Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Nicht doch, erwiderte Antonie,ich befinde mich ſehr wohl, ganz wohl. Eilen Sie, mein Kind, und, hören Sie, Sie beſorgen den Brief ſelbſt!

Dem Mädchen war es ganz ſonderbar zu Muthe ge worden. Sie hatte einen ſolchen Ton noch nie gehört, ein ſolches Geſicht noch nie geſehen. Sie konnte es den ganzen Abend nicht vergeſſen, ſie träumte in der Nacht davon. Sie wußte, daß die gnädige Frau einen Verwandtenin den Kaſematten habe und dachte ſich wohl, daß das Schickſal dieſes Verwandten auf dem Punkte ſtehe, entſchieden zu werden. Deshalb war auch wohl der große, ſchwarze Offizier, der ſchon am Nachmittag dageweſen war, der ſelbe, an den ſie den Brief gebracht hatte, am Abend ſpät noch einmal gekommen und über eine Stunde bei der gnädigen Frau geblieben. Sie mußten recht böſe Dinge zu verhandeln gehabt haben der finſtere Offizier und die gnädige Frau, denn ſie hatte, als ſie einen Augenblick an der Thür gelauſcht hatte, gehört, wie die gnädige Frau geſagt hatte:wenn Sie Ihr Wort nicht halten, ſo erwürge ich Sie mit meinen eigenen Händen; worauf der Offizier mit heiſerem Lachen etwas erwidert hatte, wovon das Mäd⸗ chen nur die Worte:Brieftaſche undSicherheit verſtand.

Am nächſten Morgen, als ſie der gnädigen Frau den Kaffe brachte, hatte dieſe, die an dem Pulte ſaß und ſchrieb, ſich auf ihr: guten Morgen! ganz gegen ihre Gewohnheit nicht einmal umgewandt, geſchweige denn ein freundliches Wort erwidert. Dann nach etwa einer Stunde hatte ſie geklingelt und in kurzem, rauhen Ton ohne das Geſicht vom Fenſter, an welchem ſie ſtand, wegzuwenden be⸗ fohlen, ihr bis zu zehn Uhr einen Wagen zu beſorgen und die Rechnung bereit zu halten.

Was mochte nur mit der gnädigen Frau, die alle dieſe Tage ſo freundlich geweſen und heute ſo ſtolz und herriſch war, vorgegangen ſein? Das kleine Kathi zerbrach ſich faſt ihren hübſchen Kopf darüber, als ſie in dem hellen Sonnen ſchein vor der Hausthür neben den Bauernwagen, von denen die Pferde abgeſpannt waren, ſtand, und nach der Thurmuhr aufſchaute, wo der vergoldete Zeiger beinahe

ſchon auf zehn wies. Da fragte plötzlich eine Stimme mehr über ihr, als neben ihr:Ob Frau von Hohenſtein, die in dem Gaſthofe wohne, zu Hauſe ſei? Das kleine Kathi blickte zu dem Bauersmann, der ſie angeredet hatte, auf. Es war ein rieſengroßer, plumper Menſch in einer blauer Blouſe und leinenen Gamaſchen, mit einem glatt raſirten, ſonderbar dummen Geſicht, aus dem ein paar tiefliegende Augen mit einem ſchielenden und halb blödſinnigen Aus druck ſtarrten.

Ich weiß, daß ſie zu Hauſe iſt, ſagte der große

Menſch,führe mich zu ihr, Kleine; ich habe wichtige Nach

richten für ſie von ihrem Verwandten.

Sind's auch gute? fragte die kleine Kathi.

Ei gewiß! ſagte der Mann, mach' nur ſchnell, ich muß meinen Hafer noch verkaufen, habe wenig Zeit.

Kathi beſann ſich nicht lange. Gute Nachrichten von ihrem Verwandten die konnte die arme gnädige Frau gerade brauchen. Sie lief voran in das Haus, die Treppe hinauf, blieb vor der Thür ſtehen und ſagte: geh' Er nur hinein, wenn Er gute Nachrichten hat.

Der Mann drückte leiſe die Thür auf, trat in das Zimmer und ſchob, als er eingetreten war, den Riegel vor die Thür. Indem er ſich nach Antonie wandte, nahm ſein Geſicht plötzlich einen andern Ausdruck an, daß ihn ſelbſt die kleine Kathi nicht wieder erkannt haben würde.

mit angeſehen und angehört hat.

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Wer ſind Sie? rief Antonie, unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.

Der in der Blouſe legte den Finger auf den Mund und ſagte ſchnell und leiſe:

Ich heiße Cajus. Sie werden mich dem Namen nach kennen. Ich bin ſeit geſtern hier in dieſer Verkleidung, um zu ſehen, was ſich für ihn thun läßt. Ich weiß, daß Sie für ihn gethan haben, was Sie konnten; aber Sie können wenig; ich kann vielleicht mehr thun; aber ich brauche dazu Geld, das ich nicht habe. Deshalb komme ich zu Ihnen.

Münzer und Degenfeld hatten oft in Antoniens Gegen wart von Cajus geſprochen. Sie konnte kaum zweifeln, daß dieſer kühne, verſchlagene Mann wirklich Cajus ſei. Und dennoch die Erzählung des Obriſten die Brief⸗ taſche, die ſeit geſtern Abend in ihren Händen war.

Kennen Sie dies? fragte ſie, die Brieftaſche, die ſie in den Pult verſchloſſen hatte, hervorlangend und Cajus entgegenhaltend.

Ich kenne ſie wohl; es iſt meine Brieftaſche, die der arme Schelm, den man ſtatt meiner erſchoſſen hat, bei ſich trug. Ich weiß das von einem mir befreundeten Unter offizier, der in der Nähe geſtanden und den ganzen Handel Aber ich glaubte ſie in den Händen des Obriſten.

Sie iſt ſeit geſtern in meinen Händen, ſagte Antonie.

Da wünſche ich nur, daß der Preis, den Sie dafür gezahlt haben, nicht zu groß geweſen iſt, ſagte Cajus mit ſonderbarem Lächeln.

Wie meinen Sie? fragte Antonie, der bei Cajus' letzten Worten alles Blut in die blaſſen Wangen geſchoſ⸗ ſen war

Wenn der Obriſt Ihnen vielleicht geſagt hat, daß Sie mit der Taſche den ganzen Inhalt derſelben hätten, ſo hat er Sie belogen, erwiderte Cajus;die wichtigſten Briefe, oder vielmehr der eine wichtige Brief, der Münzer wirklich gefährlich war und ihm den Hals hat brechen helfen, lag heute Morgen auf dem Tiſch des Kriegsgerichts.

Antonie ſchwankte nach der Lehne eines Stuhls, auf die ſie ihre zitternden Hände legte. Aber alsbald raffte ſie ſich wieder auf, trat dicht an Cajus heran und ſagte mit heiſerer, kaum vernehmbarer Stimme:

Martern Sie mich nicht! Was wiſſen Sie? verurtheilt?

Ja; ich weiß es von eben jenem mir befreundeten Unteroffizier, der Mitglied des Kriegsgerichtes geweſen iſt. Er und der Lieutenant von Todwitz haben, um Münzer wenigſtens das Leben zu retten, auf lebenslängliche Feſtungs⸗ haft, die Uebrigen auf Tod erkannt, ihnen voran der Obriſt von Hohenſtein, der Himmel und Hölle in Bewegung geſetzt hat, das Todesurtheil zu erpreſſen. Zuletzt, da keine Ein⸗ ſtimmigkeit zu erzielen geweſen iſt, hat man ſich genöthigt geſehen, den Verurtheilten der Gnade des Monarchen zu empfehlen. Nun, ſie wiſſen ja, wie man da Gnade übt.

Aus Antoniens Wangen war alles Blut gewichen, während ſie, ſtarren Auges, die Lippen halb geöffnet, auf Cajus Bericht lauſchte, als dürfe ihr kein Laut entgehen. Dann wurden ihre Augen noch ſtarrer und durch die zu ſammengepreßten Zähne kam nur das eine Wort:Rache!

In Cajus' dunklen Augen blitzte es unheimlich, als das Wort ſein Ohr traf.

Ich glaube, ſagte er,die Intereſſen der hochgebor⸗ nen Dame und des Proletariers gleichen ſich in dieſem Falle auf eine ſeltene Weiſe. Sie lieben Münzer, ich liebe ihn

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