Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Namen des Geſetzes geſchrieen hätten. Meine Nerven halten's nicht mehr aus, und wenn nun gar noch der Wolfgang kommt, mein lieber, lieber Wolfgang; mein Aug⸗ apfel, den die dummen ſchlechten Menſchen zum Tode ver⸗ urtheilt haben, als ob Einer von ihnen werth wäre, ihm die Schuhriemen zu löſen, das iſt ja gerade, als ob Daniel aus freien Stücken in die Löwengrube gelaufen wäre, da muß ich ja vor Angſt ſterben, ich mag wollen oder nicht.

Wer weiß, wie lange Tante Bella noch in dieſem Tone fortgeſprochen haben würde, wenn ihr Ottilie nicht plötzlich ſchluchzend um den Hals gefällen wäre und gerufen hätte: Höre auf, Tantchen, ich kann Dich gar nicht ſo vom Wolfgang ſprechen hören.

Tante Bella's Thränen verſiegten in dem Augenblick,

als ſie die Ottilien's fließen ſah. Ihren Liebling zum Weinen gebracht zu haben, das hatte ſie unmöglich gewollt, da mußte ſie offenbar zu weit gegangen ſein. Na, na! ſagte ſie begütigend und die ſchönen Locken, die an ihrer Bruſt zitterten, ſtreichelnd;ich habe es ja nicht ſo bös gemeint. Sei doch nur ruhig, Du kleiner furchtſamer Haſe; er wird ja nicht ſo toll ſein und hierher kommen, wo ihn ſo viele Menſchen kennen und wo er nicht vierundzwanzig Stunden unentdeckt bleiben könnte.

Die Locken hörten plötzlich auf zu zittern und das liebe erregte Geſicht, das ſie umgaben, richtete ſie ſich in die Höhe.

Doch, Tante, ſagte ſie mit großer Beſtimmtheit;er wird kommen.

Dummes Zeug, ſagte Tante Bella.

So gewiß, als ich

Na, was denn? ſagte Tante Bella, als Ottilie plötz⸗ lich ſtockte und roth wurde.

Ottilie brachte ihren Satz nicht zu Ende, ſondern fing an, die Nähſachen zuſammenzukramen.

Natürlich, ſagte Tante Bella,wenn man mal ſo weit iſt, daß man ſich über gewiſſe Dinge gegen die einzige Tante, die man hat, ausſprechen könnte, dann ſchweigt man lieber und packt den Arbeitskorb voll, als ob dadurch das Herz leichter würde. Wenn man mit mir nicht von Wolfgang ſprechen kann, möchte ich doch wahrhaftig wiſſen, mit wem man es könnte. Wer hat den Jungen ſo lieb, wie ich? wer hat ihn ſo viele Aepfel und Kuchen zugeſteckt, wie ich? wer hat ſo viele Freudenthränen über ihn geweint. wenn er mit jedem Jahre größer und ſtattlicher wurde und in der Schule und auf dem Turnplatz und beim Schlitt ſchuhlaufen immer der Erſte war und dabei immer ſo gut und freundlich blieb wie zur Zeit, als er noch ein kleiner Junge war? und wer hat ſo mit ihm gelitten bei dem vie⸗ len Unglück, das nun doch zuletzt, als wenn es keine Ge⸗

rechtigkeit im Himmel gäbe, über ihn gekommen iſt? Nein, nein, liebe Ottilie, Wolfgang hat keine beſſere Freundin,

als mich.

Das weiß ich ja, Tantchen! ſagte Ottilie durch ihre

Thränen lächelnd. Warum ſagſt Du mir denn nicht,

ſchnell. Ich habe ſo eine Ahnung, Tante.

So? haſt auch einmal eine Ahnung? na, da braucht nicht immer wegen meiner Ahnungen auszu lachen. Freilich, Peter ſagt's auch; aber nun frage ich doch einen Menſchen, ob er je ſo etwas Verrücktes gehört hat!

Ihr mich ja

weshalb Du ſo beſtimmt glaubſt, daß er kommen wird? fragte Tante Bella

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Ich danke dem lieben Gott alle Abend, daß der Junge glücklich über alle Berge iſt und da einen ſolchen Freund gefunden hat, wie den Herrn von Degenfeld, der ein char

manter Mann ſein muß, und nun hat das Mädchen ſolche Ahnungen! Wein einſchenken, oder nicht? wirſt Du mir ſagen, ob Du den Wolfgang liebſt, oder nicht?

Sag' mir, Mädchen, wirſt Du mir je reinen

Tante Bella hatte dieſe Frage im Laufe dieſer letzten

Monate ſchon mehr als einmal an Ottilien gerichtet, und war dann jedesmal zweimal vierundzwanzig Stunden ſehr

verſtimmt geweſen, wenn Ottilienoch immer kein Zutrauen

zu ihrer einzigen Tante hatte, und eine ausweichende, oder

Und Tante Bella hätte es doch Waren dochdieſe beiden Kinder

gar keine Antwort gab. gar zu gern gewußt!

ihre Lieblinge, um die ſich in erſter Linie all' ihr Sinnen

und Denken, Hoffen und Wünſchen drehte. Die Beiden mit einander vereinigt zu ſehen, war ihr ſtilles Gebet ge⸗ weſen von dem Augenblicke an, daß Ottilie nach Rheinſtadt kam; der Erfüllung dieſes Wunſches hatte ſie mit heißen Thränen entſagt, als Wolfgang ſich mit Camilla verlobte; jetzt aber, ſeitdem Wolfgang gerettet in der Schweiz und von Herrn von Degenfeld, dem Zwillingsbruder ſeines edlen Freundes, nicht wie ein Fremder, ſondern wie ein theurer Verwandter aufgenommen worden war, ja, nach den Mittheilungen, die ihm dieſer machte, ſich als den Erben von des Freundes nicht unbedeutendem Vermögen betrachten konnte, war für Tante Bella das heiß erſehnte, als uner reichbar aufgegebene Ziel wieder in nächſte Nähe gerückt. Tante Bella hatte ſich in den ſtillen Stunden, wo ſie ſchlaflos in ihrem Bette lag, Alles, wie es kommen könnte, oder vielmehr kommen müßte, ſo genau wie möglich ausge⸗ malt. Wolfgang, in einer glücklichen Situation ange⸗ ſehen, wohlhabend Gutsbeſitzer, Fabrikherr oder ſo etwas in der Art der Junge hatte ja zu Allem Geſchick! in einer paradiſiſch ſchönen Gegend, die Tante Bella ſchon ein paar Mal im Traum ganz deutlich geſehen hatte verheirathet mit Ottilien; ſie ſelbſt (Tante Bella) alle Jahre ein paar Monate auf Beſuch zuihren Kindern kommend (wo möglich im Sommer, ſollte eine beſonders dringende Veranlaſſung es wünſchenswerth machen, natürlich auch während des Winters, aber doch weniger gern); ihre Zeit und ihre Sorge theilend zwiſchen dem Hauſe in der Ufergaſſe und der ſchönen Villa in der bekannten paradieſe⸗ ſchen Gegend, bis ſie, zu ſchwach zum Reiſen, ſich in der Villa, oder im alten Hauſe Garüber konnte Tante Bella, trotzdem ſie die Frage ſehr häufig von den verſchiedenſten Seiten erwogen hatte, nicht in's Reine kommen) jedenfalls aber in einem der beiden Häuſer zur Ruhe ſetzte, von Menſchen, die ſie liebten und ihr manche kleine Schwäche, die ſich doch möglicherweiſe mit den Jahren einſtellen tönnte, willig nachſahen, bis an ihr ſeliges Ende das Gott noch recht lange hinausſchieben möge! gepflegt und keineswegs, wie die alten Mädchen im Urſulinerſpittel, von den Gaſſenbuben verſpottet und verhöhnt ſo hatte ſich Tante Bella's allzeit geſchäftige Phantaſie das Bild der Zukunft für ſie und für ihre Lieben entworfen. Und nun nicht einmal dahinter kommen können, zum wenigſten doch nicht ganz ſicher, nicht, ſo zu ſagen, ſchwarz auf weiß, es haben, ob dieſes ſonderbare, verſchloſſene Ding, die Ottilie, den armen Wolfgang nun auch wirklich liebe! Es war doch rein zum Verzweifeln! Tante Bella mußte es die Kleine wirklich einmal fühlen laſſen, daß doch Alles in der Welt ſeine Grenzen habe, ſelbſt die Geduld einereinzigen