Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Ja, was haſt Du! hat ſich was zu haben! erwiderte Tante Bella;was haſt Du! ich habe dieſelbe Frage heute Abend ſchon dreimal an Dich gerichtet, ohne daß Du mich einer Antwort gewürdigt hätteſt.

Sei nicht bös, liebes Tantchen. Mir iſt das Herz ſo voll! ſagte Ottilie, und wie ſie es ſagte, füllten ſich ihre ſchönen blauen Augen, die ſie bittend zu Tante Bella auf⸗ ſchlug, mit Thränen.

Ich bin nicht bös, brummte Tante Bella, die dieſer Anblick ſofort wieder beſänftigte;ich dächte, Du wüßteſt, daß ich Dir überhaupt gar nicht bös ſein kann, oder fängſt Du auch, wie gewiſſe andre Leute an, mir alles Herz ab⸗ zuſprechen? Ich habe wohl ein Herz; aber ich trag' es nicht in die Schürze, und das ſollte Holm nun wohl auch nach gerade wiſſen.

Holm hat es wahrlich nicht bös gemeint; er war in ſo großer Aufregung.

Bös oder nicht er durfte ſo etwas von einer alten Freundin ich meine von einer Freundin, die er ſo lange kennt nicht ſagen. Und was die Aufregung betrifft wir ſind Alle in Aufregung Gott ſei's geklagt! ich nicht minder, als andre Leute; aber das hindert mich nicht, den Kopf oben zu behalten, und darauf zu beſtehen, daß Recht Recht und Unrecht Unrecht bleibt in alle Ewigkeit trotz alles Euren phantaſtiſchen Hokuspokus und Lirumlarum. Und wenn Ihr mich in Stücke reißt und mit glühenden Zangen zwickt, ich kann nicht anders ſagen, als daß Mün zer ſein Schickſal verdient hat. Wer ſeine Frau und ſeine Kinder verlaſſen und in's Elend ſtürzen kann, der iſt nicht werth, daß ihn die Sonne beſcheint, und wenn er morgen zu ſeiner lebenslänglichen Feſtungsſtrafe noch ein paar Jahre dazu bekommt, ſo ſollte es mich freuen na! freuen gerade nicht; aber recht wäre es doch. Politiſcher Märtyrer! ſchlimm genug, daß er über ſeinen politiſchen Grapſen ſeine heiligſten Pflichten vergeſſen konnte; aber ſiehſt Du, Ottilie, ich ſchwöre es Dir: wäre es deshalb und nur deshalb ge⸗ ſchehen, ich wollte nichts ſagen; ich verſtehe nichts da⸗ von; ich bin zu dumm dazu; ich faſſe das nicht der eigentliche Grund aber, von dem Ihr immer nichts wiſſen wollt, den verſtehe ich ganz gut, den verſtehe ich beſſer, als Ihr Alle, und ich ſage Dir: der eigentliche Grund iſt und bleibt ſeine Leidenſchaft zu dem Frauenzimmer, der Antonie die ich nebenbei noch gar nicht einmal ſo ſchön finden kann. Dieſe Leidenſchaft hat ihn toll gemacht, daß er nicht nach rechts noch nach links ſah, ſondern geradewegs in ſein Verderben hineinlief. Wenn ein Menſch ſich ſeine Grube ſelbſt gegraben hat, ſo iſt es Münzer geweſen. Und weil meine Augen, Gott ſei Dank! noch ſcharf genug ſind, das Alles in dem rechten Lichte zu ſehen, deshalb ſoll ich kein Herz haben? Ei, geht mir doch!

Tante Bella fing in großer Aufregung an, den Tep⸗ zuſammenzurollen und ſah dabei erſchrecklich bös aus. Tantchen, ſagte Ottilie mit großer Beſtimmtheit, Du verkennſt die Sachlage. Recht ſoll Recht bleiben

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gewiß! aber das iſt nicht Recht, daß man Münzer, weil er

ſich für ſeine politiſche Ueberzeugung brav geſchlagen hat, behandelt als wäre er ein gemeiner Räuber. In dieſer Beziehung hat er nicht mehr und nicht weniger gethan, als was Wolfgang und tauſend brave Männer auch gethan haben; und was das Andere anbetrifft, ſo muß das Mün zer mit ſeinem Gewiſſen, das ſchwer genug ſein mag, aus⸗ machen; die Richter haben ſich nicht hineinzumiſchen. Haben ſich nicht hineinzumiſchen! erwiderte Tante

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Bella mit großer Gereiztheit;bitte, ich kann den Tep pich ſchon allein zuſammenrollen, bemühe Dich nicht! haben ſich nicht hineinzumiſchen! Alſo es verdient keine Strafe, wenn Jemand ſich an ſeiner Frau und ſeinen Kin⸗ dern verſündigt, als ob er kein Chriſtenmenſch, ſondern der Großtürke, oder der Dei von Tunis wäre! Nun, meinet⸗ wegen! mir kann es recht ſein; ich bin, Gott ſei Dank, ledig und habe keine Kinder; aber wie Du ſolche Grund⸗ ſätze ausſprechen kannſt, da Du Dich doch hoffentlich noch einmal verheirathen wirſt, das geht über meinen Hori zont. Ich möchte wohl wiſſen, was Du thäteſt, wenn Du

was der Himmel in Gnade verhüten möge! jemals in des armen Clärchen Lage kämeſt! ich möchte es wohl wiſſen!

Tante Bella ſchlug mit der flachen Hand auf den zu ſammengerollten Teppich, und lehnte ſich in die Sophaecke zurück mit der Miene Jemandes, der überzeugt iſt, eine ſchwierige Sache endgültig erledigt zu haben.

Wenn ich in die Lage käme!

Ottilie blickte nachdenklich vor ſich nieder:Wenn ich in die Lage käme, ich würde hoffentlich ſo großherzig den⸗ ken, fühlen und handeln, wie Clärchen. Wer hat das Recht, Münzer zu verdammen, wenn ſie ihn nicht ver⸗ dammt? Und thut ſie es? kommt ein Wort der Anklage über ihre Lippen? könnte ſie ſich anders benehmen, wenn ihre Ehe niemals getrübt worden wäre? Nein, Tante, Clärchen ſelbſt iſt der beſte Beweis, daß Du im Unrecht biſt. Und dann, Tante, es handelt ſich jetzt auch gar nicht um Recht und Unrecht; es handelt ſich darum, Münzer zu befreien, von einem Schickſal zu befreien, das ſchlimmer iſt als der Tod. Wie kannſt Du nur einen Augenblick

darüber im Unklaren ſein, ob Du ihn frei ſehen möchteſt, oder nicht? Wenn man Dich, die ſonſt ſo Gute, Auf⸗ opfernde, ſo wunderliche Bedenken haben ſieht, ſoll man da nicht in Erſtaunen gerathen? und kannſt Du es dem bra⸗ ven Holm wohl ſo übel nehmen, wenn er in ſeinem Aerger von Deiner Herzloſigkeit redet, an die er natürlich ebenſo wenig, als irgend ein Anderer glaubt?

Tante Bella hatte auf ihre letzte Frage eine ſo ener giſche Entgegnung duschaus nicht erwartet. Es blieb ihr durchaus nichts Anderes übrig, als in Thränen auszubre⸗ chen, und die poſitive Behauptung aufzuſtellen, daß ſie das unglücklichſte, am ſchmählichſten verkannte Geſchöpf auf

Erden ſei.Aber ich werde Euch nicht lange mehr beläſti⸗ gen, ſchluchzte ſie:ich werde eine Welt verlaſſen, auf der mich keine Seele mehr lieb hat; und wenn ich dann todt und geſtorben und begraben bin, und der enge Sargdeckel und die ſchwarze Erde auf mir liegt, werdet Ihr ja wohl zur Beſinnung kommen, und einſehen, daß die alte Tante nicht ganz ſo ſchlecht war, wie Ihr geglaubt habt; dann werdet Ihr begreifen, daß ich niemals an mich, ſondern immer nur an Euch gedacht habe, bei Allem, mas ich ſagte und that, und daß Münzer meinetwegen ſo frei hätte ſein können, wie ein Lämmergeier in der Luft, wenn ich nicht geſehen hätte, daß die mir die Liebſten auf Erden ihr Leben dafür auf's Spiel ſetzen müſſen, und ſeinethalben riskiren, daß ſie gefangen und todtgeſchoſſen und auf Lebenszeit in's Gefängniß geſperrt werden. O, es wird mich vor der Zeit wahnſinnig machen, dies ewige Die⸗Köpfe-zuſammen geſtecke und Geconſpirire und Gefängnißwärter-Beſtechen, worauf die ſchwerſte Strafe ſteht. Wenn ich eben einge⸗ ſchlafen bin, fahre ich wieder auf, weil es mir geweſen iſt, als ob ſie an die Hausthür geſchlagen undOeffnet im

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