Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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„Arme, arme Frau!“ ſagte ſie noch einmal, in der Fluth von Gedanken, die auf ſie einſtürmte, verloren.

„Ich will ja nichts weiter als ihn noch einmal ſehen;“ fuhr Elärchen fort; „nicht um meinetwillen; um ſeinetwillen, denn ich weiß, daß, wenn er mich auch nicht liebt, wie er Sie liebt, ſein Herz doch ſchwer iſt, ſo oft er an mich denkt. Ich will ihm nur ſagen, daß ich ihm längſt verziehen habe, wenn ich ihm je etwas zu verzeihen hatte, daß, wenn er ſterben muß, er um meinetwillen ruhig ſterben kann.“

Um die bleichen Lippen zuckte ein ſo wilder Schmerz und doch klang die Stimme ſo ſanft und feſt.

„Sie ſehen mich erſchrocken an, gnädige Frau,“ ſagte ſie, „haben Sie denn eine Hoffnung, daß er leben bleiben kann? Ich habe keine. Ich weiß, daß er nichts wieder⸗ rufen, daß er im Gegentheil, wenn man ihm das Wort verſtattet, die ganze Kunſt ſeiner Rede nur dazu anwenden wird, ſeinen Ueberzeugungen noch einmal Ausdruck zu geben. Man wird ihn verurtheilen; er wird fallen für die Sache, für die er gelebt; aber damit er auch nicht mit der Wimper zuckt, damit ſeine Henker nicht die Spur einer Schwäche in ſeinem ſchönen Antlitz leſen können, damit er herrlich wie ein Held dem Tod in's Auge ſieht — dazu muß ich ihn ſprechen, ohne mich kann er nicht ruhig ſterben.“

„Halten Sie mich nicht für anmaßend, gnädige Frau,“ fuhr Clärchen nach einer kleinen Pauſe fort, „wenn ich das mit ſolcher Gewißheit ausſpreche, ſelbſt Ihnen gegenüber. Sie und er — das iſt ein voller Accord, in den ſich kein falſcher Ton miſcht. Er iſt Ihrer Liebe, Sie ſind ſeiner Liebe gewiß. Jetzt, nachdem ich Sie geſehen habe, zweifle ich nicht mehr daran. Sie ſind die Verwirklichung ſeines Ideals; er mußte Sie lieben, mit derſelben Nothwendigkeit, Da iſt Alles eine große, herrliche Harmonie. Aber er und ich! das war ein Mißklang — er kann ihn nicht löſen, ich kann es einzig und allein; ich muß ihm ſagen, daß ich ihn von ganzem Herzen, aus voller Seele, aus tiefſter, innigſter Ueberzeugung frei ſpreche von dem Unglück, die einzige ſeiner würdige Gefährtin zu ſpät gefunden zu haben.“

„Um Gottes willen ſprechen Sie nicht ſo,“ rief An⸗ tonie, „Sie wiſſen nicht, wie jedes Ihrer Worte mein Herz zerreißt. O, mein Gott, mein Gott, was habe ich gethan!“

Sie warf ſich zu Clärchens Füßen und bedeckte ihre Hände mit Thränen und Küſſen. Clärchen bemühte ſich, die in Leidenſchaft Aufgelöſte zu beruhigen.

„Nein, nein!“ ſchluchzte Antonie, „laſſen Sie mich vor Ihnen knieen; laſſen Sie mich zu Ihnen beten, wie man zu einer Heiligen betet. O, wie furchtbar habe ich mich an Ihnen verſündigt! und wie wenig habe ich bisher daran gedacht! Aber ich will wieder gut machen, was ich ge⸗ frevelt habe! ich will es! ich ſchwöre es Ihnen!“

Sie richtete ſich wieder empor, ging einige Male mit haſtigen Schritten in dem Gemache auf und ab, kam dann wieder auf Clärchen zu, ſetzte ſich neben ſie und ſagte, ihre Hand ergreifend, mit einer Stimme, deren Ruhe mit der Leidenſchaft, die ſie noch ſo eben gezeigt hatte, faſt unheim⸗ lich contraſtirte:

„Bei wem ſind Sie geweſen?“

Clärchen nannte die Namen einiger hochgeſtellter Offiziere.

„Sie haben ſich nicht an den Rechten gewandt,“ er⸗ widerte Antonie mit finſterm Lächeln; „bei all' den Men⸗ ſchen bin auch ich geweſen; ſie wollten nichts für mich thun; ich glaube, ſie konnten nichts thun; aber der Eine kann's — und ſoll's!“

mit der er athmen mußte, wenn er leben wollte.

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„Wer iſt es?“

Clärchen muͤßte die Frage mehrmals wiederholen; An⸗ tonie ſaß da, an der Unterlippe nagend, düſtern Auges auf den Boden ſtarrend; endlich fuhr ſie, wie aus einem ſchlim— men Traum erwachend, empor.

„Wer es iſt? — ich kann es Ihnen nicht ſagen, aber verlaſſen Sie ſich auf mich. Heute werde ich Ihnen nicht mehr helfen können; aber daß Sie ihn morgen, nachdem das Urtheil geſprochen iſt, ſehen werden, dafür, glaube ich, kann ich mich verbürgen. Ich hoffe noch mehr für Sie; aber laſſen Sie mich bis morgen — bis morgen.“

„Was haben Sie vor?“ fragte Clärchen, die der Aus⸗ druck in Antoniens ſtarrem Geſicht erſchreckte.

„Ich kann Ihnen nichts weiter ſagen; aber ich be⸗ ſchwöre Sie: verlaſſen Sie ſich auf mich! — Erzählen Sie mir von Ihnen, von Ihren Kinder?“

Ueber Clärchens Geſicht flog ein dunkler Schatten.

„Ich habe nur noch ein Kind,“ ſagte ſie leiſe.

Antonie griff an ihre Stirn, wie Jemand, der ſeinen Sinnen nicht traut. „Wie? was ſagen Sie?

„Mein Knabe iſt todt,“ ſagte Clärchen in ſtiller Re⸗ ſignation; „heute von vierzehn Tagen haben wir ihn der Erde übergeben. Er kränkelte ſchon ſeit dem vorigen Früh⸗ jahr; Dr. Brand ſagte: es wäre ein organiſcher Fehler am Herzen geweſen; — vielleicht hat er es geſagt, um mich über den frühen Verluſt zu tröſten — ich weiß es nicht.“

„Fürchterlich, fürchterlich,“ murmelte Antonie.

„Und nun laſſen Sie mich Sie tröſten,“ ſagte Clärchen, ihre Arme um Antoniens Nacken ſchlingend; „ich bin doch die Stärkere von uns Beiden. Wir wollen gemeinſam tra⸗ gen, was uns gemeinſam getroffen hat und trifft. Sie lieben ihn von ganzer Seele, das ſehe ich ja. So will ich Sie auch lieben, wie eine ſchöne Schweſter, der ich alles Heil und allen Segen wünſche.“

Antonie verbarg ihr Geſicht an Clärchens Buſen und weinte bitterlich.

So ſaßen die Frauen, ſich innig umſchlungen haltend und Worte der Liebe und des Troſtes, der Reue und der Verzeihung austauſchend.

Die Uhr im Thurm der benachbarten Kirche ſchlug die ſiebente Stunde. Antonie richtete ſich ſchnell in die Höhe.

„Verlaſſen Sie mich jetzt,“ ſagte ſie, „bleiben Sie ruhig in Ihrer Wohnung; ich ſende Ihnen morgen Bot⸗ ſchaft; ängſtigen Sie ſich nicht, wenn es auch etwas ſpät werden ſollte. Die Botſchaft ſoll beſſer ſein, als Sie jetzt zu hoffen wagen.“

Sie führte Clärchen zur Thür, umarmte und küßte ſie noch einmal und ließ ſie hinaus.

Dann ging ſie an ihren Schreibtiſch, ſchrieb haſtig einige Zeilen, ſiegelte, und klingelte dem Mädchen.

„Bringen Sie dieſen Brief an — an die bezeichnete Adreſſe! Aber thun Sie es ſelbſt! wollen Sie?“

„Gewiß, gnädige Frau.“

„Sie bekommen keine Antwort; der Herr wird mir die Antwort ſelber bringen. Sie wollen ihn ohne Anmeldung einlaſſen, wenn er kommt.“

„Zu Befehl, gnädige Frau.“

Das Mädchen blickte empor; der Ton, in welchem die gnädige Frau geſprochen hatte, war ſo ſonderbar geweſen! Sie erſchrack, als ſie bemerkte, daß Antoniens Geſicht bleich und faſt verzerrt war.

„Sie ſind krank, liebe, gnädige Frau,“ ſagte das Mäd⸗ chen, „gewiß Sie ſind krank.“