Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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auch in meiner Art; Sie haſſen den Obriſt, müſſen ihn nach Münzer's Verurtheilung haſſen, wenn Sie ihn vorher noch nicht gehaßt haben; ich haſſe den Obriſt und das nicht ſeit heute. Ich dächte, wir gingen Hand in Hand, da doch unſere Abſichten einmal Hand in Hand gehen. Sie haben, was ich nicht habe; vielleicht beſitze ich einige Eigenſchaften, die Ihnen denn doch trotz aller Ihrer Vorzüge mangeln dürften. Wollen Sie?

Ja, ja! ſagte Antonie.

Können Sie mir Geld geben?

Funfzig Louisd'or etwa ſogleich; in wenigen Tagen, ſo viel Sie wünſchen.

Geben Sie!

Antonie eilte nach dem Büreau und legte eine Rolle in Cajus' Hand.

Aber was wollen Sie, was können Sie thun?

So lange ein Menſch noch Athem hat, darf er die Hoffnung nicht verlieren; erwiderte Cajus;das habe ich in meinem Leben ein paar Dutzend Mal erfahren. Münzer's Sachen ſtehen noch nicht ganz ſo ſchlimm. Bis die Ant⸗ wort auf das officielle Begnadigungsgeſuch aus der Reſidenz zurück iſt und das dauert doch mindeſtens acht Tage läßt ſich Manches thun. Ich habe viele gute Freunde in der Armee, beſonders in dem neunundneunzigſten Regiment, und ein goldener Schlüſſel, wiſſen Sie, ſchließt überall.

Ein leiſes Pochen an der Thür unterbrach das im Flüſterton geführte Geſpräch.

Wer iſt da?

Ich bin's, gnädige Frau; es iſt eben ein Billet ab⸗ gegeben worden, von dem Herrn Obriſt von Hohenſtein.

Antonie ging zu öffnen. Ihr Schritt war feſt und ihre Hand zitterte nicht, als ſie das Billet, welches ihr Kathi überreicht hatte, erbrach. Der eine Gedanke, der ſie ausſchließlich erfüllte, verdrängte jede andere Regung.

Das Billet enthielt folgende Worte:

Schönſte Frau! Ich beeile mich, Ihnen anzuzeigen, daß unſere Bemühungen, Ihren Freund zu retten, leider vergeblich geweſen ſind. Ich habe gethan, was in meinen Kräften ſtand. Vielleicht erhält Ihr Freund durch die Gnade des Monarchen das Leben zurückt, das ihm das Kriegsgericht gegen meinen Wunſch und mein Erwarten abgeſprochen hat. Da die Ueberfüllung der hieſigen Ge⸗ fängniſſe die Translocirung einer großen Anzahl von Ge⸗ fangenen in andere Feſtungen nothwendig macht, ſo glaube ich, Ihren Wünſchen entgegenzukommen, wenn ich Herrn M., der überdies von den Gerichten in Rheinſtadt der Rhein felder Affaire wegen reclamitt iſt, einem größeren, noch heute dahin abgehenden Transport zugetheilt habe. Da ich vermuthe, daß Sie ſo viel als möglich in der Nähe Ihres Freundes bleiben werden, ſo wünſche ich Ihnen, im Falle ich Sie, was bei der Ueberlaſt meiner Geſchäfte wenig wahrſcheinlich iſt, heute nicht mehr ſehen ſollte, eine glück⸗ liche Reiſe. Mit den Gefühlen, die Sie ſo ganz theilen,

Ihr G. v. Hohenſtein.

Leſen Sie! ſagte Antonie, Cajus das Billet reichend.

Cajus las es aufmerkſam durch.

Hm, ſagte er,man will Sie los ſein, das iſt keine Frage; aber wenn es ſich mit Münzer ſo verhält, und ich zweifle nicht daran, ſo haben wir in Rheinſtadt un⸗ zweifelhaft mehr Chancen als hier. Auf jeden Fall müßten Sie dann heute abreiſen. Je weniger Sie daraus, wie überhaupt aus Ihrer Theilnahme für Münzer, ein Geheimniß

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machen, deſto beſſer iſt es. Von Jemand, der offen ſeine Sympathien an den Tag legt, erwartet man nicht, daß er nebenbei heimlich complotirt. Wenn ſich unterwegs nichts thun läßt, komme ich zugleich mit dem Transport in Rhein ſtadt an. Vielleicht werden Sie dann die Güte haben müſſen, mich auf einige Zeit in Ihr Haus aufzunehmen. Bis dahin, leben Sie wohl und halten Sie baares Geld bereit; ich ſchreibe, wenn ich mehr brauche. Noch Eines! Es iſt leicht möglich, daß man Ihre Correſpondenz über wacht; wir werden deshalb die Vorſicht anwenden müſſen, uns in franzöſiſcher Sprache über ein koſtbares Gemälde zu unterhalten, das für Sie von Italien aus unterwegs iſt. Wann können Sie fort?

Sogleich. Darf ich Münzer's Gattin, die hier iſt, mit mir nehmen, wenn ſie mich begleiten will?

Ja! ſagte Cajus nach einigem Beſinnen;man fürchtet zwei Frauen noch weniger als eine. Leben Sie wohl.

Er warf den Querſack, den er an der Thür abgelegt hatte, wieder über die Schulter und ging hinaus. Wenige Augenblicke ſpäter ſah Antonie ihn langſamen, ſchwerfälligen Schrittes die Straße hinaufſtampfen. Sie traf die Vor⸗ bereitungen zu ihrer Abreiſe ruhig, gelaſſen, als wäre Alles, wie es ſein ſollte. In ihrem Herzen war es ſtill, wie in einer Wüſte, in welcher ein giftiger Samum jede Spur des Lebens getödtet hat. Selbſt ihr Durſt nach Rache kam ihr nicht als ein beſonderes Gefühl zum Bewußtſein; ihr ganzes Weſen war ſo davon erfüllt, daß ſie die Rache athmete wie die Luft, die ſie umgab, daß jeder Herzſchlag Rache war.

31.

Eines Abends im Anfang des September zwei Monate faſt nach den letzten Ereigniſſen ſaßen in dem Vorderzimmer des Hauſes in der ufergaſſe Tante Bella und Ottilie Tante Bella in der Ecke des Sophas, Ottilie vor ihr neben dem großen Tiſch, auf dem die Lampe ſo gerückt war, daß die beiden Damen das möglichſt helle Licht für ihre Arbeit hatten. Aber die Arbeit, ein großer Fußteppich, auf welchem ein rieſiger ſchwarzbrauner Keiler von hellbraunen und gelben Doggen mit klaffenden rothen Mäulern geſtellt war, während ein dunkelgrüner Jäger, dem vorläufig noch der Kopf und die Arme fehlten, eben im Begriff ſtand, ihm einen noch nicht vorhandenen Spieß in den offenen Rachen zu ſtoßen, die faſt vollendete Arbeit ruhte in dieſem Augenblick und es hatte auch nicht den Anſchein, als ob dieſelbe heute Abend noch weſentlich gefördert werden würde. Tante Bella hatte die Brille auf die Stirn gerückt und blickteg über die Arbeit weg Ottilien an, die ſo nachdenklich träumeriſch vor ſich hinſtarrte, daß der grüne Jäger, der auf ihrem Schooße ruhte, es offenbar nur ſeinem kopfloſen Zuſtande zu verdanken hatte, wenn

ihm das Herz nicht unruhig in der wollenen Bruſt ſchlug. ſeufzte leiſe, ließ die

Tante Bella ſchüttelte das Haupt, Brille wieder auf die Naſe fallen, machte ein paar Stiche, blickte wieder zu Ottilien hinüber, nahm dann mit einem energiſchen Entſchluß die Brille ab, warf dieſelbe in den Arbeitskorb und ſagte ärgerlich:

Es geht nicht; ich kann nicht; ich mache lauter dum⸗ Zeug.

Was haſt Du, liebe Tante? fragte Ottilie, faſt er⸗ ſchrocken aus ihrem Traum auffahrend.

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