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Erſt als unverbürgtes Gerücht, dann immer beſtimmter, zuletzt als freudige Gewißheit durchflog es die Stadt: Der Wagen, in welchem man Münzer bei Nacht und Nebel habe wegtransportiren wollen, ſei kurz vor dem Dorfe Rheinfelden von einer Schaar bis an die Zähne bewaffneter, maskirter Reiter angehalten, die begleitenden Gensd'armen trotz ihrer verzweifelten Gegenwehr entwaffnet und in die Flucht ge⸗ ſchlagen und Münzer entführt worden. Menſchen, die ſich in ihrem Leben nicht geſehen hatten, erzählten es ſich auf der Straße. Hat man keinen Verdacht! — Verdacht die Hülle und Fülle; aber wo anfangen, wo aufhören? Die halbe Stadt iſt im Complot. — Wiſſen Sie's denn ſchon? — Ja freilich! — Auch daß bei Peter Schmitz und Frau von Hohenſtein Hausſuchung geweſen iſt? — Sie werden ſchwerlich was gefunden haben. — Gott bewahre! — Müſſen aber brave Kerle geweſen ſein! — Ja, das wollt' ich meinen. Wär für mein Leben gern dabei geweſen. — Und wohin glauben Sie — he? — Die franzöſiſche Grenze iſt nicht weit. Und für gute Päſſe werden ſie ja auch wohl geſorgt haben! ha, ha, ha!
Unterdeſſen ſpielten die Telegraphen und flogen reitende Boten nach allen Seiten. Die ungeheure Keckheit, mit welcher der Streich ausgeführt war, hatte den Zorn der Behörden entflammt und ſie zur energiſchſten Thätigkeit angeſpornt; aber es vergingen ein, zwei, drei Tage und noch immer war auch nicht die mindeſte Spur weder der Entführer, noch des Entführten aufgefunden worden.
33.
Die Befreiung Münzers machte nicht blos in den Schichten, mit welchen Münzer durch ſeine politiſche Thä— tigkeit vorzugsweiſe in Verbindung geſtanden hatte, ſondern auch in allen- anderen Kreiſen der Rheinfelder Geſellſchaft ein ungemeines Aufſehen, — in den höchſten Kreiſen vielleicht das allergrößeſte. Münzers Verhältniß zu Frau von Hohenſtein war ſeiner Zeit eines der beliebteſten Salon⸗
themata geweſen; das „ maleriſche Intermezzo“, wie Herr von Wyſe Antoniens Intric mit Kettenberg genannt hatte,
war ſehr belacht worden
ſchmack Antoniens gefunde
Italien glaubte, waren Offizieren aus der Campagne Nachrichten —
gelangt, die ſo abenteuerlich lauteten, daß man ſie u Zeit für ein ſchlechtausgedachtes Märchen hielt, bis Antoniens Ankunft in Rheinſtadt, die mit der des gefangenen Münzer zuſammenfiel, das Unglaubliche beſtätigte, und die nach und nach heimkehrenden Offiziere die Wundermähr in allen ihren Einzelnheiten von Salon zu Salon trugen. Der unglück⸗ liche von Todwitz, der mit eigenen Augen geſehen hatte, wie Antonie im Nebelgerieſel am Waldesſaum in mitten des hartnäckigſten Gefechtes den Kopf des Verwundeten auf ihrem Schooße hielt, war der Held des Tages. Wo er ſich blicken ließ, tönte ihm (beſonders von weiblichen Lippen) entgegen: „Ach, das iſt er! Lieber Herr von Todwitz, iſt es denn wirklich wahr! Bitte, bitte, erzählen Sie die roman⸗ tiſche Geſchichte!“ — Auch der Obriſt von Hohenſtein, wel⸗ cher der Zweite auf dem Plane geweſen war, wurde im Anfang mit Fragen beſtürmt; aber man wagte ſich bald nicht mehr an ihn, nachdem er die Neugier ſelbſt ſehr vor⸗ nehmer Damen (Gräfin von Hinkel, Gräfin von Schnabels⸗ dorf und anderer) mit ſchroffer kalter Schweigſamkeit zurück⸗ gewieſen hatte. Du lieber Himmel! es war ja am Ende auch ſo natürlich, daß ihm daran liegen mußte, die heil⸗ loſe Affaire ſo viel als möglich todt zu ſchweigen und dem Rufe ſeiner Schwägerin (an dem⸗ freilich nichts mehr zu verderben war) ohne Noth nicht noch mehr zu ſchaden! Man fand im Allgemeinen ein ſolches Benehmen ſehr edel, obgleich eine derartige Großmuth gerade von Seiten des Obriſten, der in letzter Zeit ſehr ſchlecht auf Antonien zu ſprechen geweſen war, kaum begreiflich ſchien. Ueberhaupt war in dieſer wunderlichen Sache ſehr Vieles kaum be⸗ greiflich, vor allem aber das Auftreten Antoniens. Ohne ihre Sympathie für Münzer in Abrede zu ſtellen, that ſie doch nichts, dieſem Gefühl irgendwie Rechnung zu tragen. Sie machte keinen Verſuch, zu dem Gefangenen Zutritt zu
urchaus im Ge⸗
—in
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erhalten; ja ſie betheiligte ſich nicht einmal (was allgemein auffiel) bei einer Petition, die von einer großen Anzahl von Einwohnern Rheinſtadt's aus allen Ständen an den Monarchen um Begnadigung Münzer's gerichtet wurde. Dagegen miſchte ſie ſich in das geſellſchaftliche Leben ihres Kreiſes, als wäre in der Welt nichts vorgefallen, was ihr die Geſellſchaft hätte verleiden können. Die Einen bewun⸗ derten ihren Muth, die Andern erklärten, daß ſie eine Ko⸗ kette ohne eine Spur von Herz, Andere wieder, daß ſie die vollendetſte Schauſpielerin der Welt ſei. Sie ſchien ſich um das Urtheil weder des Einen, noch des Andern zu kümmern.
Sie bezauberte wie zuvor durch ihre Schönheit, durch ihren
Geiſt und nachdem ſie einige glänzende Feſte gegeben hatte, war in dieſem Kreiſe von der Gräfin Hinkel bis zur ärmſten adligen alten Jungfer keine Dame, die ſich geweigert hätte, mit Frau von Hohenſtein umzugehen. „Sie iſt eben ein beſonderes Weſen; man muß ihr ihre Ertravaganzen ver⸗ zeihen. Die Hohenſteins haben ja von jeher das Privile⸗ gium gehabt, den Stoff zur Unterhaltung herzugeben.“ Und „die von Hohenſtein“ hatten wahrlich in letzter Zeit von dieſem eigenthümlichen Vorrecht den ausgedehnte⸗ ſten Gebrauch gemacht! Des Generals monatelange Unter⸗ ſuchungshaft, des Stadtraths ſchreckliches Ende, Wolfgangs Flucht und hochverrätheriſche Betheiligung an der Revolu⸗ tion, und nun die zahlloſen Geſchichten, die aus den Räu⸗ men des Präſidialgebäudes ihren Weg in's Publikum fan⸗ den! Es ſollte bereits zwiſchen Camilla und ihrem Ver⸗ lobten, dem Geheimrath von Schnepper, zu entſetzlichen Scenen gekommen ſein; auch der Himmel Willamowsky's ſolle ſich ſehr getrübt haben, als plötzlich wider alles Er⸗ warten der Maler Kettenberg — ausgelaſſen. übermüthig, toll und unwiderſtehlich, wie immer — aus Oberitalien, oder der Himmel weiß woher — nach Rheinſtadt zurückkam, und — gerade wie Antonie von Hohenſtein, das heißt: als wäre nichts vorgefallen — ſeinen alten Platz eines Maitre de plaisirs in der hochadligen Geſellſchaft wieder einnahm. Ja, man trug ſich ſogar mit dem Gerücht: ſowohl Camillas Verlobung mit dem Geheimrath, als auch Aureliens mit Willamowsky ſeien rückgängig gemacht. Dies letztere Ge⸗ rücht ſchien ſich nun allerdings nicht bewahrheiten zu wollen, zum wenigſten waren die ausgegebenen Einladungskarten nicht wieder zurückgefordert worden. Die beiden Hochzeiten au gleicher Zeit auf Rheinfelden gefeiert werden. unalaubliche Dinge von den glänzenden onrelfeſt auf dem Schloſſe
gerrone Fauverts, Abends
grand bal und pru, — und
das Alles ſollte nicht zu Sr
man die Einladungskarten faſt ſchon u
Taſche hatte! Unmöglich! wo möglich noch unm
als daß man Münzer's nicht wieder habhaft werden ſollre. An den Offiziertiſchen wurden dieſe beiden großen Tages⸗ fragen mit unermüdlicher Ausdauer beſprochen, und die ſahſlofen Wetten, die dabei von krähenden Stimmen pro⸗ ponirt und von anderen krähenden Stimmen acceptirt wur⸗ den, bekundeten den Eifer der Parteien. Auch die Frage: ob Antonie von Hohenſtein auf Rheinfelden erſcheinen werde, galt keineswegs für ausgemacht. Es war notoriſch, daß gleich nach dem Bekanntwerden von Münzer's Befreiung ſowohl in ihrem Hotel in der Stadt, als auch in ihrer Villa vor dem Thore, und etwas ſpäter auf ihrem Gute Haus⸗ ſuchungen Statt gefunden hatten, die allerdings vollkommen reſultatlos blieben, aber doch bewieſen, daß die Behörden ihr ihre Patroniſirung Clärchens während der Schwurge⸗ richtsſitzungen nicht vergeben, und ſich auch ſonſt wohl ihre eigne Meinung über die geheime Wirkſamkeit der ſchönen Frau gebildet hatten. Sich zu compromittiren und hernach der Mediſance Trotz zu bieten, war indeſſen ſo im Charakter Antonien's, daß Diejenigen, welche auf ihr Erſcheinen auf dem Balle wetteten, trotzdem einige Chancen mehr als ihre Gegner zu haben ſchienen.
34. Es war am Vormittage des viel beſprochenen Dopypel⸗
feſtes. Ein wundervoller Herbſttag prangte mit all' ſeinem .
vom Sommer erborgten Glanze über der reichen Landſchaft.


