Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Stunde, die für mich die letzte ſchwache Dämmerung von dem Abendroth meines Lebens und den Anfang einer ewi⸗ gen Nacht bedeutet, Angeſichts meiner Mitbürger, Ange ſichts meiner Feinde und Freunde, Angeſichts der Menſchen, auf deren Liebe ich im Leben und im Tode ſicher rechnen darf ablegen zu können, dies Bewußtſein hat mich alle Leiden meines Körpers und meiner Seele mit friſchem Gleichmuth ertragen laſſen, hat mich nicht ſterben laſſen. Und ſo ſage und bekenne ich vor Ihnen und vor jenem höheren Richterſtuhle der Geſchichte, vor dem Sie, meine Herren, und ich und dieſe hier gleicherweiſe Clienten ſind, daß auf mich, den Agitator, den Zubläſer, den Rädels⸗ führer die Hälfte der Schuld fällt, ſoweit in menſchlichem Verſtande hier von Schuld die Rede iſt; aber die andere Hälfte, die andere Hälfte, die vielleicht mehr als die Hälfte iſt ſie fällt doch darüber laſſen Sie uns hernach ſprechen; verſtatten Sie mir vorerſt den Schwerpunkt meiner Schuld, den das öffentliche Miniſterium auf ſeltſame Weiſe verrückt hat, an die rechte Stelle zu bringen.

Das öffentliche Miniſterium hat meinen Einſichten eine lange Lobrede auf Koſten meines Charakters gehalten. Wenn Sie ihm Glauben ſchenken wollen, ſo verdiente ich, was jene betrifft, einen Platz bei den Weiſeſten aller Zeiten, was dieſen anbelangt, ſo wäre der Schwefelpfuhl auf dem jüngſten Gericht des Rubens noch nicht feurig genug für mich. Das öffentliche Miniſterium hat verſucht, einen Men⸗ ſchen aus mir zu machen mit dem Herzen eines Catilina und dem Gehirne eines Plato, das heißt eine Chimäre, eine pſychologiſche Unmöglichkeit, ein moraliſches Unding. Ich werde mich hüten, meine Herren, in denſelben Fehler der Uebertreibung zu verfallen und am Ende gar den Verſuch machen, Ihnen den Beweis vom Gegentheile zu führen. Das Wahre von der Sache iſt vielmehr, daß ich weder ſo weiſe, noch ſo ſchlecht bin, wie das öffentliche Miniſterium meint, oder zu meinen ſcheint; weder ſo weiſe, denn ſonſt ſtünde ich nicht hier, weder ſo ſchlecht, denn ſonſt ſtünde ich wiederum nicht hier. Was ich büße und zu büßen bereit bin, iſt gerade die Mangelhaftigkeit meiner Einſicht, die auf dem Gebiete der Politik ein Verbrechen iſt; was ich büße und zu büßen bereit bin, iſt gerade, daß ich Herz ge⸗ nug beſaß, um von den Bildern der Armuth und des Elends, die meine Augen täglich ſchauten, ergriffen, von den heiſeren Stimmen des Hungers und der Sorge, die meine Wiege ſchon umtönten, erſchüttert und gefoltert zu werden. Wäre ich ein kalter Selbſtling, ich hätte mich für meine ſocialen Theorien nicht geſchlagen; wäre ich blos klug geweſen, ich hätte mich zur rechten Zeit ſalvirt, wäre ich weiſe geweſen, ſo hätte ich mir ſagen müſſen, daß die Mine, mit welcher ich den äußerlich ſo ſtolzen und innerlich ſo morſchen Bau unſrer modernen Geſellſchaft in die Luft zu ſprengen hoffte, lange nicht tief, lange nicht mächtig genug war, daß man mit einer Hand voll guter Leute, denen man ihre elende Lage zum Bewußtſein gebracht hat, keine deutſche Republik gründen kann.

So könnte ich ſprechen, meine Herren, wenn es mir blos darauf ankäme, anſtatt der Karrikatur, die das öffent⸗ liche Miniſterium von mir entworfen hat, Ihnen wenigſtens ein Bild zu geben, das menſchliche Züge trägt und die Wahrſcheinlichkeit der Aehnlichkeit für ſich hat. Aber ich wollte Ihnen die Wahrheit ſagen, die ganze Wahrheit und nichts wie die Wahrheit, und ſo mache ich Ihnen denn das Geſtändniß, daß ich an jenem Abend, als ich durch mein Beiſpiel das Signal zu dem Zug nach Rheinfelden gab, an

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das Gelingen dieſes Unternehmens, ja an einen erträglich guten Ausgang der ganzen deutſchen Erhebung nicht mehr glaubte; daß meine That die That eines Verzweifelten ge⸗ weſen iſt, der die Sache, für die er zwanzig Jahre lang gekämpft hat, verloren ſieht, und ſein Leben gleichgiltig der verlorenen Sache nachwirft. Ob ich als Gatte, als Vater ein Recht hatte, ſo über mein Leben zu disponiren, das iſt eine Frage, in deren geheime Tiefen nur das Auge allver⸗ zeihender Liebe dringt; ob ich als Politiker es durfte, darüber werden die bald mit ihrem Urtheil fertig ſein, die weder die Begeiſterung noch die Verzweiflung kennen; aber, was ich weder als Menſch, noch als Politiker durfte, das war: dieſe meine Anhänger und Schüler mit mir in den Abgrund zu reißen, über ihr Leben, ihr Vermögen, zu verfügen, als ob ſie nur der Schatten meines Leibes wären. Hätte ich an jenem verhängnißvollen Abend meine Stimme ſo laut erhoben, um von dem Zuge nach Rheinfelden abzurathen, wie es einige Freunde von mir thaten, denen ich jetzt im Geiſte die Hand dafür drücke, ſo wäre Alles anders ge⸗ kommen, und was auch aus mir geworden wäre dieſe ſäßen jedenfalls nicht hier. Daß ſie hier ſitzen, das iſt mein Verbrechen, iſt die eine Hälfte der Schuld, für die ich in meinem Bewußtſein ſchon eine ſchwerere Strafe habe, als Sie, oder irgend eine Jury der Erde mir auferlegen kann.

Aber, meine Herren, merken Sie wohl: dies iſt nur die eine Hälfte der Schuld, die andere Hälfte wälze ich nicht auf Sie ich kenne Sie nicht, will Sie nicht kennen ich wälze ſie auf alle die Indifferenten, die Lauen, die Halben, die nicht Ja und nicht Nein ſagen können, oder die vielmehr Ja und Nein ſagen in einem Athem; ich wälze ſie auf die Pflichtvergeſſenen, die in der Stunde der Gefahr nicht zu finden ſind, die nicht begreifen, oder nicht begreifen wollen, daß in Zeiten politiſcher Erre⸗ gung Jeder, er ſei, wer er ſei, Partei ergreifen muß, wenn der Dämon Revolution nicht zum Scheuſal werden ſoll; ich wälze ſie auf den reichen Bourgeois, der mit bleichen Lip⸗ pen die Freiheit für dreißig Silberlinge verſchachert; auf den blöden Gelehrten, der mit ſelbſtgefälligem Lächeln ver⸗ ſichert, daß ſein Studirzimmer ſeine Welt ſei; auf den bla⸗ ſirten Gecken, der jede Begeiſterung verhöhnt, auf den fei⸗ gen Beamten, der jede Demüthigung mit ſeinemlieben Brot hinunterſchluckt, auf die zahlloſe Schaar der Schwäch⸗ linge und Feiglinge jedes Alters und Standes, die, ſelbſt alles ſelbſtſtändigen Charakters baar und zu keiner Mannes⸗ that fähig, die faule Ruhe um jeden Preis wollen, und wäre es um den Preis der ſchimpflichſten Demüthigungen. Sie, dieſe Drohnen im Haushalte des öffentlichen Weſens, die ſich immer und überall an die Tyrannei hängen und die Wucht derſelben vergrößern, ſie haben durch ihr Nichts⸗ thun mehr verſchuldet, als einer der armen Menſchen, die in dieſer Zeit muthig für ein politiſches Ideal, und wäre⸗ es das wahnwitzigſte, das je aus einem Gehirn entſprun⸗ gen, zur Flinte oder zum Fflaſterſteine griffen, je hat ver⸗ ſchulden können. Sie ſind der ſchlimme Mehlthau, der noch auf jeden Frühling gefallen iſt, in welchem unſere arme, gemißhandelte Nation zu neuem Leben und neuer Macht erblühen wollte; ſie haben vor drei Jahrhunderten ruhig zugeſehen, wie der unglückliche, an die Scholle ge⸗ heftete Sclav ſich in grimmem Zorn gegen ſeine adligen Peiniger erhob und haben ruhig zugeſehen, wie der Adel

mit Feuer und Schwert die gerechteſte Erhebung, die die Welt geſehen, zu Boden wauf; ſie haben heute ihr ange⸗

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