Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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ſtammtes Recht der ruhigen Zuſchauerſchaft abermals ſieg⸗ reich zu wahren gewußt, und abermals verſchuldet, daß der junge Tag der Freiheit ſich nach wenigen Stunden in die alte Nacht verwandelt hat. Und wenn dieſe Nacht dennoch nicht ganz ſo finſter iſt, wem haben es die Drohnen, die ſich ſo gerne im Glanz der Freiheit ſonnen möchten, zu ver⸗ danken, als eben jenen politiſchen Verbrechern, als eben jenen hirnverbrannten Thoren, als eben jenen räuberiſchen Demokraten, die doch wenigſtens den Muth haben, eine Büchſe abzuſchießen und eine Büchſe auf ſich abſchießen zu laſſen. Ja, meine Herren, in dieſem Sinne nehme ich keinen Anſtand, meine That, die ich im anderen Sinne als ein Verbrechen bezeichnen mußte, eine rühmliche That zu nennen. An dieſen armen Menſchen hier habe ich mich verſündigt, um Sie aber habe ich mich verdient gemacht. Dieſe armen Menſchen hier, die ich um das fragliche Glück ihrer Exiſtenz betrogen habe, können mir fluchen, Sie aber, Sie ſind mir eine Lorbeerkrone ſchuldig. Daß Sie Ihr Haupt noch ſo frei erheben können, wie Sie es thun, iſt wahrlich nicht Ihr Verdienſt, es iſt das Verdienſt des un⸗ ſterblichen Geſindels, vor dem die Tyrannei mehr Reſpect hat, als ſie ſich merken läßt, von dem ſie wohl in offener Feldſchlacht, oder im Barrikadenkampfe, oder in den Wall⸗ gräben einer eroberten Feſtung ſo viele niederknallt, als ſie irgend vermag, dem ſie aber dann auch wieder Conceſſio⸗ nen macht, Conceſſionen, an denen Sie fröhlich parti cipiren. Aber verlaſſen Sie ſich nicht allzuſehr auf die ſchwieligen Fäuſte, die ihnen zu dem conſtitutionellen Noth⸗ bau, in welchem Sie es ſich nach Ihrer Weiſe behaglich machen, frohnden müſſen, um ſelbſt draußen jedem Unge mach der Witterung preisgegeben zu ſein. Denken Sie bei Zeiten daran, das Gebäude ſo zu erweitern, daß auch jene darin Aufnahme finden! Sie möchten Sie ſonſt einmal zu ſehr ungelegener Zeit aus dem Schlafe pochen! Bedenken Sie wohl, daß die ſociale Revolution iſt wie die Römiſche Sibylle, daß ſie noch ſo oft mit ſchnöden Redenselen und ſchäbigen Geboten abgewieſen, immer wieder kommt, aber jedesmal um größeren Preis ein Geringeres bietet. Höret, Ihr Reichen und Mächtigen und Schriftgelehrten, auf die Stimme eines Mannes, der ſich in dieſen dunkeln, ſchwer verſtändlichen Büchern Kopf und Herz müde geleſen hat: zahlet den Preis, ehe es zu ſpät iſt! ergreifet die ſchwielige Hand, ehe ſie Euch zermalmt! machet Friede mit dem Pro⸗

letar, dem blinden Simſon, bevor er denn einmal müßte

und würde er es thun die morſchen Säulen einreißt, und ſich und Euch unter den Trümmern begräbt Wenn ich denken könnte, daß dieſer Mahnruf nicht ierſtanden an den Wänden dieſes Saales verhallte, wenn ich denken könnte, daß das Genie unſeres Volkes, indem es die Löſung der großen politiſchen und ſocialen Fragen ſucht, mit uns nur Experimente angeſtellt hätte, an denen wir freilich zu Grunde gehen, aus denen es aber für die kommenden Ge ſchlechter das rettende Geſetz entdeckt o, ſo will ich für mein Theil gern ohne Ruhm und ohne Dank von dem Schauplatze abtreten und, komme, was da will, mich damit tröſten, daß der Stein, den die Baumeiſter verwarfen, dennoch zu der Eckſteine einem geworden iſt. Und möge dieſer Gedanke auch ſie tröſten, die mich lieben! Mögen ſie an jenem herrlichen Morgen, wenn die Banner, die jetzt in den Staub getreten ſind, von allen Zinnen und Dächern wehen und die goldne Sonne freudig herabſtrahlt auf ein freies Volk, meiner ohne Schmerz gedenken, mögen ſie mir die Anerkennung nicht verſagen: er hat im Leben viel geirrt

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und viel gefehlt, aber er iſt geſtorben für ſein Ideal, für die einige deutſche Republik.

Mit athemloſer Stille hatten die Hunderte und Hun⸗ derte, die den Gerichtsſaal bis in die fernſten Ecken füllten, dieſer Rede gelauſcht; jetzt, als Münzer bleich und erſchöpft auf ſeine Bank zurückſank, brach ein Sturm los, als ſollten dieſe Mauern aus ihren Fugen geſprengt werden. Es war kein Hurrah, es war kein Lebehoch es war ein Getöſe, wie praſſelnder Donner, oder das Krachen eines mächtigen Katarakts. Man ſah Frauen in Thränen zerfließen; man ſah Männer, die mit den Zähnen knirſchten und die ge⸗ ballten Fäuſte drohend in die Luft ſtießen.

Das pergamentne Geſicht des Präſidenten war noch gelber geworden; man ſah, wie er in ſeiner Angſt flehende Blicke zu Münzer hinüber warf. Münzer erhob ſich, trat an die Barriere heran und hob die Hände ruheheiſchend empor. Und plötzlich, wie dieſe Raſerei losgebrochen war, verſtummte ſie auch wieder und wieder herrſchte lautloſe Stille.

Der Präſident glaubte dieſen Augenblick benutzen zu müſſen; er erklärte mit zitternder Stimme, daß das Publi⸗ kum den Gang der Verhandlung ſtöre und in Folge deſſen den Saal zu räumen habe.

Es lag auf der Hand, daß es nur eines Winkes von Münzer's Hand bedurfte, und dieſe Hunderte, deren Blut bis zum Wahnſinn erhitzt war, hätten ſich, wie ein entfeſ⸗ ſelter Strom, über die Barriere geſtürzt, hätten Richter, Geſchworene, Büttel Alles, was ſich ihnen entgegen⸗ ſtellte, zerriſſen, unter die Füße getreten, zermalmt. Aber Münzer gab den Wink nicht. Seine Worte: Mir zu Liebe! ich bitte Euch! fielen wie Hel in die von neuem dumpf⸗ aufbrauſende Wuth.

Alles erhob ſich, ſtill feierlich, wie wenn der Prieſter den Segen auf die Gläubigen vom Himmel herabfleht. Man ſah, wie Peter Schmitz auf Elärchen Münzer zuging und ihr den Arm bot, um ſie hinaus zu geleiten. Dr. Holm folgte ihnen. In dem furchtbaren Gedränge war mit einem Male eine Gaſſe wie durch einen Zauber aufgethan. Wei⸗ nende Augen, ſchmerzlich ſtarre, ehrfurchtsvolle Geſichter. Und hinter ihr ſchloß ſich die Gaſſe wieder, und langſam wälzte ſich der Strom durch die weit geöffneten Flügel⸗ thüren, die Corridore entlang auf den Platz vor dem Juſtiz⸗ Palaſt, wo er in die Tauſende mündete, die hier des Aus⸗ gangs des Prozeſſes harrten.

Und alle die Tauſende entblößten ihre Häupter, als Clärchen jetzt, von Peter Schmitz und Holm begleitet, die Freitreppe hinab in die Equipage ſtieg, in welcher die bei den Herren ebenfalls Platz nahmen.

Es fehlte nicht viel, ſo hätte das Volk die Pferde aus⸗ geſpannt und die Gattin des Mannes, in welchem ſie jetzt einen Märtyrer der Freiheit ſahen, im Triumph nach Hauſe begleitet.

Die Aufregung pflanzte ſich von dem Platze durch die ganze Stadt fort. Ueberall ſah man Gruppen beiſammen ſtehen, in denen die neueſten Nachrichten aus dem Juſtiz⸗ Palaſt beſprochen wurden. Die Sitzung kam erſt um elf Uhr Abends zu Ende; Münzer und die Hälfte der Ange⸗ klagten war zu längeren und kürzeren Gefängnißſtrafen ver urtheilt worden; man hörte, daß Münzer in aller Heim⸗ lichkeit durch einen verborgenen Gang in ſein Gefängniß zurückgeführt ſei. Erſt lange nach Mitternacht verliefen ſich die Menſchenmaſſen von dem Platz vor dem Juſtizpalaſt.

Aber der nächſte Tag brachte noch Außerordentlicheres.