtes, das wohl dem einzelnen Menſchen, aber nicht der Menſch⸗ heit untergehen kann.

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Druck von Otto Janke in Berlin.