Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Wolfgang;ich hätte Dir längſt Alles geſagt, wäre ich hier geweſen, und begreife Onkel Peter nicht, der gegen Dich aus unſrem Plane ein Geheimniß machen konnte. Münzer ſoll befreit werden, mit Gewalt und zwar morgen ſchon. Wir wiſſen durch unſre Spione, daß man Münzer morgen Abend nach dem Schluß der Verhandlungen in aller Eile und Stille zu Wagen in Begleitung von ein paar Gensd'armen den Strom entlang einpaar Meilen weit transportiren wikd, um ihn nicht auf die Eiſenbahn zu bringen. Sie fürchten einen Auflauf auf dem Bahnhof, wohl gar Erſtürmung des Ge fängniſſes, die feigen Thoren! als ob wir zu Straßenrittern zu werden brauchten, wenn das Volk ſich ſeiner Helden annähme! Morgen Abend alſo werden Cajus und Rüchel, die in Rheineck bei Antonien ſind, von dort, und ich und Kettenberg zu Pferde von hier aus zu gleicher Zeit auf brechen und uns eine halbe Stunde vor Rheinfelden an dem Birkenwäldchen treffen. Wenn uns das Glück hold iſt und es wird uns hold ſein, ſchon um Deinetwillen, Du Holde! iſt Münzer noch vor Mitternacht ein freier Mann. Fürchte nicht, daß die Sache allzugefährlich wird! Die Gensd'armerie iſt bereits durch die Tauſende, die Antonie aufgewandt hat, ſo corrumpirt, daß nicht mehr drei in dem ganzen Corps ſind, auf die ſich die Herren wirkl ich verlaſſen können; und geſetzt auch, ein böſer Zufall ſtellte uns gerade die Drei entgegen, ſo iſt es doch ganz unmög lich, daß ſie einem Angriff, auf den ſie gar nicht vorbe reitet ſind, und der von vier entſchloſſenen Männern aus goführt wird, widerſtehen können.

Aber wie kommt Ihr zu Kettenberg? fragte Ottilie; es ging hier allgemein das Gerücht, daß er ein ver⸗ ſchmähter Liebhaber Frau von Hohenſtein's und ein Feind Münzers ſei.

Bewundere den Scharfſinn und die Menſchenkenntniß dieſer Frau, ewiderte Wolfgang lächelnd,ich habe, als es ſich darum handelte, einen vierten Mann zu finden, und Antonie Kettenberg vorſchlug, zuerſt geradeheraus gelacht. Aber Antonie ſagte mit dem finſtern Ernſt, der ſie jetzt nicht mehr verläßt: Ich werde an ihn ſchreiben; in acht Tagen ſpäteſtens iſt er hier. Sie ſchrieb und es war noch keine Woche vorüber, als Kettenberg aus Italien bei uns in der Schweiz entraf. Er hat ſich um Antonien's ſchöner Augen willen der Sache mit einer Leidenſchaft angenom⸗ men, als ob Münzer ſein leiblicher Bruder wäre, und er iſt uns durch ſeine Gewandheit und Klugheit ſehr nützlich ge⸗ worden. Ueberdies iſt er ein ausgezeichneter Reiter, weiß mit den Waffen umzugehen, als ob es ſein Handwerk wäre, und iſt bei all' ſeiner Tollheit im Augenblick der Gefahr ſo kaltblütig, wie Cajus.

Und Cajus?

Iſt ſchon ſeit Münzers erſter Verurtheilung als Majordomus, Kammerdiener, oder was Du willſt, in Antonien's Dienſten, und ich kann Dich verſichern, daß er keine Miene verzogen hat, als er geſtern Herrn von Rudi, alias Rüchel, in Rheineck aus dem Wagen hob.

Und wie ſoll es nun weiter werden? fragte Ottilie.

Nun kommt der ſchwierigſte Theil unſers Unter⸗ nehmens, fuhr Wolfgang fort:das heißt: wie wir Mün⸗ zer ungefährdet über die Grenze ſchaffen. Wir brauchen dazu unſern Freund Miller, den Capitain des Schleppdampfers, denſelben, der Münzer und Degenfeld bei ihrer erſten Flucht von Rheinfelden ſtromauf in Sicherheit gebracht hat. Leider aber kann er erſt in drei Tagen wieder hier ſein und wir haben beſchloſſen, bis dahin Münzer in Balthaſar's

936 Thurm zu bringen. Die Idee, die nebenbei von mir ausgeht, iſt etwas kühn aber ſehr praktiſch. Es giebt auf der Welt kein ſichereres Verſteck, als den Thurm, zu dem nur Rüchel und ich den Eingang kennen; wir ſind in

unmittelbarſter Nähe des Ufers; Kirchheim, wo der Dampfer

anlegt, iſt nur eine Viertelſtunde entfernt. Antonien's Wagen bringt uns in ſieben Minuten hin. Und ſodann haben wir noch durch dies Arrangement der Vortheil, daß man Münzer überall an den Grenzen ſuchen wird, während er ganz ruhig im Hexenthurme ſitzt; ja daß wir, wenn es ſein muß, beliebig lange auf die beſte Gelegenheit warten können.

Und weiß Clärchen Münzer von dieſem Plan?

Sie weiß, daß wir entſchloſſen ſind, Münzer zu be⸗ freien; den ſpeciellen Plan kennt ſie bis jetzt noch nicht, denn wir haben denſelben eben erſt beim Dr. Brand, wo auch der Onkel, Holm und die Andern noch beiſammen ſind, entworfen. Ich bin dafür, daß man ihr Alles ſagt, was meinſt Du?

Ohne Frage! Weiß ich doch von mir ſelbſt, wie qualvoll dieſe Ungewißheit iſt. Wie denkt Frau von Hohen⸗ ſtein darüber?

Ich glaube, daß ſie unſrer Meinung ſein wird. Sie ſpricht ſtets in den Ausdrücken innigſter Bewunderung von Clärchen Münzer; es ſind ein paar merkwürdige Frauen. Onkel ſagte mir, daß Clärchen während dieſer Tage bei Antonien gewohnt hat. Iſt das möglich?

Ja gewiß. Tante iſt außer ſich darüber; aber Elär⸗ chen ſagte in meiner Gegenwart: Ich muß den albernen Gerüchten, die über meinen Mann und Frau von Hohen⸗ ſtein im Umlauf ſind, ein Ende machen. Das kann auf keine beſſere Weiſe geſchehen. Aber, Wolfgang, was wird Tante Bella ſagen, wenn ſie erfährt, daß Du im Hauſe geweſen biſt, ohne ſie geſehen zu haben. Oder willſt Du bei uns bleiben? ach, gewiß! Du bleibſt bei uns. Gelt?

Und ſie legte ihre beiden Arme auf ſeine Schultern, um ſeinen Hals, als wollte ſie ihn nie wieder von ſich laſſen.

Ich kann nicht bei Euch bleiben, liebes Herz; Tante Bella darf nichts erfahren, wenigſtens nicht, bis Alles vor⸗ bei iſt. Und jetzt muß ich zu den Andren zurück, die bei Dr. Brand die Rückkehr eines unſrer Leute und meine Rückkehr erwarten. Ich hatte nur eine halbe Stunde Urlaub.

Wo biſt Du denn? biſt Du auch ſicher, ganz ſicher?

So ſicher, wie nur möglich. In dem Gartenhauſe des alten Köbes in Geſellſchaft einer allerliebſten Strickleiter, auf der ich, beim erſten Anzeichen einer Gefahr, die Stadt⸗ mauer hinab in's Freie und zwanzig Schritte weiter zu einem Pferde gelangen kann, das in einer Köbes gehörigen Scheune Tag und Nacht für mich geſattelt ſteht. Der alte Mann war immer ſtarrer Republikaner, aber ſeit dem Tode der Mutter iſt er es mehr als je. Nach ihm kommt alles Unglück der Welt von den Ariſtokraten, reſpective von den Hohenſtein's her, die ihm der Inbegriff alles Haſſens⸗ werthen auf Erden ſind. Mich aber liebt er, weil ich der Sohn meiner Mutter bin. Hat er doch unſre Urſel in aller Eile geheirathet, blos um Jemand zu haben, mit dem er von der Mutter ſprechen könne! Und nun leb wohl, Du ſüße, einzige, liebe ich kann nicht länger bleiben!

Ich will Dich hinunter begleiten; ſagte Ottilie.

Sie nahm die Lampe, und ging, das Licht derſelben mit der Hand verdeckend, voraus, die Gallerie entlang, die