Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Treppe hinab, bis ſie unten auf dem Hausflur ankamen. Sie ſtellte die Lampe auf die unterſte Stufe, und führte Wolfgang an der Hand bis zur Thür. Sie hielten ſich innig umſchlungen.Wolfgang, ich frage nicht, wann ich ich Dich wiederſehe; aber ich ſterbe, wenn ich Dich nicht wiederſehe.

Und ich, Geliebte, werde nicht ſterben, ſondern leben, leben mit Dir, mein einziges Leben.

Er zog die Weinende noch einmal an ſein Herz, küßte ihre Locken, ihre Augen, ihren Mund und riß ſich los. Ottilie eilte in das Zimmer hinauf, in den Erker, um wo möglich die geliebte Geſtalt noch einmal zu ſehen. Aber die Nacht war ſehr dunkel; ſie hörte nur den verhallenden Schritt des Enteilenden in der ſtillen Gaſſe.

Sie lauſchte, bis der letzte Ton verſchwunden war. Dann ging ſie leiſe, ganz leiſe in ihr Schlafgemach, und als ſie die Lampe ausgelöſcht hatte, faltete ſie die Hände, wie ſie es als Kind gethan hatte, und betete leiſe, leiſe: Leben! Leben mit Dir, mein einziges Leben!

32.

Der Monſtreproceß gegen die Rheinfelder Angeklagten ging heute zu Ende. Fünfundvierzig Angeklagte; hundert Belaſtungs⸗, achtzig Entlaſtungszeugen die Stadt war ſeit acht Tagen aus einer fieberhaften Aufregung nicht herausgekommen. Acht Tage lang war das Gebäude des Schwurgerichts vom früheſten Morgen an von Menſchen umlagert geweſen, von denen nur der kleinſte Theil Einlaß in den Sitzungsſaal erlangen konnte; acht Tage lang hat⸗ ten ſie in dem Sitzungsſaal Kopf an Kopf geſeſſen und ge ſtanden, mit unermüdlicher Spannung den Verhandlungen folgend. Den Fremden, oder den Neulingen, denen es erſt am ſechſten, ſiebenten Tage gelungen war, ſich einen Platz im Zuhörerraum zu erobern, wurden von den Habitüés mit einem gewiſſen Stolz die wichtigſten Perſonen dieſes intereſſanten Dramas gezeigt.Der große ſchwarze blaſſe Mann auf der Anklagebank, der den Kopf in die Hand ſtützt, iſt Dr. Münzer. Der Herr auf der zweiten Bank, der ſich eben den Kopf mit dem Taſchentuche wiſcht, iſt Dr. Holm; der kleine Herr mit dem ſtahlgrauen ſtarren Haar neben ihm iſt Peter Schmitz. Und ſehen Sie wohl die Dame vor ihnen auf der erſten Bank? die blaſſe, die ſo ſtarr auf Münzer blickt? Das iſt die Dr. Münzer. Man hat ihr während der ganzen Zeit nicht einmal erlaubt, ihren Mann zu beſuchen; jetzt hat ſie ihn zum erſten Male wieder geſehen. Wenn ſie kommt, macht Alles Platz und die Leute ziehen die Hüte, als ob ſie eine Königin wäre. Sehen Sie wohl? jetzt ſieht Dr. Münzer zu ihr hinüber und ſie lächelt ihm zu. Man erzählt, daß Münzer ihr nicht treu geweſen ſei und eine Frau von Hohenſtein zur Maitreſſe gehabt habe. Aber das iſt wieder ſo eine Lüge, wie ſie von den Ariſtokraten aufgebracht wird, um dem armen Mann zu ſchaden. Ich kenne Frau von Hohenſtein ganz gut, denn ich habe lange für ſie gearbeitet, und ich habe es ſelbſt mit meinen eigenen Augen geſehen, daß die beiden Damen in Frau von Hohenſtein's Equipage hierher gefahren und hernach wieder fortgefahren ſind. Heute iſt Frau von Hohenſtein nicht hier; ich habe ſie wenigſtens noch nicht geſehen; die Tage vorher ſaß ſie immer neben dem Pfeiler, dicht hinter der Frau Münzer. Aber ſie hatte immer einen dichten weißen Schleier vor dem Geſicht.

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Jetzt ſteht der Doctor auf; nun ſollen Sie aber ſehen, wie der redet; ſo was haben Sie Ihre Lebtage noch nicht ge⸗ hört.

Ein Rauſchen und Raunen und Flüſtern und Wispern ging durch die Verſammlung, und dann tiefſte, athemloſe Stille. Münzer hatte ſich, nachdem ihm von dem Präſiden⸗ ten das Wort ertheilt war, von ſeinem Platze erhoben. Sein ſchönes Geſicht war ſehr blaß, und ſcharfe Augen wollten bemerken, daß ſein dunkles volles Haar hier und da ergraut ſei. Aber es war das vielleicht auch die Wir kung des Abendlichtes, das grau und kalt durch das hohe Fenſter, ihm gerade gegenüber, in den Saal fiel. Was Alle bemerkten, war die tiefe kaum geheilte Wunde, die ſich breit und roth über ſeine Stirn vom Winkel des Auges an bis in das Haar zog. Wie ſehr dieſe ſtolze Kraft durch Krankheit und Seelenleiden auch erſchüttert ſein mochte in den dunklen, ſchönen Augen glänzte noch das alte Feuer, und ſeine tiefe Stimme hatte ihren Wohlklang noch nicht verloren, als er jetzt zu reden anhub.Ich bin in der eigenthümlichen Lage, ſagte er, von dem, was mich be⸗ trifft, mit einer Ruhe ſprechen zu können, als ob ich aus den Wolken herabſchaute auf das Erdentreiben. Denn, meine Herren, ich habe von Ihrem Spruche nichts zu fürch⸗ ten und nichts zu hoffen. Für das, was ich auf einem an⸗ dern und größern Schauplatze that, bereits zu lebens⸗ länglicher Gefangenſchaft begnadigt, müßten Sie erſt das ſeltene Geheimniß verſtehen, die Zahl der mir vom Schick⸗ ſal zugetheilten Tage zu vergrößern, wenn Sie mir die Qual des Kerkers noch verlängern wollten, oder Sie müßten mir das Leben ſelber aberkennen. Jenes können Sie nicht, und dieſes dürfte Ihnen unter den obwaltenden Verhält⸗ niſſen kaum möglich ſein. So iſt denn jede leidenſchaftliche Erregung, die ſonſt das Gemüth eines Angeklagten trüben mag, von mir genommen; ich fühle mich Ihnen gegenüber ſo frei, wie ſich nur ein Gleicher unter Gleichen fühlen kann. Gewappnet gegen den Arm der weltlichen Gerechtigkeit, ohne Haß, wie ohne Furcht, ohne Zorn, wie ohne Hoffnung, darf ich die Wahrheit ſagen, und ich will es. Ja, meine Herren, ich geſtehe Ihnen ganz offen und Sie wollen darin nicht einen Beweis der Mißachtnng ſehen, ſondern nur das Reſultat zweimonatelanger ununterbrochener Be ſchaulichkeit, die auch ein ſtürmiſches Herz in Ruhe wiegen kann ich würde heute von dieſer Gelegenheit, noch ein⸗ mal, zum letzten Mal in meinem Leben ein freies Wort zu ſprechen, keinen Gebrauch machen, ſondern ſchweigend in die Nacht meines Kerkers zurücktauchen, wenn ich nur meine Sache zu führen hätte, wenn ich nicht, indem ich meine Sache führe, auch zugleich die Sache Dieſer hier führte, dieſer meiner Genoſſen und Gefährten, die um meinethal⸗ ben ja, meine Herren, um meinethalben! heute auf der Bank der Angeklagten ſitzen. Sclaven der Armuth und der Unwiſſenheit, wie ſie es zum großen Theile ſind, hätte ſich, ſo viel ich weiß, keiner von ihnen zum Widerſtand gegen den Druck und den Stoß eines ärmlichen, erbärm lichen Geſchicks emporgerafft, wenn nicht ich, wie die Perſonification ihres dumpfen Grolls, ihrer heimlichen Er bitterung, ihrer namenloſen Leiden an ſie herangetreten wäre, ſie das Wort, das furchtbare Wort: Revolution hätte buchſtabiren und leſen lehren, ſie durch wohlgeſetzte Reden aus ihrer Apathie aufgerüttelt und aufgeſchreckt, ſie zu Thaten, zu der That, wegen derer ſie jetzt ihr Urtheil er warten, aufgehetzt und aufgeſtachelt hätte. Das Bewußtſein der Verpflichtung, dies Zeugniß hier in dieſer feierlichen

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