Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Sie gegen mich ſo conſequent an den Tag legen, passa- blement großmüthig zu nennen iſt. Und wie gern würde ich mehr für Sie thun! wie peinlich iſt es mir, daß gerade ich dem Gerichte präſidiren muß, das morgen über Münzer aburtheilen wird! ja, daß ich durch einen Zufall Richter und Kläger in einer Perſon bin! Sehen Sie dieſe Brief— taſche! Würden Sie glauben, daß in dieſem ſchmutzigen Ding Leben und Tod Mürzer's enthalten iſt.“

Antonie warf einen ſchnellen Blick auf die Brieftaſche, die der Obriſt in den Händen hielt; ein Zucken flog durch ihren Körper. Der Obriſt lächelte.

„Ich fand dieſe Brieftaſche auf dem Schlachtfelde. Sie hat einem Menſchen gehört, der ſich Cajus nannte, einer der Führer der demokratiſchen Bewegung und nebenbei ein ſpecieller Freund Münzer's geweſen iſt. Sie werden deshalb wohl jedenfalls ſeinen Namen kennen, vielleicht die Ehre ſeiner perſönlichen Bekanntſchaft gehabt haben. Ich bedauere, Ihnen ſagen zu müſſen, daß meine Leute die Un⸗ beſonnenheit hatten, dem Kriegsgericht vorzugreifen und den Mann auf der Stelle niederzuſchießen. Indeſſen läßt ſich der Verluſt verſchmerzen, da die Papiere, die ſich in dieſer. ſeiner Taſche befinden — unter andern verſchiedene Briefe von Münzer's Hand — ſehr deutlich ſprechen. Die Briefe ſind nur klein, nur Zettel, wenn Sie wollen; aber als die einzigen ſchriftlichen Documente, die, ſoviel ich weiß, über Münzer's hochverätheriſche Thätigkeit vorhanden ſind, wie— gen ſie ſehr ſchwer.“

Der Obriſt ſteckte das Portefeuille wieder in die Bruſttaſche und ſagte, während er langſam ſeinen Rock zuknöpfte:

„Es ſcheint, daß Münzer einen höheren Poſten in der ſogenannten Revolutionsarmee nicht bekleidet hat; auch iſt er, ſo viel ich weiß, nie in einem militairiſchen Verhältniſſe bei uns geweſen. Wenn er unter den Richtern einen guten Freund hätte, der dieſe Umſtände gehörig in's Licht ſtellte; und wenn die eben beſprochenen Zettel, die ſich auf ſeine organiſatoriſche Thätigkeit noch vor Beginn des Feldzuges, wo er eine Art von Civilcommiſſar geweſen zu ſein ſcheint, beziehen, nicht producirt würden, ſo wäre ein mildes, viel— leicht freiſprechendes Urtheil meiner Meinung nach nicht unmöglich.“

Der Obriſt ſtand auf.

„Und was wäre der Preis, den dieſer — gute Freund forderte?“ fragte Antonie mit dumpfer Stimme.

Der Obriſt ſetzte ſich wieder.

„Sie ſtellen die Frage auch gleich verzweifelt praktiſch,“ ſagte er mit ſeinem heiſeren Lachen; „vermuthlich deshalb, weil Sie ganz gut im Stande ſind, ſie ſich ſelbſt zu be— antworten. Im Kriege, holde Antonie, gelten alle Vortheile; wir ſind im Kriege und der Vortheil iſt unzweifelhaft auf meiner Seite. Eine ſo ausnehmend praktiſche Frau wie Sie wird es mir unmöglich verdenken können, wenn ich meinen Vortheil geltend mache.“

Ein Schauder flog über Antoniens ganzen Körper.

„Mißverſtehen Sie mich nicht,“ fuhr der Obriſt fort, „ich bin kein girrender Schäfer. Ich will Alles, oder Nichts, und will es noch vor morgen, denn, wenn morgen Ihr Liebhaber wieder auf freien Füßen iſt, oder die Gewißheit hat, es in kurzer Zeit zu ſein, ſo möchten Sie den Preis nicht mehr zahlen wollen. Entſcheiden Sie ſich!“

Er erhob ſich abermals.

„Ich habe mich entſchieden,“ erwiderte Antonie, „er würde ein Weib verachten, das, um ihn zu retten, ſeine

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Ehre preisgeben konnte, und wenn er es nicht thäte: er wäre mir doch verloren, denn ich würde meine Schande in dem erſten beſten Teich ertränken. Sie ſehen: der Handel iſt zu ungleich.“

„Wie Sie wollen,“ ſagte der Obriſt kalt, indem er den Degen einſteckte und ſeine Mütze ergriff; „aber vielleicht beſinnen Sie ſich eines Beſſeren. Ein Brief von Ihnen, wenn er in meinem Quartier bis heute Abend neun Uhr abgegeben wird, würde mich unfehlbar treffen. Ich werde dafür Sorge tragen. Bis dahin, leben Sie wohl, ſchöne Antonie und — beſinnen Sie ſich!“

Er machte eine ſpöttiſche Verbeugung und entfernte ſich, nachdem er noch in der Thür einen ſeiner finſteren ſtechenden Blicke auf Antonien geworfen hatte, die, beide Hände gegen ihre Schläfen drückend, noch immer regungslos auf dem Sopha ſaß.

Aber kaum hatte er die Thür hinter ſich geſchloſſen, als ſie aufſprang und, einer Raſenden gleich, mit gerunge⸗ nen Händen in dem Gemache auf- und niederzuſchreiten begann. All' die wilde Leidenſchaft, die ſie ſo mühſam zurückgehalten hatte, brach jetzt los, wie ein entfeſſelter Strom. Ihre Wangen glühten, ihre Augen blitzten vor Zorn; ſie murmelte wilde Verwünſchungen, und dann warf ſie ſich wieder auf das Sopha und ſchluchzte und ſtöhnte unter tauſend Thränen: „O, mein Gott, mein Gott! was ſoll ich thun! was ſoll ich thun!“

Ein hübſches junges Mädchen blickte herein und ſagte:

„Ach, verzeihen Sie, gnädige Frau; aber draußen iſt eine Dame, die Sie dringend zu ſprechen wünſcht.“

„Wie heißt ſie?“

„Sie wollte mir ihren Namen nicht nennen; aber ich glaube, daß ſie wohl auch einen Verwandten in den Kaſe⸗ matten haben muß; ſie ſieht ſo ſehr traurig aus.“

„Führen Sie ſie herein;“ ſagte Antonie, ſich raſch er⸗ hebend und ihr Taſchentuch ſchnell noch einmal auf ihre Augen und Wangend drückend.

Die fremde Dame blieb, als das Mädchen die Thür hinter ihr geſchloſſen hatten, ſtehen und ſchlug ihren Schleier zurück. Antonie hatte Clärchen nie geſehen; aber ein Blick in das blaſſe, ſchmerzdurchwühlte Antlitz der jungen Frau ſagte ihr, wen ſie vor ſich habe. Sie trat raſch auf Clär⸗ chen zu und ſagte, ihre Hand ergreifend:

„Sie ſind — ſeine Gattin!“

Clärchens Antwort waren zwei Thränen, die aus ihren Augen quollen und langſam über ihre bleichen Wangen rannen. Antoniens Hände zitterten, als ſie mit geſchäftiger, faſt demüthiger Freundlichkeit Clärchen das Hutband löſte, den Shawl abnahm und ſie nach dem Sopha führte.

„Seit wann ſind Sie hier?“

„Seit geſtern.“

„Und haben Sie ihn geſehen?“

„Man will mich nicht zu ihm laſſen; morgen — viel⸗ leicht; aber ich glaube: man hat mir es nur geſagt, um mich los zu werden; können Sie nichts, nichts für mich thun?“

Und Clärchen blickte angſtvoll Antonien an.

„Arme, arme Frau!“ murmelte Antonie. Sie konnte ihre Augen nicht von Clärchens Geſicht abwenden; ſie hatte ſich Münzer's Gattin ſo ganz anders gedacht. Hatte er wirklich kein Auge gehabt für die Milde und Güte, die aus dieſen reinen, durchgeiſteten Zügen ſprach? hatte er wirklich kein Ohr gehabt für die Melodie dieſer ſanften Stimme? hatte er dieſe ſchlanke weiße Hand halten und wieder laſſen öen