Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Tante. Sie erhob ſich deshalb vom Sopha und erklärte, zu Bett gehen zu wollen, um, wenn Ottilie, wie gewöhn lich, gefragt haben wütde:kann ich Dir noch etwas hel fen, Tantchen? nicht, wie gewöhnlich,wenn Du willſt, mein Kind; zu antworten, ſondern:Ich danke Dir, ich kann allein zu Bett' gehen. Aber, o Wunder, Ottilie that nicht die gewöhnliche Frage, ſondern ſagte, während Tante Bella ſich das Licht anzündete:Gute Nacht, liebes Tantchen, ſchlaf wohl! Tante Bella traute ihren Ohren nicht. War ein ſolcher Trotz möglich? ſolche Verkennung ihrer beſten Abſichten? Gut! ſie war es gewohnt, verkannt zu werden; ſie konnte auch, wenn es ſein mußte, ihre Nachtjacke allein anziehen (obgleich ſie immer ſchwer in den rechten Aermel hineinkam); und Tante Bella rauſchte zur Thür hinaus, nachdem ſie noch einen Blick auf Ottilien geworfen hatte, in welchen ſie allen ihren Jammer, ihren Stolz und ihre Reſignation zuſammenfaßte.

Ottilie war, den Kopf in die Hand geſtützt, am Tiſche ſitzen geblieben, und dachte gar nicht an Tante Bella's großes Herzeleid, ſondern nur immer an den eigenthüm lichen Ton mit dem Onkel Peter heute Abend, als er mit Dr. Holm aus dem Hauſe ging, zu ihr geſagt hatte:Sieh' zu, daß Du die Tante früh zu Bett ſchaffſt und halte Dich munter; ſchick' auch die Salome zu Bett; wir werden wahr⸗ ſcheinlich ſpät zurückkommen und vielleicht bringen wir Je mand mit, der es wohl werth iſt, daß man ſeinethalben eine Stunde länger aufbleibt.

Wer konnte dieſer geheimnißvolle Jemand ſein? Hatte doch Onkel Peter ſchon ein paar Mal angedeutet, daß Wolfgang vielleicht kommen werde, um die Leitung der Maßregeln, die man zu Münzers Befreiung treffen mußte, zu übernehmen? Wenn er ſich nicht offener ausgeſprochen hatte, war es vielleicht Tante Bella's wegen geſchehen, die, ſo oft Wolfgang's Name mit dieſerheilloſen Verſchwörung in Verbindung gebracht wurde, in eine Fluth von Thränen ausbrach? oder traute der Onkel auch ihr nicht die nöthige

Opferfreudigkeit zu? glaubte er, ſie würde nicht den Muth haben, ein Wiederſehen zu wünſchen, weil es für Wolfgang

mit Gefahren aller Art verknüpft war? da kannte ſie der Onkel aber doch noch nicht ganz! Wie hätte ſie denn noch ſo ſtolz ſein können auf ihren Wolfgang, wenn er ſich aus Furcht vor möglichen ſchlimmen Folgen von einem Unternehmen ausſchlöſſe, auf das der Onkel, Doctor Holm, und wahrſcheinlich noch viele Andere ſich unbedenklich ein gelaſſen hatten? Freilich riskirten ſie Alle nicht ihr Leben, und Wolfgang war von dem Kriegsgericht in contumaciam zum Tode verurtheilt und würde unzweifelhaft erſchoſſen werden, wenn man ihn fangen könnte. Das hatte Onkel Peter mehr als einmal ſelbſt geſagt, und Doctor Holm hatte hinzugefügt: es ſei notoriſch, daß man in den betreffenden Kreiſen noch immer nicht wüßte, ob man ſich über Degen⸗ feld's Tod mehr freuen, oder darüber, daß Wolfgang ent kommen ſei, mehr ärgern ſollte.

Ottilien's Herz begann ſchneller zu pochen, als ſie ſich das Alles in dieſer ſtillen nächtigen Stunde vergegenwär⸗ tigte. Es war doch, wenn man es recht bedachte, ein furcht bares Wageſtück, und angenommen auch, daß Wolfgang, wie es unzweifelhaft der Fall war, mehr Muth, Geiſtes⸗ gegenwart und Gewandtheit beſaß, als alle die Anderen, ſo war doch auf der andern Seite nicht minder gewiß, daß er den ſchwierigſten und gefährlichſten Poſten in der ganzen Affaire für ſich beanſpruchen würde; und wie leicht konnte ein Brief aufgefangen, ein Loſungswort verrathen werden;

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wie leicht konnte ihn Jemand erkennen und dann ſtand ja

das Schlimmſte zu erwarten!

Das junge Mädchen erhob ſich vor dem Stuhle. War es die eingeſchloſſene Luft des Zimmers, war es die Stille der Nacht, war es die Ahnung von etwas Wichtigem, Un⸗ geheuren, das über ihr ganzes Lebensſchickſal entſcheiden mußte ihr Buſen war ſo beklommen; ſie hätte weinen mögen und doch hätte ſie auch wieder mit handeln mögen und Wolfgang den Weg bereiten, auf daß ſein Fuß nicht ſtraucheln könnte! Ach! ſie würde ſo ſcharf ſehen; ſie würde keine Vorſichtsmaßregeln unbeachtet laſſen; es war ja gar nicht möglich, daß Onkel Holm und nun gar Andere ſo an Alles denken könnten, wie ſie es würde. Warum hatte ihr der Onkel nicht Alles geſagt? War es nicht grauſam von ihm, ſie hier ſo allein allen Qualen der Angſt, der Ungewißheit zu überlaſſen? Und kam da nicht Jemand mit ſchnellen Schritten die ſtille Gaſſe herauf und blieb vor dem Hauſe ſtehen? Wurde der Schlüſſel nicht in das Schloß geſteckt? Niemand, außer Onkel und Dr. Holm hatte einen Schlüſſel zur Hausthür! und nun kam der leichte ſchnelle Schritt die Treppe herauf! Das Blut ſtockte ihr im Herzen ſie wagte nicht ſich zu rühren, zu athmen. Die Augen ſtarr auf die Thür geheftet, gleich unfähig zu fliehen oder dem Kommenden entgegenzueilen, ſo ſtand ſie da, das lieblichſte Bild freudigen Schreckens. Eine Hand, die nicht lange nach dem Griff zu ſuchen brauchte, öffnete die Thür; eine hohe, ſchlanke Geſtalt ſtand auf der Schwelle, und kam dann mit ausgebreiteten Armen auf ſie zu. Sie ſah nur wie im Traum Wolfgang's geliebtes Antlitz; ſie flog ihm entgegen, und lag an ſeiner Bruſt. Keines hatte ein Wort geſprochen; warum ſollten ſie ſich ſagen, daß dies der Augenblick ſei, nach welchem ſie ſich alle dieſe Zeit hindurch immerdar geſehnt hatten, und von dem ſie mit Sicherheit gewußt hatten, daß er ein mal, ſo oder ſo, kommen müſſe. Und, nun war der Augen⸗ blick da der ſelige, ſelige Augenblick! . . .

Ottilie kam zuerſt wieder zur Beſinnung. Sie entzog ſich ſeinen Armen, eilte nach dem Erker, ließ das Rouleau herunter; lauſchte an der Thür, die nach den innern Ge mächern führte; kam dann zu Wolfgang zurück, um ihn an die Hand zu faſſen und auf den Fußſpitzen in die dunkelſte Ecke des Zimmers, wo dicht neben der Kukuksuhr das kleine Sopha ein Kinderſopha aus den beſſeren Tagen der Schmitz'ſchen Familie ſtand. Da mußte er ſich nie⸗ derſetzen und ſie ſetzte ſich neben ihn ſehr dicht, ſonſt ging es überhaupt nicht und o des Glücks! nun ſeine Hände zu halten, ſich von ſeiner Gegenwart wahr und wahrhaftig zu überzeugen, ihm in das braune Geſicht zu ſchäuen, deſſen ſchöne Züge ſo viel männlicher und energi⸗ ſcher geworden ſind, ſeinen warmen Athem zu fühlen, während er mit leiſer Stimme erzählt: wie ſehr er ſich nach dieſer Stunde geſehnt habe und wie er ihr danke für den Ring, der ihm ein Talisman geweſen ſei in aller Noth und Gefahr; und daß dieſer Ring ihn auch jetzt beſchirmen werde, wo es gelte, der ſchändlichſten Tyrannei ein edles Opfer zu entreißen.

Sag' mir Alles, Wolfgang, bat das Mädchen, in⸗ dem ſie ſeine Hände feſter drückte und ihn groß in die Augen blickte;ich bin ſtärker, als Du glaubſt; ich kann Alles hören; aber die Ungewißheit ertrage ich nicht. Was habt Ihr vor? wann ſoll es geſchehen? wie wollt' Ihr es ausführen?

Du ſollſt Alles hören, Du liebes Herz, erwiderte